1795_Wobeser_112_9.txt

Elisa durch diese Scene kindlicher und mütterlicher Liebe gerührt; denn ach! sie kannte das Glück nicht, von einer Mutter mit Zärtlichkeit geliebt zu werden; sie dachte an ihren Vater, und eine helle Träne glänzte in ihrem schönen Auge. Aber Henriette sah, dass Elisa's Gegenwart die Wärme erzeugte, mit welcher Herrmann sprach; sie sah ihre Freundinn bewegt, und zitterte schon für sie. Sie wollte dieser stummen Scene, in welcher Empfindung so laut sprach, ein Ende machen; sie wandte sich also gegen Frau von Birkenstein: In der Tat, sprach sie, die Freude hat uns sprachlos gemacht, und ein wenig Zerrüttung in uns hervorgebracht. Wir sind alle stumm, und haben uns doch alle etwas zu sagen. Elisa und ich sollten Ihnen unsern Glückwunsch über die Ankunft Ihres Sohnes abstatten, und der Herr von Birkenstein könnte uns wohl seine Freude bezeigen, über das Glück, zwei so angenehme Nachbarinnen zu finden.

H e r r m . Nur wenn ich schwach empfinde, drücke ich meine Empfindungen durch Worte aus, und dieses ist heute nicht der Fall.

H e n r . Gut, nun wir davon unterrichtet sind, sehen wir Ihr Stillschweigen als das grösste Compliment an.

H e r r m . Ihnen kann man nie ein Compliment machen.

H e n r . O, Herr von Birkenstein, man merkt es, dass Sie aus B... kommen; aber wir Landmädchen können Ihnen hierauf nicht antworten.

F r . v . B . Im Gegenteil, liebe Henriette, scheint mein Sohn heute sogar unter uns Landleuten verlegen.

H e r r m . Liebe Mutter, häufen Sie doch nicht so viele Beschuldigungen gegen mich! Wie werde ich mich gegen Sie Alle verteidigen können?

E l i s a . Um Verzeihung, Herr von Birkenstein, Sie haben es nur mit zweien zu tun; ich nahm keinen Anteil an der Beschuldigung meiner Freundinn.

H e r r m . (Ihre Hand an seine Lippen drückend.) Ihr huldreicher, sanfter blick lässt mich hoffen, in Ihnen eine Beschützerinn zu finden.

E l i s a . Sie rechtfertigen in diesem Augenblicke, was Ihnen meine Freundinn zuvor sagte.

H e r r m . O, gewiss nicht, gewiss nicht! Meine Mutter kann es Ihnen sagen, schon als Knabe entfernte ich mich nie von der Wahrheit.

F r . v . B . Auch glaube ich mit Dir, Herrmann, dass Elisa und Henriette nur die Wahrheit hören können, wenn ihnen Lob erteilt wird.

H e n r . Frau von Birkenstein, Sie treten zu seiner Partei über; Elisa erklärt, dass von ihrer Seite kein Anariff geschehen ist; ich sehe mich also allein auf dem Kampfplatze, und wohl oder übel, muss ich nun wohl Friede machen.

Die scherzhafte Wendung, welche das Gespräch nahm, stimmte Herrmanns und Elisa's Empfindungen zu dem vertraulichen Tone der Freundschaft um. Gleich edel, gleich gefühlvoll für das Schöne, empfanden sie, dass sie sich verstanden, und verbannt war zwischen ihnen jenes steife Ceremoniel, welches nur kalte Seelen erfanden und an die Stelle des Gefühls setzen. –

Frau von Birkenstein schlug vor, die jungen Mädchen hier unter der grossen Linde tanzen zu lassen. Elisa, Henriette und Herrmann freueten sich dieses Einfalls, riefen den jungen Mädchen und Burschen, und tanzten selbst im Reihentanze mit. O, sagte Elisa zu Herrmann, nachdem sie sich wieder gesetzt hatten, wie angenehm ist das Bild der Freude, und wo wird es treuer dargestellt, als auf ländlichen Festen!?

H e r r m . Wohl wahr! die Erinnerung an dieselben rührt mich oft, wenn ich in B... die Säle der Langeweile besuchen muss, zu denen man, als den Schauplätzen des Vergnügens hineilt.

E l i s a . Das lebhafte Gefühl für die natur ist gewiss das seligste, das beglückendste! Ich freue mich, wenn ich es antreffe; denn der Mensch, in dem es wohnt, ist gut, wie die natur.

H e r r m . Sie beweisen dieses! Ja, nur mit einer schönen, erhabenen Seele konnte man so, wie Sie, mit den Bäuerinnen tanzen.

E l i s a . Schmeicheln Sie mir nicht, Herr von Birkenstein, aus Ihrem mund könnte mir das Lob gefährlich werden; denn ich würde geneigt sein, es zu glauben.

Elisa errötete, nachdem sie diese Worte ausgesprochen hatte; sie schätzte Birkenstein, und nicht gewohnt, zu heucheln, gestanden ihm diese Worte ihre Empfindung; allein sie erkannte gleich, dass sie einem mann, den sie gar nicht kannte, zu schnell ihre Gesinnungen entdeckt habe; er bemerkte ihre Verwirrung, und weit entfernt, sie durch eine Miene der Freude und Selbstzufriedenheit zu vergrössern, bestrebte er sich, sie zu vermindern. Nein, edles Märchen, sprach er, das Lob eines Mannes, der die Tugend verehrt, kann für eine schöne Seele nicht verderblich sein! Elisa erblickte in diesem Betragen seine zärtliche Aufmerksamkeit für sie, und ihr Herz dankte ihm.

E l i s a . (Nach einer Pause.) Wo ist denn Ihre Mutter und Henriette?

H e r r m . Mich dünkt, sie gingen dort jenen bedeckten gang.

E l i s a . Lassen Sie uns zu ihnen gehen.

Nun gingen Beide, schweigend, zu Henrietten und Frau von Birkenstein. Liebe Elisa, sprach