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Unvorsichtigkeit, über ein gepflügtes Feld zu fahren, und ward von den Bauern angehalten. Luisens Begleiter stieg aus, um mit den Leuten zu sprechen; der Kutscher, welcher eine Menge Menschen um den Wagen versammelt sah, und sich vor den Folgen seiner Unvorsichtigkeit fürchtete, nahm diesen Augenblick wahr, um die Pferde anzutreiben und dem gaffenden Haufen aus den Augen zu kommen. Luise fühlte, wie beschwerlich es Herrn *** sein würde, zu Fuss in die Stadt zu gehen; sie fühlte das Verdriessliche seiner Lage unter einem Haufen aufgebrachter Bauern, und rief umsonst dem Kutscher zu, still zu halten. Der Bediente war mit Herrn *** zugleich abgestiegen, und Luisens Furcht ging so weit, dass sie sogar den Schlag öfnete, um aus dem Wagen zu springen; allein dadurch gewann sie nichts, als dass einige betrunkene Bursche sich herbei machten, um hineinzusteigen. Endlich kamen sie in die Stadt; da der Lehnkutscher aber das Haus ihrer Mutter nicht wusste, fuhr er erst durch verschiedene Strassen um, und so langte sie endlich gegen Mitternacht ganz erschöpft an. Da ihre Mutter mit allem Gesinde auf dem Gute war, und Luise nur wegen des Besuchs bei ihrer Freundinn in die Stadt gewollt hatte, fand sie keinen Menschen im Hanse, der ihre sehr aufgestörte Reizbarkeit besänftigt hätte; ein unangenehmer Brief, den sie zufällig am folgenden Morgen erhielt, nährte ihren Verdruss bis zu der Ankunft auf ihrer Mutter Gut, wo sie ihre Familie schon von dem gestrigen Vorgange unterrichtet fand, und bittere Vorwürfe erhielt, dass sie sich und den Rang ihres Mannes, ihrer Freundinn zu Liebe so ausgesetzt hätte. Luisens Gemüt war von der Sache selbst und von ihrer Abreise so gedrückt, dass sie sich tief betrübt auf den Weg machte. Die Umstände, unter welchen sie im Bade war, konnten ihren Missmut nicht zerstreuen; jeden Augenblick sprach man von der Aussicht auf eine nahe Schlacht, und Blachfeld hatte sich auf Luisens Dankbarkeit Ansprüche erworben, die ihn ihrem Herzen sehr teuer machten. Gleich nach der Trauung hatte sie einen Auftritt mit ihm, in welchem er, mit dem heftigsten Ungestüm, die Rückgabe seines schonenden Versprechens forderte; Luise bestand auf dessen Erfüllung, und es gelang ihr über seine zärtliche Ungeduld zu siegen. Seitdem hatte er heilig Wort gehalten, und sie rechnete ihm diese Entsagung für eine so grossr Tugend an, dass ihre Einbildungskraft ihn in dem Lichte eines über sein Geschlecht erhabenen Wesens zu betrachten anfing. Sie war stolz darauf, seinen Namen zu tragen, und ihre Hypochondrie führte sie bald so weit, sich dessen für unwert zu halten; sie schrieb ihm die offenherzigsten Bekenntnisse aller ihrer Fehler; er sprach ihr auf eine zärtliche Weise Mut ein, und es gelang ihm, was noch kein Mensch vermocht hatte, das scheue Gewissen des armen Weibes zu beruhigen. Sie fühlte, was er für sie tat; und wenn man sie fragte, wie lange sie verheiratet sei, antwortete sie aus Herzensgrund, dass es drei Monate wären, die ihr aber wie drei Tage vorkämen, weil sie noch nie so glücklich gewesen wäre, als seit dieser Zeit. Damals fand sich Luise eines Tages in einer Tanzgesellschaft, wo sie aber an der allgemeinen Belustigung nicht teil nahm, weil sie sichs zum Verbrechen angerechnet hätte, zu tanzen, indess das Leben ihres teuren Blachfelds stündlich in Gefahr schwebte. Um den Einladungen zu entgehen, setzte sie sich an den Pharaotisch, wo man ihr bald vorschlug, eine Pistole aufs Spiel zu setzen, Sie tat es, und gewann anfangs; durch ihr Glück ermuntert, spielte sie weiter. Sie hatte an diesem Tage einen Brief von Blachfelden bekommen, in welchem er in sie drang, zu ihm in das Hauptquartier zu kommen; sie brauchte Geld zu dieser Reise, und beging die Kleinheit, zur Erreichung ihres Endzwecks das elendeste Mittel zu ergreifen. Das Glück wandte sich, und sie verlor. Ein Freund ihres Vaters, welcher gegenwärtig war, erriet ihre Verlegenheit, und bot ihr mit einer Feinheit, die nur edlen Selen eigen ist, Geld an, indem er sagte: "Wir Männer haben zuweilen den Fehler, unsre Weiber in ihren Ausgaben zu kurz zu halten." Luise versicherte errötend, dass sie nichts bedürfte: dass ihr Gemahl sie überflüssig versorgte; allein sie fühlte ihre begangne Torheit schmerzlich, und um so schmerzlicher, weil ein Mann, den sie immer ausgezeichnet geschätzt hatte, dem sie aber jetzt aus falscher Scham ihre unangenehme Lage verschwieg. Zeuge davon gewesen war. Unter diesen drückenden Umständen erhielt sie eine Nachricht, die sie völlig niederschlug Ihre Mutter meldete ihr, dass der liebste ihrer Brüder gefährlich krank sei. Sie würde davon zu jeder Zeit heftig erschüttert worden sein; allein in diesem Augenblick trafen mehrere Umstände zusammen. um sie doppelt niederzuschlagen. Sie hatte, vor ihrer Abreise, wegen einer häuslichen Angelegenheit einen kleinen Zwist mit ihm gehabt; ihre Trennung war um so kaltsinniger gewesen, da die Mutter teil an dem Streite genommen hatte; und der Gedanke, diesen Bruder unversöhnt sterben zu sehen, quälte ihr sich selbst peinigendes Gewissen so heftig, dass sie den folgenden Tag krank ward. Sie hatte anfangs ein hitziges Fieber, das bald in eine völlige Verstandesverwirrung überging, aus welcher sie indessen durch die Freude über einen Brief ihres Gemahls auf einige Zeit zurück kam. Er schrieb ihr in einer Sprache, mit welcher er sich erst seit kurzem beschäftigte, und seine Frau freute sich über diesen neuen Beweis seiner Talente. Ihre Kammerfrau sah