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die lebhafte Würkung dieses Briefes, und unter dem Vorwande, dass sie ihr nachteilig werden könnte, hatte sie die unselige Vorsicht, ihn Luisen mit Gewalt zu entreissen. Die arme sank sogleich in ihren vorigen Zustand zurück, und so oft sie einen vernünftigen Augenblick hatte, forderte sie die Briefe ihres Mannes, benetzte sie mit ihren Tränen, und wollte sich nicht mehr von ihnen trennen. Sie machte alle, die sie umgaben, durch die Menge von Briefen an Blachfelden die sie ihnen unaufhörlich in die Feder sagte, ungeduldig; in andern Augenblicken glaubte sie, er sei angekommen, und man verhehle ihr seine Gegenwart. Wenn sir dann sah, dass ihre hoffnung vergeblich gewesen war, bildete sie sich ein, er wäre tot: und man verbärge ihr diese Nachricht. Bald wollte sie zu ihrem Schwiegervater gebracht sein, weil ihr Blachfeld in seinem letzten Briefe gemeldet hätte, es wäre Friede, und sie gebeten hätte, zu ihm zu kommen, um zusammen zu seinem Vater zu reisen. Sie hatte das Glück, bei einem sehr mitleidigen und menschlichen arzt zu wohnen, der die gefälligkeit hatte, in ihre Fantasien einzugehen, und bald die Rolle des Schwiegervaters zu spielen, bald einzugestehen, dass Blachfeld angekommen wäre, aber so ermüdet, dass er ihm anempfohlen hätte, sich zur Ruhe zu begeben. Er liebte Luisen wie sein Kind; und um ih Ruhe zu verschaffen, entfernte er oft ihre Kammerfrau, welche aus Verdruss über eine Krankheit, die sie an einem ihr missfälligen Orte zurückhielt, ihrer armen herrschaft unaufhörlich widersprach, und durch den Sinn fuhr. Er wachte bei ihr abwechselnd mit seinen Kindern, welche ihr alle Morgen Früchte und frische Blumen aus einem Garten, von ihnen selbst bearbeitet, brachten. So heftig Luisens Schmerzen waren, so blieb ihr Gefühl für die Schönheiten der natur immer gleich lebhaft: sie hatte aus einem ihrer Fenster eine reizende ländliche Aussicht, und genoss dieselbe, so oft es ihre Kräfte erlaubten, Die Kammerfrau fand ihre Freude daran, sie unaufhörlich von dem Fenster wegzuschaffen, und erbitterte dadurch den guten Arzt selbst so sehr, dass er ihr den Namen Xantippe beilegte. Der Zufall hatte eine Dame mit Luisen zugleich an diesen Ort geführt, die, ohne sie weiter zu kennen, ihr die grossmütigste, zärtlichste Teilnahme bezeigte; sie las ihr vor, tröstete, ermahnte sie; Luise sah sich von so gütigen Menschen umgeben, dass ihre zerrüttete Phantsie sie endlich glauben machte, sie wäre im Himmel. Sie dachte sich von Engeln umgeben, hörte ihre Symphonien, sah ihre leichten Tänze, und ihre blendenden Gewänder, und dankte Gott, sie zu diesem seligen Aufentalt geführt zu haben, ohne dass sie den Kampf des Todes erst zu überstehen gehabt hätte; sie wünschte nur Blachfelden an diesem reinen Glücke teil nehmen zu sehen. Ihr kam es vor, als führten sie acht geflügelte Rosse zum Himmel; sie durcheilte die brennenden Zonen; schon langte sie an den Pforten des Paradieses an, als man von ihr forderte, einen Freund zu vergessen, den sie auf Erden sehr geliebt hatte, dessen Begriffe über religiöse Gegenstände aber von den ihrigen abgingen; sie sollte seinen Namen in das Feuer werfen, sie zauderte, gehorchte aber doch; man zwang sie, noch verschiedenen andern Personen zu entsogen; ihre Namen waren schon von der Flamme verzehrt, als man ihr endlich zumutete, auch ihren Mann zu verläugnen; sie verweigerte es mit Entschlossenheit. Ihr Vater drang in sie es zu tun; sie verwies ihn auf das Beispiel seiner Schwester, die Blachfelden herzlich gewogen war. Ach, sagte der Vater, wenn du nicht, wie du dir schmeichelst, wirklich tot bist, so werden sie dich alle Religionen nach einander annehmen lassen. Mag das sein, rief die Schwester, sie wird mit ihm wiederkommen, oder diese Pforte bleibt ihr auf ewig verschlossen!

Blachfeld erhielt endlich Nachricht von der Krankheit seiner Frau, und die Geschenke des alten Beschützers von Luisens Vater, des gütigen Fürsten von ** setzten ihn in den Stand, seiner Frau zu hülfe zu eilen. Er flog zu ihr; aber ach! er fand das Weib nicht, das er zu finden glaubte, Wenn die hoffnung, ihren Gatten zu empfangen, bei ihr wach war, kleidete sie sich täglich mit Sorgfalt; wenn sie aber in ihre traurige Sinnlosigkeit verfiel, blieb sie der Kammerfrau überlassen, die sie auf das äusserste vernachlässigte. In einem dieser unseligen Augenblicke kam Blachfeld an, und fand sie blass, mit erloschnen Augen, ein abschreckendes Bild des Blödsinns. Er sah sie mit Abscheu an. Luise erkannte ihn, keine seiner Empfindungen entging ihr, und der Gram versetzte sie in einen Zustand von Dumpfheit, dem nur die Schmerzen des Fahrens unterwegs ein Ende machten. Blachfeld hatte sich bei der Wahl des Reisewagens wenig vorgesehen; er hatte Luisens guten englischen Reisewagen verkauft, und eine Art Kariole dagegen eingehandelt, die auf der Achse stand. Luise hatte wütende Kopfschmerzen, jeder Stoss des Wagens entriss ihr einen lauten Schrei. Die Kammerfrau, welche stolz darauf war, im Hintergrunde des Wagens neben ihrem Herrn zu sitzen, beredete ihn, sie schrie in ihrer Raserei. Das arme Weib, welches auf Blachfelds Schoosse sass, wusste nicht, wo sie ihren Kopf ruhen lassen sollte, der kein Küssen hatte, als die Stahlknöpfe von ihres Mannes Rock; und der Ausdruck seines gesicht war bei jedem blick, den er auf sie warf, so abschreckend, dass sie anfing sein Herz