Laubengang hinunter gehen. Unwillkührlich entfernte ich mich von Ihnen, liebe Mutter, und ging auf die entgegengesetzte Seite des Gartens. Ich kam an die kleine Grotte, neben dem Teiche, dessen Ufer die schönen Castanienbäume beschatteten; ich setzte mich da, die Sonne war untergegangen, stille und traurig war Alles um mich. Ich dachte nur an Felsings Abreise; mein Herz war so beklommen, dass ich endlich in Tränen ausbrach. Mich dünkte, nun höre jedes Vergnügen für mich auf; dieser Garten, den ich so oft an Felsings Hand froh durchstrichen hatte, verlohr nun seinen Reitz für mich. Alles wird nun öde sein, sprach ich zu mir selbst, und meine Tränen verdoppelten sich. Dieses machte mich endlich aufmerksam auf mich selbst. War ich denn nicht auch vergnügt, fragte ich mich, ehe Felsing hierher kam? Und werde ich eben so traurig bei Carls Abreise sein? Nein; und Carl ist doch mein Bruder, und ich liebe ihn so sehr! ... Ach, Mutter! da suhlte ich, dass ich eine vorzügliche Neigung für Felsing empfand, und ich machte mir Vorwürfe, dass ich dieses nicht eher bemerkt, und Ihnen entdeckt hätte. Ich war noch in diesen Betrachtungen versunken, als ich Jemand kommen hörte; ich wandte mich um, es war Felsing. Ich erschrack, ich zitterte; er kam eilig zu mir: Henriette, sagte er, wollen Sie mir Ihre Gesellschaft den letzten Abend entziehen, an welchem ich mit Ihnen sein kann? Er sprach diese Worte in einem wehmütigen Tone, und seine stimme zitterte. Ich war sehr verrwirrt; er setzte sich neben mich, mein Herz schlug gewaltig. O, Henriette, hub er aufs neue an, wie glücklich wäre ich, wenn ich Felsingburg mit der Hoffnung verlassen könnte, dass ich einst alle künftigen Tage meines Lebens an Ihrer Seite verleben würde? Er blickte mir bei diesen Worten ins Gesicht: eine Träne entfiel mir; er sah es, und schlug seinen Arm um meinen Leib. Mit Heftigkeit drückte er mich an seine Brust, und zum Erstenmahle drückte er seine Lippen auf die Meinigen. O, Henriette! rief er aus, wenn Liebe Liebe versteht? – O, meine süsse Freundinn, dann darf ich hoffen ... Er schwieg, ich schlug die Augen nieder; endlich wand ich mich aus seinen Armen. hören Sie, Felsing, sprach ich, es ist wahr, ich glaube, ich liebe Sie. Der Schmerz über Ihre nahe Abreise hat mich über meine Empfindungen belehrt, und warum sollte ich es Ihnen nicht sagen? Ich glaube, dass es das Glück meines Lebens machen würde, wenn ich mich einst als Ihre Gattin sähe. Hier errötete ich, und er drückte mir sanft die Hand. Doch, fuhr ich fort, unsere älteren müssen unsere Liebe billigen. Wir müssen uns ihnen entdecken, und bis dahin kein Wort mehr von unserer Liebe; was sie über uns beschliessen, dem unterwerfe ich mich. Sie kennen die Güte, die Tugend, die Klugheit meiner Mutter; was sie will, ist gewiss das Beste für mich. – Nun standen wir auf, Heinrich ergriff meine Hand, und sprach in einem feierlichen Tone: Henriette, diese Worte, über welche vielleicht mancher Jüngling klagen würde, machen Sie mir noch verehrungswürdiger! Ich werde mich bestreben, Sie durch Tugend zu verdienen, und dann glaube ich, dass ich ruhig den Ausspruch Ihrer verehrungswürdigen Mutter erwarten kann. Wir beschlossen nun, dass er heute seinen älteren seine Liebe entdecken, und auch Sie mit derselben bekannt machen sollte. Und nun – (in einem ängstlichen Tone) meine Mutter, entscheiden Sie!
E l i s a . Sei ruhig, liebe Henriette, du wirst stets Gebieterinn über dich selbst bleiben, nur du kannst über dich bestimmen! älteren haben bloss das Recht, ihren Kindern das Beste vorzustellen, ihnen die Mittel zu zeigen, durch welche sie glücklich werden können, die Wahl, welche sie ergreifen wollen, muss ihnen überlassen sein. Hier hört das Recht der älteren auf; der Menschheit heilige Rechte nehmen ihren Anfang, und der Mensch muss es dem Menschen überlassen, welche Mittel zur Erreichung seines Glücks er nach seinen Empfindungen und Vorstellungen für die besten hält, und ihn diese ergreifen lassen. Ich will dir also meine Gedanken über eine Verbindung mit dir und Heinrichen mitteilen, und dann, meine Henriette, kann nicht ich, sondern du musst entscheiden. Heinrich ist jetzt achtzehn Jahr, nur wenige Monate ist er älter als du. Er wird noch ein Jahr in G ... bleiben, dann wird er in B ... angestellt werden, und vor seinem zwei und zwanzigsten Jahre gebe ich es nicht zu, dass er dich heiratet. Du, meine Henriette, bist dann vollkommen fähig, gattin, Mutter und Hausfrau zu werden; allein Heinrich ist dann noch immer der brausende Jüngling, in der ganzen Stärke seiner Leidenschaften. Erwarte es nicht, dass du ihn fesseln wirst! Wenn er dir treu bleibt, und wie kannst du dir dieses für gewiss von einem achtzehnjährigen Jüngling versprechen? so hört er auf es zu sein, wenn er dein Gatte ist. Alles reitzt dann noch seine Sinne, Alles erweckt seine Begierde. Du, meine Henriette, näherst dich dann dem Alter, wo des Frauenzimmers erste Blüte schon vorüber ist, und doch musst du deinem jugendlichen Ehemanne jetzt reitzender erscheinen, als in den ersten