der Reise ermüdet, in ein wohlbekanntes Zimmer zu treten glaubt, und sich plötzlich von ein paar Dutzend fremden Gesichtern umgeben findet! Das Bildniss des Vaters war nicht mehr da; sie verlangte es von allen Umstehenden, und statt es ihr zu geben, oder ihr sanft die Ursache aller dieser Veränderungen zu erklären, riss man sie gewaltsam aus dem Zimmer. Umsonst verlangte sie ihre Mutter zu sehen, man sagte ihr, dass ihr diese beföhle zu Bett zu gehen, und führte sie in ein kleines Kämmerchen hinter der Küche, wo man sie einschloss, und ihr Zeit liess, allein zu toben. Luisens Brüder waren jung, sie liebten die Freude: es musste sie natürlich befremden, dass ihnen ihr Schwager einen so traurigen Anblick, den zu ertragen weit eher seine Pflicht war, als die ihrige, vor die Augen stellte. Die Mutter verbarg ihnen also das unglückliche Weib; und da sie Luisens Kammerfrau nicht leiden konnte, gab sie ihr gleich anfangs ihren Abschied; aber die Kranke ward darum nur schlechter bedient, als jemals. Madame N. hatte seit Luisens Abwesenheit ihr Gesinde verändert, sie fand sich also von lauter unbekannten Leuten umgeben; auch die Zahl der Mägde war eingeschränkt, und da eine jede ihre angewiesene Arbeit hatte, war ihnen der Zuwachs von Mühe durch Luisens Wartung, zumal da bei ihrer Lage nicht viel Lohn dafür zu erwarten stand, wenig gelegen. Sie überredeten also die Mutter, dass sie von einem mann bewacht werden müsste. Wäre Luise nicht von Sinnen gewesen, so hätte sie jetzt ihren Verstand verlieren müssen. Sie, die sich immer vor den Soldaten gescheut hatte, sah jetzt einen grossen Unteroffizier, die Hetzpeitsche in der Hand, unaufhörlich neben ihrem Bette. Der Mensch war nicht böse, aber dumm; so oft Luise die hände unter der Decke hervorzog, schlug er auf diese zu, bis sie endlich beträchtlich aufschwollen, weil er sich einbildete, die Bettwärme wäre zu ihrer Genesung notwendig. Die arme Luise, welche die Ursache dieser Behandlung gar nicht erraten konnte, wurde endlich durch den Instinkt gelehrt, ihre hände zu verstecken. In manchen Augenblicken kehrte ihr Bewusstsein völlig zurück, und dann war ihr Zustand wirklich verzweifelt. Bei einem leidenden, und von jeher an Bequemlichkeit gewöhnten, jetzt der Schonung so bedürfenden Körper, bei einem reizbaren, Liebe dürstenden, und nur durch Teilnahme und Liebe zu beruhigenden Herzen, sah sie, das Kind des Hauses, das sich nur einige Schritte von seiner Mutter entfernt, unter Einem dach mit ihr wusste, sich allein, von ihr nie besucht, dem Mitleid des Gesindes überlassen, in eine elende kammer eingesperrt, die einer Wachtstube glich. Ihrer Mutter Kammerfrau mochte ihr Zimmer gern für sich allein haben; die Köchinn führte also alle Leute, die mit ihr zu sprechen hatten, in das Behältniss, wo Luise lag. Sie wärmte sich da, wenn sie vom Markte kam, sie reinigte da das Gemüse, und trieb alle Küchengeschäfte in dieser kammer. Die männlichen Bedienten des Hauses, welche ihre Kammern unterm dach hatten, fanden es sehr unbequem, jedesmal so oft die herrschaft schellte die Treppen herunter zu steigen, und hielten sich daher gewöhnlich in dem nämlichen Behältniss auf, wo sie sich die Zeit mit Tobackrauchen und Zeitungs-Lesen vertrieben. Dieser letzte Umstand machte Luisen unendlich viel Vergnügen, denn sie hofte immer etwas von ihrem geliebten Blachfeld zu hören, weil es ihr gar nicht in den Sinn kam, dass eine andre Ursache als ein Feldzug ihn von ihr entfernt halten könnte. Was Luisen, ausser der Ungewohnheit, Bediente um ihr Bette Tobackrauchen zu sehen, am meisten auffiel, war ein Weib, das mit der Pfeife im mund unter ihnen sass, und von ihren gemachten Feldzügen sprach. Dieses Weib war im siebenjährigen Kriege Marketenderin gewesen, und behauptete eine geheime Kurart gegen die Tollheit zu besitzen. Madame N. hatte die Schwachheit, sich von ihr betören zu lassen; sie dankte den Unteroffizier ab, und übergab Luisens Wartung diesem weib, welches dem Trunke ergeben war, und nur um Brandwein zu kaufen, auf Geldverdienst ausging. Luise war nun in weit übleren Händen; den Soldaten hatte sie oft durch ihre Tränen entwafnet, aber dieses Weib war unerbittlich. So oft Luise sie trinken sah, zitterte sie; denn der Trunk machte sie boshaft, und sie prügelte dann auf Luisen zu, als hätte sie ein Stück Holz vor sich. Oft musste die Unglückliche die dringendsten Bedürfnisse entbehren; nach einem Glase wasser, zur Löschung ihres brennenden Durstes, oft umsonst flehen. Einst erbat sie eines von dem Bedienten ihres Bruders; er reichte ihr einen metallenen Becher, der so stark war, dass sie ihn in diesem Augenblicke, wo ihre Zähne durch einen Kinnladen-Krampf gesperrt wurden, nicht an den Mund setzen konnte. Der Mensch hielt ihr Zaudern für Eigensinn, und stiess das Gefäss so heftig gegen ihre Zähne, dass sie anfangs fürchtete, er habe sie ihr zerbrochen. Aber die Wärterinn bereitete Luisen weit bitterere Augenblicke. Von Krankheit und Misshandlung ausgemergelt, sehnte sich die. Kranke seit langer Zeit nach einem Bissen Fleisch. Die Mutter erfuhr es, und schickte ihr ein Stück Braten; sie griff gierig darnach, ward aber in demselben Augenblick von einem so wütenden Kopfweh befallen, dass es ihr unmöglich fiel zu essen, und sie den Bedienten bat, den Teller auf den Ofen zu setzen. Kaum war er aus der stube, so machte sich die Wärterin über