n r i c h . Gnädige Frau, ich sagte gestern zu Henrietten, ich wollte sie durch Tugend verdienen; dieses bleibt noch mein Vorsatz! Nach einigen Jahren tun Sie den Ausspruch über mich! Und wenn ich einmal den Pfad der Tugend betreten habe, sollte ich ihn verlassen, wenn ich im Besitze des liebenswürdigsten Weibes sein werde?
E l i s a . (lächelnd.) Schöne Jünglings-Phrasen! Doch, (sie wendet sich gegen Wallenheim.) Wallenheim, unsere Tochter ist frei. – Sie mag entscheiden!
Heinrich und Henriette blickten sich an, und warfen sich zu gleicher Zeit in Elisa's arme, indem sie ausriefen: O, meine Mutter, wir wollen stets gut sein! Wir wollen Ihnen Freude machen, durch unsere Liebe, durch das Bestreben, uns gegenseitig glücklich zu machen!
Elisa umarmte sie Beide: auch Wallenheim schloss seine Tochter in seine arme; und gerührt drückte Henriette den Sohn an ihr Herz. Die süssen Namen: Vater, Mutter, Tochter, Sohn, erschollen aus jedem mund, und Beider älteren fühlten ihre Freundschaft durch die Liebe ihrer Kinder verstärkt.
Auch Birkenstein kam an diesem Tage nach Wallental; er teilte mit ihnen das Glück seiner jungen Freunde, und versprach Elisa'n, Heinrichs Bildung zu vollenden. Das erste Jahr, dass er in B... sein wird, sprach Birkenstein, werde ich mit ihm dort zubringen. Ich werde seine Leidenschaften leiten, jedes Schöne und Erhabene werde ich ihm als wünschenswert vorstellen, und seine Neigungen darauf richten; ich werde ihn lehren Menschen kennen, und ihn gewöhnen, selbst in der Hitze der leidenschaft auf die stimme der Vernunft zu hören, und ihr zu folgen. Kurz, mein Bestreben soll sein, dass Heinrich einst nicht nur edel denkt, sondern stets gut handelt; und schön wird der Abend meines Lebens sein, wenn ich dazu beitragen kann, Sie einst in Ihrer Tochter glücklich zu machen!
Elisa dankte ihrem edlen Freunde. Vergnügt verlebte dieser Zirkel guter und glücklicher Menschen nun diesen Tag. Heinrich und Henriette dachten nicht an den Abschied, sie empfanden nur ihr gegenwärtiges Glück, und genossen des künftigen. Doch sie kam, die Abschiedsstunde; allein frühzeitig hatte Elisa ihrer Tochter Standhaftigkeit eingeflösst, und Henriette zeigte sich ihrer Mutter würdig bei der Trennung von ihrem Freunde. Tränen rollten zwar von ihren Wangen; allein sie flossen ohne Heftigkeit, und nach einigen Tagen hatte Henriette ganz ihre vorige Heiterkeit wieder. Elisa fuhr fort, sie sehr zu beschäftigen, und zu verhindern, dass Heinrich nicht stets der Gegenstand ihrer Gedanken sei; sie liess sie jetzt selten allein, und ging öfterer, als sie bisher getan hatte, mit ihr in Gesellschaft. Doch eben so sehr bestrebte sie sich, Henrietten die Eigenschaften zu geben, welche sie als Heinrichs gattin von ihr forderte. Sie bildete ihren Geschmack, erteilte ihr einige Kenntnisse in den schönen Künsten und in der schönen Litteratur, weil sie glaubte, dass Henriette eine angenehme Unterhaltung dadurch bekommen würde, und dass, wenn man sucht, dem verstand Grazie und Feinheit zu geben, dieses sich auch auf das äussere Wesen ergiesst, und dem weib Annehmlichkeit gibt. Allein auch Menschen- und Weltkenntniss fand Elisa für nötig, dass sie ihre Tochter erlangte. Sie bat also ihren Gatten, dass er einen Winter in B .. mit ihr und ihrer Tochter zubringen möchte. Hier suchte sie die Gesellschaften, welche von den klügsten und artigsten Weibern B... s besucht wurden, und hier bildete sie ihre Tochter zum liebenswürdigsten, angenehmsten Mädchen. Allein indem Henriette in ihrem Wesen die Politur der feinen Welt annahm, blieb sie doch ungekünstelt und natürlich. Die natur schien bei ihr durch die Grazien geschmückt zu sein. – Doch Henriette sollte nicht nur das reizende, das angenehme, sondern auch das gute, das vernünftige Weib sein. Von ihrer Jugend an hatte Elisa ihre Begriffe, ihre Grundsätze gebildet; jetzt gab sie ihr gelegenheit zu handeln, machte sie darauf aufmerksam, wenn sie fehlte, und flösste ihr Beharrlichkeit im Guten ein. Aber auch die Besorgung aller häuslichen Geschäfte übertrug jetzt Elisa ihrer Tochter; sie liess sie in das Detail jeder wirtschaftlichen Angelegenheit gehen, und Henriette erlangte auch bald in diesem Fache alle Vollkommenheiten einer guten Hausfrau.
Elisa war glücklich in diesen Beschäftigungen, die guten Eigenschaften ihrer Tochter wurden mit jedem Tage erweitert, und durch sie Elisa's Glück erhöhet. Ihr mütterliches Herz kannte jetzt nur Freuden; auch in ihrem Sohne wurden ihre Bemühungen um sein Glück ihr belohnt. Carl hatte seinen Ausschweifungen auf immer entsagt; er näherte sich keinem Spieltische, ohne an die Aufopferungen zu denken, welche seine Mutter seiner leidenschaft zum Spiele gemacht hatte, und diese Erinnerung trieb ihn weg vom Spiel. Er hatte in Wallental das Gute kennen und lieben gelernt, und jetzt bestrebte er sich, es zu befolgen. Er kam nach einem Jahre zurück nach Wallental; die Freudentränen seiner Mutter flossen über seine Wangen, und der Jüngling fühlte, dass Tugend auch glücklich macht. Aber auch ihr zweiter Sohn, wie Elisa Heinrichen nannte, strömte Freude in ihr Herz. Birkenstein war auf ein Jahr sein Führer gewesen, und er versicherte Elisa'n von seiner guten Aufführung, und seiner edlen denkart. Oft sagte sie entzückt zu Wallenheim: Ich werde meine Kinder glücklich sehen! Und die süssesten Tränen flossen dann von ihren Wangen.
So flossen die Tage ihres Lebens jetzt froh und glücklich