einem weib von Luisens Erziehung schuldig wäre. Das Beispiel des Herrn, sagte man ihr, wirkt auf die Bedienten: er wird Ihnen nie Ehrfurcht verschaffen, er wird Ihnen nie in seinem haus den Platz anzuweisen wissen, der Ihnen gebührt. Es ward Luisen schwer, einen Entschluss zu fassen: aber war sie einmal dazu geschritten, so konnte sie die Furcht der höchsten Strafe nicht zurückbringen.
Jene Versuchung ihr Wort zurückzunehmen, ward indessen, während ihres Aufentalts in B .., durch die nahe Gegenwart des liebenswürdigen Mannes oft so stark, dass sie aller ihrer Festigkeit bedurfte, um seine Wünsche zurückzuweisen. Auf einem Spatziergange, den sie an einem schönen Sommerabende mit Herrn ** und einer Freundin machte, führte sie ihr Rückweg über einen Dorfkirchhof. Die Stille der Nacht, das zauberische Mondlicht, das die Schatten der schwarzen Kreuze längs auf dem grünen Rasen hinmahlte, oder auf den weissen Grabsteinen das zitternde Laub grosser Lindenbäume abbildete, deren blühende Zweige die Luft mit dem süssesten Duft erfüllten, die Ruhe der natur mit dem Schweigen des Todes vereint, ergriffen Luisens gefühlvolles Herz. Ihre Begleiterin äusserte eine kindische Furcht vor diesem schauerlichen Aufentalt, und eilte nach haus zu kommen; der junge Mann ging ihr nach, um sie zurückzuführen; und dieser Augenblick von Einsamkeit öfnete plötzlich Luisens Augen über die Gefahren, mit denen dieser Ort und die Schwäche ihres Herzens sie jetzt bedrohten. Sie erschrak über die Unvorsichtigkeit, nicht sogleich ihrer Freundin gefolgt zu sein; sie fiel auf ihre Knie, und indem sie fest gelobte, künftig jede ähnliche Gefahr zu meiden, flehte sie den Himmel um Beistand, solche diesmal zu überstehen. Ueberraschung der Sinne war es nicht, was ihr reines Herz fürchtete; aber sie zitterte vor einem Augenblicke, wo die Liebenswürdigkeit des Mannes, der um sie warb, sie die Heiligkeit ihres Versprechens vergessen lassen möchte. Wenigstens hatte sie Blachfelden zu hoffen erlaubt, und das wäre genug gewesen, um selbst in den Armen der Liebe ihr Gewissen auf immer zu vergiften. Es war Herrn ** nicht gelungen, Luisens Freundin zurückzubringen, er kam allein wieder, und wie er Luisen in ihrer flehenden Stellung fand, kniete er neben ihr nieder. Sie verbarg ihm die Ursache ihrer Bewegung nicht. Was würden Sie tun, sagte sie mit Tränen, wenn ein Anderer Ihnen das Mädchen entrisse, auf welches Sie Ansprüche hätten, oder wenigstens zu haben glaubten? – "Sie wollen meine Ehre in's Spiel ziehen, antwortete Herr ** indem er sogleich aufstand, und es soll Ihnen gelingen. Möchten Sie nur glücklich sein! Aber bei Ihrer Art zu denken und zu fühlen, scheinen Ihnen die Umstände kein Glück zu versprechen." – Wohlan, unterbrach ihn Luise; lieber will ich unglücklich sein, als mein Glück auf Kosten eines Mannes erkaufen, der selbst gesagt hat, dass ihm bis jetzt auf der Welt noch nichts gelungen ist. Sie haben Freiheit zu wählen, Sie sind jung, Sie können warten: wenn es wahr ist, was sie oft zu mir sagten, wenn ich Talente zur Erziehung habe, so verspreche ich Ihnen meine Tochter. – "Sie waren das einzige Weib, der ich mein Leben hätte weihen mögen; aber ich bin nicht überspannt: und da sich Ihr Gewissen nun einmal Ungeheuer schaft um sie hernach zu bekämpfen, so ziehe ich Ihre Ruhe der Befriedigung meiner Wünsche vor. Aber mit Ihrem Trost verschonen Sie mich, setzte er mit stolzem Lächeln hinzu; ich wollte Luise N. zur Gattin, nicht Blachfelds Tochter."
Sie hatte in B. noch mehrere Veranlassungen, ihre Standhaftigkeit zu zeigen. Sie liebte das Landleben; der Verwandte mit welchem sie reiste, führte sie auf ein sehr schönes Gut. dessen Eigentümer er war, und versprach es auf sie zu übertragen, wenn sie seine gattin werden wollte. Ich bin nicht jung, sagte er, aber ich habe Grundsätze, Sie können sich auf die Unwandelbarkeit meiner Neigung verlassen, wenn auch Krankheit Ihre Züge entstellte; ja wäre es auch möglich, dass meine Liebe je aufhörte, so würde ich es doch immer für meine Pflicht halten, jedem Ihrer Wünsche zuvor zu kommen. "Das heisst, sagte Luise lachend, Sie wollten mich um Gotteswillen lieben." – Dieser Scherz verwundete ein zartes uneigennütziges Herz, und Luise büsste hart dafür; denn Blachfeld liess sie erfahren, wie glücklich sie gewesen wäre, wenn er, nachdem der Rausch der leidenschaft verraucht war, sich hätte bewegen lassen, sie um Gotteswillen zu lieben. – Wir tun aber besser, den Faden der geschichte wieder aufzunehmen, und Luisen auf ihrer Rückkehr nach ihrer Heimat zu folgen.
Luise war nicht romanhaft; sie konnte sich aufopfern, aber über das, was ihr die Aufopferung kostete, sich täuschen, konnte sie nicht; sie errötete auch nicht über ihren Schmerz, allein er führte sie nie so weit, eine schöne Handlung zu zu bereuen. Ihr Weg führte sie durch M*** Blachfelds Garnison. Hier soll ich also wohnen, sagte sie seufzend, indem sie das redende Bild einer traurigen Kriegszucht vor sich sah: leere Strassen, geschmückte Kasernen, deren Fenster mit den elenden Lumpen ihrer Bewohner behangen waren. Diese Mauern sollen mich also auf immer einschliessen; in einer dieser menschenleeren Strassen soll ich ein ungesundes Haus bewohnen; ich, der es frei stand unter den reizendsten Wohnungen zu wählen: statt der auserlesensten Bibliotek, werde ich ein paar Tröster herumliegen haben, und statt des angenehmen Zirkels in