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gewinnen, so fühlte sie doch, ihre Liebe würde uneigennützig genug sein, um sich auch dann dessen zu freuen. Sie war mit der Summe, welche ihr Vater bestimmt hatte, vollkommen zufrieden, und erkannte daher ihrer Brüder Grossmut, so wenig sie deren Bewegungsgrund billigte, mit allem Dank. Aus Liebe zu ihrer Mutter beschloss sie, sobald sich die gelegenheit darböte, ihre Brüder durch eine, nach deren Meinung glückliche Heirat zu beruhigen. Es hat zu allen zeiten und an allen Orten müssige Menschen gegeben, die ihr leeres Gehirn von Haus zu Haus schleppen, und es mit allen Armseligkeiten anfüllen, die ihnen aufstossen. Ein solches geschöpf machte sich, nach der Erklärung von Luisens Heirat mit Blachselden, an ihre Brüder, um sie zu versichern, dass die Aussteuer der Töchter von jeher von ihrem Kapital abgezogen worden wäre, dass sie also Unrecht hätten, eine Ausnahme zu Gunsten ihrer Schwester zu machen. Diese Erinnerung hätte gleich nach des Vaters tod, oder so lange Luise ihre Wahl noch nicht bestimmet hatte, keinen Eindruck gemacht: die Zeit hat aber einen mächtigen Einfluss. Luisens Brüder erinnerten sich nur sehr verworren an das, was ihnen ihr Vater gesagt hatte, und wie sehr sie selbst bemüht gewesen waren, ihre Schwester von einer ihnen missfälligen Heirat abzuhalten, ob sie gleich dadurch in den Stand gesetzt worden wäre, ihrer Wohltaten ganz zu entbehren. Sie wussten zwar, dass ihr erwählter Schwager arm war; sie wussten dass ihre Schwester, nichts zuzusetzen hatte; aber dieser Schwager konnte sein Glück machen, und sie dachten wenig darauf, dass er, sobald er es so weit gebracht hätte, seine gattin vernachlässigen konnte, die ihn, ungeachtet seines geringen Vermögens gewählt hatte, Sie waren selbst noch ohne Versorgung, sie mussten auf ihren Vorteil denken: kurz, sie fingen damit an, die Frage kaltblütig zu untersuchen, und endigten, ungeachtet der Sanftmut, mit welcher ihre Schwester sich auf den letzten Willen ihres Vaters berief, mit dem für Luise zerreissenden Vorwurf, dass sie eigennützig handle. Luise war so weit davon entfernt, dass sie ihre Mutter beschworen hatte, ihr gar keine Aussteuer zu geben. Sie hing wenig an solchen Dingen, weil sie ihr zum Glück der Ehe sehr entbehrlich schienen, und sie wusste dass Blachfeld eben so wenig Wert damit verband; sie tat also von Herzen gern darauf Verzicht: allein sie glaubte, ihre Pflichten gegen ihren künftigen Gemahl erlaubten ihr nicht, ohne sein Vorwissen eine Schrift zu unterzeichnen, in welcher sie eingestand, ihrer Familie tausend Taler schuldig zu sein, nachdem sie ihm doch gesagt hatte, dass ihre Ausstattung ein Geschenk ihres verstorbenen Vaters sei. Luisens Mutter hingegen, welcher die ganze Sache schon sehr weh tat, wünschte wenigstens, dass Blachfeld nicht davon unterrichtet sein möchte. Wäsche und Betten, sagte sie ihr, sind in einer Wirtschaft unentbehrlich: was Hausgerät anbetrift, ist das des Mannes Sache; und um ihn in den Stand zu setzen, diese Ausgabe zu bestreiten, nehme ich ihn während der sechs Monate bis zu eurer Hochzeit an meinen Tisch; damit er sich aber bei dem Einkaufe dieser Dinge, worauf er sich gewiss nicht versteht, nicht betrügen lässt, kann er dir nur das Geld dazu geben. Hiedurch sah sich Luise in einer neuen Verlegenheit: sie erkannte in dieser Einrichtung die Weisheit und Güte ihrer Mutter, allein aus falscher Scham wagte sie nie darüber mit Blachfelden zu sprechen, und musste nun zu ihrem grössten Leidwesen wahrnehmen, dass er, anstatt streng zu wirtschaften, oft für ein Frühstück oder eine Kollation im wirtshaus eine halbe Pistole verzehrte, da es ihm bei Luisens Mutter nichts gekostet hätte. Sie hatte ihn für sparsam gehalten, und in diestr Hinsicht alle Geschenke, die er ihr machen wollte, abgelehnt. Wie sie von ihrer Reise zurückkehrte, hatte Luise die Guterzigkeit, ausser ihrem Anteil an den Reisekosten, auch noch die Hälfte des Anteils einer andern person zu bezahlen: und da ihr in diesem Augenblicke die Ausgabe um so unerwarteter kam, als der Anschlag schon vorher gemacht worden war, und es jener person frei gestanden hätte, die Reise nicht mitzumachen, über deren Kosten sie sich jetzt beklagte, so sah sie sich zum erstenmal in ihrem Leben in der notwendigkeit, Geld aufzunehmen. Der blosse Gedanke Schulden zu haben erschreckte sie, und sie stellte daher eine Anweisung auf die ganze Summe aus, die sie von ihrer Murter zu ihren Ausgaben erhielt, so dass sie drei Monate zubrachte, ohne einen Groschen in der tasche zu haben. Sie hatte indessen zu viel seines Gefühl, um ihrem Liebhaber ihre Verlegenheit merken zu lassen, bis er ihr einst sagte, dass er vier Pistolen zu einem Sopha erspart hätte; sie bat ihn, das Geld zu etwas Notwendigerem aufzuheben, weil man, genau betrachtet, recht gut ohne Sopha fertig würde, aber nicht ohne Stühle. Wie sehr erstaunte Luise, als ihr Bräutigam ihr nach sechs Monaten erklärte, dass er, anstatt zu den vier Pistolen zuzulegen, sie sogar ausgegeben hätte! Wie sehr bereute sie es jetzt, den Rat ihrer Mutter nicht befolgt zu haben! Diese freute sich schon darauf, ihre einzige Tochter in ihrer neuen wohnung einzurichten, und Luise hatte nicht das Herz ihr zu sagen, dass Blachfeld noch gar nichts dazu angeschaft hätte. Die gegenwärtige Verlegenheit war es nicht allein, was Luisen quälte; sie konnte nicht umhin, die natürliche Berechnung zu machen, dass ein Mann, der mit tausend Talern nicht auskam