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dem haus des Mannes, der mir den Nahmen seiner Schwiegertochter anbot, werde ich auf die Gesellschaft meines Gesindes eingeschränkt, kein wichtigeres Geschäft haben, als meinem Mann ein Mittagsessen zu kochen, das er vielleicht mit Widerwillen verzehren wird. Unter diesen traurigen Betrachtungen hielt der Wagen vor dem haus ihrer Freundin. Die hoffnung dieses Wiedersehens machte sie alles vergessen. Blachfeld reichte ihr beim Aussteigen mit allem Entzücken der leidenschaft die Hand. Sie blickt auf ihn, sein Gesicht flammt, Luise schlägt die Augen nieder, und beschuldigt sich der Undankbarkeit. Sie wollte wenigstens ihre Schuld durch keine Heuchelei vermehren; sie sagte ihm kein Wort, und eilte neben ihm vorbei in die arme ihrer Freundin. Sie fand sie, und eben so ihre Schwester, im Begrif Mutter zu werden. Dieser Anblick konnte Luisens Mut nicht vermehren. Während ihres Aufentalts bemerkte sie, wie schwer es einem weib in diesem Zustande wird, den wirtschaftlichen Geschäften vorzustehen, und der Gemahl ihrer Freundin war dennoch, in Vergleich mit Blachfeld, ein reicher Mann. Indem sich Madame E. über die Unbequemlichkeiten ihres Zustandes beklagte, erwähnte sie auch der Sorgfalt ihres Mannes, seiner beständigen Rücksicht auf ihre Gesundheit, seines Eifers, alle hülfe der Kunst, und alle Bequemlichkeiten des Lebens um sie her zu versammeln; sie rühmte, wie ihr sein Betragen seit sechs Jahren ein glückliches Leben verschaffe, und ihre Gesundheit erhalte. Luise, deren Gesundheit weit reizbarer war, als die ihrer Freundinn, sollte alles dessen beraubt sein, und wie jene ihr versicherte, ihres Mannes Liebe würde ihr alles ersetzen, konnte sie sich nicht der Bemerkung entalten, dass man nach sechs Jahren wohl der Liebe eines Gatten gewiss sein könnte; dahingegen sechs Monate bei weitem nicht hinreichten, die Treue eines Liebhabers ausser Zweifel zu setzen. – "Aber welche ein Liebhaber! ein Mann, erwiderte die gute Frau, der seit sechs Monaten nur für Sie atmet, denkt und lebt; denn weder Ihre Abwesenheit, noch die Kälte Ihres gestrigen Empfanges, nichts kann ihn abschrecken; er schätzt sich bei der ungewissesten Aussicht glücklich, und ist mit allem was Sie sagen und tun zufrieden." – Luise antwortete mit Kopfschütteln: Das alles bürgt mir nicht für die Zukunft. Vielleicht wird er mich einst meine jetzige Unentschlossenheit, selbst indem er sie rechtfertigt, schwer büssen lassen. übrigens bin ich darüber mit Ihnen einig, dass die Gesellschaft dessen den man liebt, für die grössten Opfer schadlos hält; aber so sehr ich Blachfeld hochschätze, so viel Ansprüche er auf meine Dankbarkeit hat, so liebe ich ihn doch nicht. – "Sie werden ihn einst lieben, antwortete Madame E. Haben Sie mir nicht selbst gesagt, dass Sie einen Mann, den Sie nicht liebten, von dessen Herzen Sie aber gewiss wären, einem andern, dessen leidenschaft Sie erwiederten, vorziehen würden: und das, wie Sie sagten, weil Sie dessen, was Dankbarkeit auf S i e würkte, sicher wären; da Sie hingegen nicht wüssten, was sie über Andere vermögte. Blachfeld wird jetzt kommen; verkündigen Sie ihm Ihre Abneigung. Ich bin weit entfernt, diese Heirat wider Ihren Willen zu wünschen; aber mir wäre es unmöglich, selbst den Dolch in eines redlichen Mannes Brust zu drücken." Luise war dessen eben so wenig fähig. Der Mann ihrer Freundin gab ihr gelegenheit mit Blachfeld allein zu sprechen. Sie erklärte ihm mit vieler Festigkeit, dass sie keine andre Empfindung für ihn hätte, als die achtung welche sein Ruf verdiente; dass ihr charakter es ihr unmöglich machte, einen Mann feines Standes glücklich zu machen: sie wiederholte alles was sie ihm über ihre Furcht, dass ihre Hypochondrie einst in völlige Verstandesverwirrung ausarten möchte, schon geschrieben hatte, und bat endlich sehr ernstaft, er möchte seine weitern Bemühungen einstellen. Wie erstaunte Luise, als sie hörte, dass er schon in D., der Hauptstadt wo Luisens Mutter seit dem tod ihres Mannes sich aufhielt, eine wohnung gemietet hätte, dass die ganze Stadt ihn als Luisens künftigen Gatten ansähe, und dass er von Luisens Mutter und Verwandten als ein Mitglied der Familie aufgenommen würde! Jetzt bereute es es Luise zum zweiten male, vor ihrer Abreise so wenig Festigkeit gezeigt zu haben. Es war nicht der Reichtum des Mannes, welcher ihr in B. seine Hand anbot, was ihr jetzt leid tat: es war das Land was ihr gefiel; es war nicht der Mann selbst, obschon er die stimme einer ganzen Provinz für sich hatte, die ihn von seiner Kindheit an kannte. Blachfeld konnte nichts als das Urteil einer Stadt aufweisen, die er erst seit einigen Jahren bewohnte, und selbst dieses lautete verschieden. Doch schreckte das Luisen nicht ab. Der redlichste Mann kann Feinde haben; und obschon jedermann ihm das zeugnis sprach, dass er launig und jähzornig wäre, so liess man stets seiner Rechtschaffenheit Gerechtigkeit wiederfahren. Diese Eigenschaft entzückte Luisen, und sie blieb taub gegen die Vorstellungen einiger Freunde, welche sie versicherten, dass Blachfeld eben so rauh als tapfer, und der Schonung unfähig wäre, welche eine Frau von Luisens Gemütsart und Erziehung fordern dürfte. Luise, die ein für allemal mit Blachfeld ein Ende machen wollte, wiederholte ihm alle diese Beschuldigungen; er sagte wenig zu seiner Verteidigung, und dieses ohne alle Übertreibung. Diese Mässigung gefiel dem jungen Mädchen; sie sah ihn blass, zitternd, kaum fähig seine Tränen zurück zu halten, und doch blieb er männlich, das heisst, er