bequemt hätte. Ihre schon zerrüttete Einbildungskraft zeigte ihr alle, die sie umgaben, als so viele Henkersknechte, die sie auf die Tortur strecken wollten. Umsonst rief sie Blachfelden zu hülfe; er war anderwärts beschäftiget, Plane zur Einnahme dieser oder jener Festung zu entwerfen, und verweilte mit keinem Gedanken bei den Leiden seiner gattin. Endlich rührten ihn ihre Tränen und Bitten, und er führte sie in seine Garnison. Nach solcher Pein des Körpers und der Seele genoss Luise nun der vollkommensten Ruhe. Freilich gränzte diese Ruhe einigermassen an Stumpfsinn, aber Geduld und Sanfteit hätten ihr gewiss in kurzer Zeit ihre natürliche Stimmung wieder gegeben; ja sie hätten sie glücklicher gemacht, als sie je gewesen war. Oft hat sie seitdem gestanden, dass dieses der glücklichste Zeitpunkt ihres Lebens gewesen ist. Mit ihrem Gedächtniss zugleich war ihre Hypochondrie verschwunden; der Kreis trauriger Ideen, der ihr Gehirn seit so langer Zeit umschlossen hielt, und allen frohen Bildern den Eingang versagte, war zerrissen, sie erblickte nur den gegenwärtigen Augenblick, und genoss dessen in vollkommner Ruhe und Heiterkeit. Wenn sie mit Blachfelden in den schönen Gegenden der Garnisonsstadt spatzieren ging, glaubte sie sich mit ihrem Gatten in die elysäischen Gefilde versetzt, und die Diskretion der wenigen Bekannten, die ihr begegneten, und vermieden sie anzureden, bestärkte sie in dieser Träumerei, indem Luise solche für die Schatten ihrer ehmaligen Freunde hielt. Zu haus lasen Luise und Blachfeld die alte geschichte, und von ihren ehemaligen quälenden Bildern erlöset, ergötzte sich Luise an dieser Beschäftigung. Bei der Beschreibung jedes vorzüglichen Helden. deutete sie zärtlich auf Blachfelden, der ihr das Urbild alles Vollkommenen war: und er schien diese schmeichelhafte Anwendung zu fühlen, und ein glückliches Vorzeichen von seines Weibes gänzlicher Herstellung darin zu finden. Noch eine kleine Geduld, und Luise wäre dem Leben zurückgegeben worden, und hätte ihr ganzes Dasein einem Gatten geweiht, dem sie ihre Heilung zu verdanken gehabt hätte. Blachfelds Freunde zerstörten diese süsse Aussicht. Sie rieten ihm, sich zu zerstreuen, sich vom haus zu entfernen. Zerstreuen? ach wovon! von der heiligsten Pflicht, die ihm sein Schwur. sein Weib nie zu verlassen, auferlegte, von der neuen Schöpfung, die seine Güte in dem zerstörten Gehirn eines Weibes hervor rief, das ihn, und nur ihn allein auf Erden zur Stütze hatte! Der Kriegsstand bringt die Unannehmlichkeit mit sich, dass, wer sich von zarter Jugend an demselben weiht, in Friedenszeiten keine Hülfsmittel zur Ausfüllung seiner Zeit hat. Nicht gewohnt, sich in seinem Zimmer zu beschäftigen, wird dem Offizier sein Haus zur Last, und jeder Vorwand umherzuschweifen, ist ihm willkommen. Blachfeld vergass Luisens Lage und ihre Aufopferungen, und forderte, unter dem Vorwande der ausserordentlichen Kosten, die ihm ihre Krankheit verursacht hätte, Luisens Mutter Geld ab. Dirse glaubte zwar durch Luisens Aussteuer für alle vorfallenden Bedürfnisse gesorgt zu haben; allein um einen Mann nicht aufzubringen, der ihrer Tochter Wohl und Wehe in Händen hatte, nahm sie eines von Luisens kleinen Kapitalien auf, bezahlte davon die Ärzte im Bade, und übermachte ihm den Rest. Sobald Blachfeld Geld hatte, machte er Vorbereitungen zu einer Reise. Luise nahm es wahr, und bat ihn in den rührendsten Ausdrücken, sie nicht zu verlassen; sie stellte ihm vor, dass seine Gegenwart allein sie vor Misshandlungen schützte. Sie war am ganzen Körper geschwollen: Verstopfungen in der Leber, durch welche sie die empfindlichsten Schmerzen litt, machten es ihr peinlich, irgend etwas fest um den Leib gebunden zu tragen. Ihre Kammerfrau schrieb diese Reizbarkeit ihrer Tollheit zu, und bestand unbarmherzig darauf, ihr die Röcke so fest, wie in ihren gesunden Tagen, zuzubinden; und wenn sich Luise mit Gewalt widersetzte, ging sie so weit, sie zu schlagen. Wie Luise diese Behandlung ihrem mann klagte, gab das Mädchen vor, dies alles wären Vorspiegelungen ihres verrückten Gehirns. Blachfeld war ein treflicher Soldat, aber in allem, was das menschliche Herz betraf, ein völliger Fremdling, und er liess sich von diesem Mädchen, die sein Vertrauen zu gewinnen gewusst hatte, völlig leiten. Seine leichtgläubige Schwäche riss ihn so sehr hin, dass er eines Tages, da sich die arme Luise in seine arme flüchtete, sie bei beiden Händen festielt, und ihr unbarmherzige Backenstreiche gab. Kaum hatte er sich also übereilt, als er die Last seines Fehlers fühlte; und er gestand gegen einen seiner Freunde, dass diese Handlung ewig seine Seele drükken würde. "Ich habe mich," sagte er, "schändlich betragen; ich habe alle gesetz der Ehre und Menschlichkeit verletzt." – Wie leicht wäre es ihm bei diesen Gesinnungen gewesen, seinen Fehler wieder gut zu machen, aber statt dessen vergrösserte er ihn noch; er machte sich davon, und schickte Luisen zu ihrer Mutter, der er zugleich in einem Briefe bittre Vorwürfe machte, welche diese trostlose Mutter weit mehr gegen ihr unglückliches Kind reizen, als sie zur Linderung ihres Elendes bewegen mussten.
Man hatte das Zimmer, das Luise in ihres Vaters haus bewohnt hatte, an Fremde vermietet. Luise, welche davon nicht unterrichtet war, eilte sogleich bei ihrer Ankunft dahin, weil sie sich erinnerte ein Bildniss ihres Vaters dort gelassen zä haben. Bei den Leuten, welche Luisens Zimmer bewohnten, war an diesem Tage eine grosse Gesellschaft versammelt. Man stelle sich ein armes verrücktes schwaches geschöpf vor, das aus seines Mannes haus verstossen, mit Gewalt in einen Wagen geschaft, von