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Torheiten ihrer Jugend, von den Versuchungen erzählt zu haben, die sie auf ihrer Reise bekämpft hätte. Ihre Mutter mochte sie noch so sehr warnen, bei ihrem Bräutigam keinen Verdacht zu erregen, für welchen sie nach der Hochzeit hart würde büssen müssen; die Furcht vor Unglück schreckte ihr zaghaftes Gewissen nicht, sie zitterte bloss strafbar zu sein. Die ganze Nacht verfloss ihr in der grausamsten Unruhe; sie fürchtete, nicht im stand zu sein, den Mann, welchem sie ihre Hand versprach, zu beglücken: es war aber nicht mehr Zeit zurück zu treten, und im Augenblicke wo sie die Feder nahm, um ein neues geständnis ihrer Irrtümer niederzuschreiben, eilte Blachfeld schon wieder zu ihr, um ihr aufs neue für das Glück, welches sie ihm gestern verheissen, zu danken. Er sagte gerührt, dass er der elendeste Mensch sein würde, wenn er je ihre Aufrichtigkeit missbrauchte, oder ein Mädchen unglücklich machte, das sein ganzes Vertrauen in ihn setzte. "Fürchten Sie nicht, setzte er hinzu, dass die geheime Schwermut, welche Sie sich vorwerfen, mein Glück zerstören werde. Ich werde unermüdet suchen sie zu zerstreuen, und gelingt es mir nicht, so will ich sie ertragen; denn ob Sie gleich in allen Ihren Briefen gesucht haben, mir diese Ihre Stimmung mit den schwärzesten Farben zu schildern, so kann sie mich nie so elend machen, wie ich es ohne Ihren Besitz wäre; selbst nicht so elend wie ich es war, ehe ich Sie kannte."

Luise überliess sich dem Glücke, ihre Mutter und Brüder mit ihr zufrieden zu sehen, und hofte es lange zu geniessen; als ihr ihre Mutter mit Tränen im Auge erklärte, wie sie sich genötiget sähe ein Versprechen zurück zu nehmen, das sie Luisen bei ihrer Abreise nach B. gegeben hatte. Sie gab damals ihr Wort, ihren Schwiegersohn während der Zeit, die sein Regiment jährlich in der Hauptstadt zubrachte, in ihr Haus zu nehmen. Jetzt sagte sie, diese Einrichtung fiele ihren Söhnen zur Last, die, da sie mehr in der Welt lebten, auch genötigt wären mehr Gesellschaft in ihrem haus zu sehen; bei ihrem Alter fürchte sie einen Zuwachs von Last und Sorgen; sie würde sich immer herzlich freuen, Luisen und ihre Kinder, wenn sie erst Mutter wäre, bei sich zu sehen, weil das ohne Unbequemlichkeit geschehen könnte; die Anwesenheit eines Mannes aber zöge zu viel Ungelegenheit nach sich, denn er forderte doch immer einen guten Tisch, ein eigenes Besuchzimmer, und dergleichen mehr: sie bot ihr endlich zwanzig Pistolen jährlich an, um sie für ein Versprechen zu entschädigen, das sie gegeben zu haben so sehr bereuete. Wie Luise ihre Mutter weinen sah, gab sie ihr dieses Versprechen sogleich zurück; aber ihr Herz war im Innersten verwundet. Es gab für sie keine Entschädigung für eine Aussicht, auf welche sie schon die reizendsten Luftschlösser gebaut hatte, und die hoffnung, nicht das ganze Jahr über in M. zu wohnen, hatte zu ihrem Entschlusse nicht wenig beigetragen. Mit ihrem Mann in dem Zirkel ihrer Familie zu leben, neben den Vorteilen der Tochter vom haus alle Vorrechte einer verheirateten Frau zu geniessen, ihren Mann in der frohen, liebenswürdigen Gesellschaft ihrer Brüder sich ausbilden, diese hingegen seine männlichen Tugenden zum Muster nehmen sehenwelch eine glückliche Zukunft! Luise liess Blachfelds Verdiensten Gerechtigkeit wiederfahren; aber sie betete ihre Brüder an. Diese Liebe wurde bald auf eine arge probe gestellt. Es war die Absicht ihres Vaters gewesen, dass man eine gewisse Summe zu ihrer Ausstattung von seinem Vermögen abziehen sollte. Er war es ihr gewissermassen schuldig, weil er sie oft mit der Versicherung, dass sie nicht dabei zu kurz kommen sollte, an einer guten Heirat verhindert hatte; und sein Einkommen war auch wirklich mehr wie hinreichend, um die Aussteuer seiner Tochter zu bestreiten. Er hatte sieben Jahre lang damit seine Söhne, einen nach dem andern, auf der Universität erhalten, und dem ungeachtet sein Kapital in dieser Zeit vermehrt. Auf seinem Todtbette forderte er von seiner Frau und seinen Söhnen das Versprechen, seinen Willen in diesem Punkte nach seinem tod zu befolgen; sie wären alle fünf seine Kinder, und so wäre es billig, für das eine so viel wie für das andere zu tun. Luise war damals von dieser Güte so gerührt, wie von der Grossmut ihrer Mutter und Brüder, welche diese Summe aus eignem Antriebe auf tausend Taler bestimmten. Die Mutter, welche ihre Söhne zärtlich liebte, erzählte diese grossmütige Tat allen Kondolenz-Besuchen, und führte sie gegen ihre Tochter als einen Grund an, nie eine Heirat einzugehen, die ihren Brüdern zuwider sein könnte; denn, sagte sie, sie haben immer erklärt, dass sie statt tausend Talern gern doppelt so viel geben möchten, wenn sie gewiss werden könnten, dass ihre Schwester sich nicht durch ihre romanhaften Grillen verführen liesse, einen Gatten zu wählen, der ihnen Schande machte. Luisens Stolz empörte sich über diese Reden; es tat ihr weh, dass ihre Mutter ihnen Gehör gab; sie war überzeugt, dass die wahre Seelengrösse nicht in geringen Auszeichnungen besteht, die eben so kleinlich wie nichtsbedeutend sind: allein die Liebe für ihre Brüder gewann bald wieder die Oderhand; sie bedachte ihre grosse Jugend, sie überredete sich, die Jahre würden ihnen eine vernünftigere, billigere Art zu denken beibringen; und ob sie wohl fühlte, dass sie dann nicht mehr jung genug sein würde, um dabei zu