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, oder ihm boshafter Weise von Zeit zu Zeit die Kehle zudrücke: – wenn der erfahrne Art auch diese Aussagen nicht für Tatsachen annimmt, so wird er sich doch, eben so wenig, auf die verdriessliche Beteurung der Wärterinn, dass dieses alles Fieberwahn sei, schlechterdings verlassen; er wird vielmehr untersuchen, ob des Kranken Kopfzeug nicht zu fest um die Schläfe gebunden ist, er wird dafür sorgen, dass man ihm einige Kissen unterlege, um ihm den peinigenden Zufluss des Blutes nach dem kopf zu lindern. Eben so dürfen wir das wunde Gefühl einer Leidenden, die uns erzählt was sie erduldete, nicht mit müssiger Weisheit verwerfen, indem wir sagen: "Bei diesen traurigen physischen Anlagen, nach diesen unglücklichen Zusällen, bei diesem zerrütteten Körper, bei diesem angegriffenen geist, konnte sie von dem, was ihr begegnete, nicht urteilen!" sondern der Menschenfreund wird die Klagende verstehn, und indem er sie versteht, den vielleicht einzig möglichen Trost ihr gewähren; er wird seine Menschenkenntniss durch sie erweitert fühlen, hier helfen so weit er kann, – denn h e l f e n kann man selbst Kranken, die man nicht zu heilen vermag, – und Keime ähnlichen Unglücks und ähnlicher Schuld, die in so manchem Menschenzirkel verborgen sein mögen, vielleicht noch bei zeiten auszurotten oder zu verbessern gelernt haben. Luise beklagt sich mit vollem Recht, verkannt, und weil sie verkannt wurde, misshandelt worden zu sein: freilich verkannte auch sie alles, und so erschien für sie keine Rettung, aus der Verwirrung ihres Schicksals. Aber die sonst ganz gleich aufgehende Rechnung von Fehlern und Vorwürfen, zwischen ihr und den Menschen mit welchen sie lebte, würde deshalb vor einem höheren Richterstuhl nicht für abgeschlossen gelten: weil die Gesunden der Kranken, die Älteren der Jüngern, die Vernünftigen der Schwärmerinn, die Starken der Schwachen, die Männer dem weib, mehr schuldig waren, als diese jenen. So lange daher der Tod den unglücklichen Gläubiger nicht hinweggenommen hat, so lange s o l l t e , und so lange k a n n an der Schuld abgetragen werden, die, trotz aller Umstände welche sie erklären, entschuldigen, rechtfertigen, alsdann doch vielleicht etwas drückend gefühlt werden möchte.

Vielleicht ist es mir mit den bisher gegebnen Win

ken schon gelungen, den Nutzen vorzubereiten, welchen ich durch die Herausgabe von Luisens geschichte zu stiften hofte und wünschte. Es sei mir indessen erlaubt, noch einen sehr allgemeinen Gesichtspunkt zu berühren, aus welchem, wie mich dünkt, die folgenden Blätter betrachtet werden können. Dieses ganze traurige, bald matte bald grelle Gemälde, ist nur ein einzelnes Blatt aus der unseligen geschichte der Konvenienz. "Durchbrecht die Schranken der Konvenienz," sagt man, "und Ihr seid unter lauter Räubern und Mördern!" Das heisst mit andern Worten: "Reisst die Larve herab, mit welcher wir unsre sittliche Herabwürdigung zu bedecken übereinkamen, und ihr werdet uns sehen wie wir sind." Das Elend, zu dessen Vertrauten Luise ihre Leser machen wird, rührte nicht von jener grossen Naturnotwendigkeit her, aus deren eisernen Banden kein Sterblicher sich oder seine Brüder zu erlösen vermag: die ganze Unvermeidlichkeit desselben lag lediglich, in dem konventionellen Kreise, den die gute Gesellschaft um sich gezogen hat, und an dessen Schranken sich Einzelne den Kopf zerstossen mögen, als kämpften sie gegen das Schicksal selbst. Wie viele hundert Familien stehen in ähnlichen Verhältnissen, in ähnlichen Verbindungen, haben, für das gleichgültige Publikum, einen ähnlichen Schein von Wohlstand und feinen Sitten, wie Luisens Haus: indessen sie ein ähnliches Gewühl von Schwächen und kämpfenden Leidenschaften verschliessen, die, so lange sie nur leise unter sich gähren, nur hie und da eine kleine Schlechtigkeit hervorbringen, das öffentliche Ansehen nicht schmälern, dessen man unter jenen Bedingungen geniesst; wenn sie aber einmal, bei lebhafter organisirten oder sittlicheren Menschen, sich bis zur Raserei oder zum Verbrechen entzündet haben, einstimmige Proskription auf die Unglücklichen herabziehen, deren Beispiel aus den Gewohnheiten, in welchen man so sanft ruht, aufschrecken möchte! Denn um zu bessern straft die Konvenienz nie: sie straft unerbittlich, schnell, und ungehört, um die Quellen des Übels unaufgesucht, um das Heiligtum von Verderbniss unangetastet zu erhalten.

Wenn sich solche Verhältnisse, die man alsdann nicht für traurig, nicht für schrecklich, nicht für unsittlich, sondern für ärgerlich ansieht, in einer Familie zu offenbaren anfangen, so erstaunt man, so zischelt man sich solche unter einander zu, und stellt die Sache dem waltenden Schicksal anheim: denn, ausserdem dass sie ein Gegenstand der gespräche am Teetisch ist, hat sie für niemanden Interesse. Ist es dann endlich, durch die diskrete Behandlung, unter das grosse Publikum gekommen, dass Mademoiselle N. sterblich in Herrn N. N. verliebt ist, dass aber ihre Eltern die Neigung missbilligen, das es sehr lebhafte Auftritte gibt, dass Mademoiselle heute mit rotgeweinten Augen in diese oder jene Gesellschaft gekommen ist, oder dass sie wirklich den Verstand verloren hat, dass der Mann, den sie auf Überredung ihrer Familie genommen, sich nicht um sie bekümmert, dass man sie einer Wärterinn überlässt, die sie mit Ruten peitscht, verhungern lässt, u.s.w. – so empfindet zwar die Familie, Unschuldige wie Schuldige, eine gewisse nachteilige wirkung dieser Gerüchte in der öffentlichen Meinung, die zu versöhnen sie indessen ein unfehlbares, aber einziges Mittel hat, sobald sie das geschehene Übel wieder unter etwas äusseren Anstand zu