Terese Huber
Luise
Ein Beitrag zur geschichte der Konvenienz
Vorrede des Herausgebers
Dass Luisens geschichte wahr, bei aller ihrer Alltäglichkeit schrecklich und traurig wahr ist, darf niemanden, der sie gelesen haben wird, wiederholt oder beteuert werden. Sie wäre ein elender Roman, sie ist eine sehr lehrreiche geschichte. Es kann indessen dem Leser Not tun, ehe er weiter geht, von zwei Dingen unterrichtet zu sein: warum sie nämlich geschrieben? und warum sie herausgegeben wurde?
Die Erzählung ist, fast ohne Ausnahme, das Werk der Heldinn selbst, und entstand folgendermassen. Ein sehr achtungswürdiger Arzt, den sie über den fast hofnungslosen Zustand ihrer Gesundheit um Rat fragte, mochte durch seine lange Erfahrung belehrt worden sein, dass bei gebildeteren empfänglicheren Menschen dem Körper nicht aufzuhelfen ist, wenn der Seele nicht zugleich auch freundlich die Hand geboten wird; und dazu glaubte er das Mittel gefunden zu haben, indem er ihr anriet, die geschichte ihrer Leiden und ihres Unglücks aufzuzeichnen. Da es ihrer Fantasie unmöglich war, sich von den schwarzen Bildern ihrer Vergangenheit zu trennen, so glaubte er solche wenigstens in gewisse Schranken bannen zu können, wenn sie mit dem verstand zugleich angestrengt würde, aus ihren schwankenden Vorstellungen ein wirkliches und zusammenhängendes Ganzes zu bilden. Er glaubte vielleicht, dass Luise ihr Schicksal für erträglicher, ihre Wunden für weniger unheilbar ansehen würde, wenn sie sich selbst eine ungeheuchelte Rechenschaft, von allem was sie betroffen hätte, ablegte. Das Mittel war gut berechnet, aber es schlug bei einem hartnäckigen Übel nicht an; und nachdem sie sich, mit allen Erinnerungen ihres unglücklichen Lebens, so vorschriftsmässig als es ihrer schon zu tief verwundeten Seele möglich war, beschäftigt hatte, verzweifelte sie mehr als jemals, diesseits des Grabes noch Ruhe zu finden. Diese Arbeit grub vielmehr den Gedanken und die Erwartung des Todes tiefer in ihr Herz, und es ward endlich ihr einziges Ziel, in derselben ein Denkmal zu errichten, das denen, von welchen sie sich verlassen glaubt, sagen sollte, wie sie litt und warum sie starb; das ihren Freunden zurufen sollte: "Hier ruht sie!" und Fremden: "Lasset die nicht einsam und hülflos verschmachten, die jetzt leiden wie sie einst litt!" Über Grabsteinen schwebt Friede und Verzeihung, die stimme des Todes regt keine leidenschaft mehr auf: Friede und Verzeihung erwartete also auch Luise, die sich für lebendig tot hielt, indem sie diese Blätter in die hände eines Mannes lieferte, den sie nicht persönlich kannte, für welchen sie aber Vertrauen und achtung genug hatte, um ihn zur Herausgabe derselben aufzufordern.
Es schien mir etwas Heiliges zu haben, den
Wunsch einer so gränzenlos Unglücklichen nicht unerfüllt zu lassen. Ohne indessen von den in dieser geschichte auftretenden Personen eine einzige zu kennen, ohne also im stand zu sein über sie zu urteilen, habe ich doch die klare Überzeugung, dass man zwar Luisen alles was ihr Unglück betrifft und beweiset, auf ihr Wort glauben, über vieles aber was das ihr getane Unrecht anbelangt, sie nicht für die kompetenteste Richterinn annehmen kann. So geschah es, nachdem die arme die schreckliche Epoche ihrer Verstandesverwirrung überstanden hatte, dass man auf die Meinung hin, ihre Vernunft sei nicht wieder hergestellt, manches gegen sie tat, das während ihrer schwachen Genesung heftig genug auf sie wirkte, um Entschlüsse in ihr hervorzubringen, welche, so hell auch ihr eigenes Bewusstsein dabei war, die Personen von denen sie umgeben war, wiederum in ihren Vorurteilen bestärken mussten. In diesem und manchem ähnlichen Fall ist es unläugbar, dass sie Unrecht l i t t ; aber zweifelhaft ist es, ob man ihr Unrecht t h a t ? Und in einem solchen Labirint trieb sie ihr grausames Schicksal mit den Menschen, die sie zunächst angingen, unaufhörlich herum. Welche Scenen von Verzweiflung würden, zum Beispiel, die Geständnisse ihres Gemahls entüllen, wenn dieser die Gewohnheit gehabt hätte, so über sich zu brüten wie seine unglückliche Frau? Sie brütete, litt, weinte: und er war schwerlich glücklicher, indem er nach s e i n e r Art, nach der Stimmung s e i n e s Karakters fühlte, die ihn antrieb zu toben, oder sich auf jede Weise von der Veranlassung seines Unglücks zu zerstreuen, oder gar sich an ihr zu rächen; während Luise mit gleichem, wiewohl noch unvermeidlicherem Egoismus fortfuhr, nur von i h r e m Kummer auszugehen, der doch, durch seinen Einfluss auf ihren charakter, die nächste Ursache des Missverhältnisses war. So behandelte und dachte sie die Menschen oft besser als sie waren; so erblickte und fühlte sie die nämlichen Menschen eben so oft schlimmer als sie waren; so gab ihre Güte ihr nie diejenige Kraft, welche andre im Zügel gehalten, und sie darüber hinweggesetzt hätte, über ihre und andrer Handlungen und Motive peinlich zu grübeln; so stiess schwärmerische Kleinlichkeit in ihr, unaufhörlich gegen gewöhnlich menschliche und gesellschaftliche Kleinlichkeit in Andern!
Die oberflächlichsten psychologischen Kenntnisse sind hinreichend, um auf alle, von ihren Helden selbst verfassten Biographien, gewisse allgemeine Vorsichtsregeln anzuwenden; und wenn eine Unglückliche, mit der Erzählung ihres Lebens, fast nur eine einzige lange Krankheitsgeschichte vorträgt, muss man allerdings noch eine besondre Rücksicht darauf nehmen: in wiefern ihre Vorstellungen, von Menschen und Dingen, dem Einfluss ihres individuellen Zustandes notwendig unterworfen sein mussten. Wenn aber ein Arzt, der einen Fieberkranken besucht, und ihn mit Heftigkeit versichern hört, dass man ein eisernes Band um seine Schläfe gelegt habe