ihre Aufmerksamkeit. Henriette und Felsing hatten sich oft gesehen, und Elisa bemerkte, dass Henriette freudiger aufblickte, wenn Felsing in die stube trat; dass sie rot wurde, wenn man von ihm sprach; dass ihre Blicke mit Vergnügen auf ihm verweilten, und dass Henriette in Felsings Abwesenheit nicht mehr so fröhlich, so heiter als ehedem, ja sogar unruhig war, wenn sie ihn erwartete. Aber auch in Heinrichs Augen glänzte ein höheres Feuer, wenn er mit Henrietten sprach, und es blieb Elisa'n nicht unbemerkt, dass ein sanfter Händedruck oft seine Begrüssung war. Mit doppelter Aufmerksamkeit beobachtete Elisa ihre Tochter, ohne sie dieses merken zu lassen, und beschäfftigte sie mehr als sonst, um sie jetzt nicht den Spielen der Einbildungskraft zu überlassen, welche bald jene aufkeimende Liebe zur lodernden Flamme werden lässt. Elisa teilte Wallenheim ihre Beobachtungen mit. Wird Felsing ein redlicher Mann, sprach er, und hat etwas gelernt, so kann er unsere Tochter heiraten; Liebe wird sie vereinigen. Elisa wünschte das Glück ihrer Tochter; ihre geliebte Henriette, wünschte sie, möchte nur der Liebe Süssigkeit, nicht auch ihre Bitterkeit empfinden, und darum sah sie ihre Liebe zu Felsing nicht gern, weil, um lebenslängliche Fesseln zu tragen, er noch zu jung war. Indess sagte sie ihr nichts, um sie nicht misstrauisch gegen sich zu machen.
Es war nun am Tage vor Heinrichs Abreise. Wallenheim war mit seiner Familie zwei Tage in Felsingburg gewesen, und er und Elisa baten beim Abschiede Felsing und seine gattin, den letzten Tag von Heinrichs Aufentalte in Felsingburg, in Wallental zuzubringen. Henriette kam, wie gewöhnlich, nach dem Frühstücke schon angekleidet zu ihrer Mutter. Schwermut lag in ihren Zügen, ihr blick war trübe, und ihre Augen rot vom Weinen. Elisa tat, als merkte sie dieses nicht, war noch liebevoller gegen sie, und umarmte sie mit inniger Zärtlichkeit. Henriette, welche in dieser Stunde stets ihrer Mutter aus philosophischen Schriften etwas vorlas, wobei Elisa fortfuhr, ihre Begriffe zu bilden und zu erweitern, ergriff auch heute ein Buch; allein sie war zerstreut, ihre stimme zitterte, sie hörte nicht ihre Mutter, wenn diese sprach, und antwortete ihr nicht.
E l i s a . Henriette, du bist heute vielleicht zum Lesen nicht aufgelegt. Du bist nicht wohl. Lege das Buch weg, meine Tochter; du musst dir keinen Zwang auflegen!
H e n r i e t t e . (Macht das Buch zu, errötet, und schlägt die Augen nieder.)
E l i s a . Komm zu mir, meine Henriette, setze dich hier neben mich. Du bist seit einiger Zeit nicht mehr so fröhlich als sonst, und dieses tut mir wehe! Das Glück meiner Kinder ist mein einziger Wunsch; alle meine Handlungen zielen dahin, und es schmerzt mich, dass ich diesen Zweck versehle!
H e n r . (Wirft sich weinend in die arme ihrer Mutter.) O, meine gütige, meine liebe Mutter!
E l i s a . Besitze ich dein Zutrauen nicht? Ich würde doch so gern Alles tun, um die Ursache deines Missvergnügens aufzuheben?
H e n r i e t t e . Meine Mutter, ich hätte Ihnen schon lange alles gesagt, wenn ich nur recht gewusst hätte, was eigentlich in meinem Herzen vorginge; allein ... (Henriette errötet, und wird verwirrt.)
E l i s a . Liebe Henriette, ich errate dich. Gieb mir die Hand, meine Tochter, erröte nicht. Es ist das erste, das seligste Gefühl, welches die natur in unsere Herzen legte, wir müssen es nur gehörig leiten, und dieses zu tun, versprich mir, meinen Beistand anzunehmen.
H e n r . O, meine Mutter, leiten Sie mich! Gern, gern folge ich Ihnen, müsste ich auch meine Liebe zu Heinrichen aufgeben. Wenn Sie es wollten, so wüsste ich, es wäre gut.
E l i s a . Dieses ist der seligste Augenblick meines Lebens! In meiner Kinder Herzen versprach ich mir den Lohn für jede meiner Handlungen, und Dank dir, meine Henriette, du hast meine Erwartung nicht betrogen! Du wolltest mir deine Liebe aufopfern? Ich weiss, was dieses deinem Herzen kosten würde. Und meine sorgfältigsten Bemühungen für dein Glück sollen mich deines unbeschränkten Vertrauens immer würdiger machen!
H e n r . (Küsst ihrer Mutter gerührt die Hand.)
E l i s a . Jetzt lass uns von deinen Angelegenheiten sprechen. Gestand dir Felsing seine Liebe?
H e n r . Meine Mutter, ich will Ihnen Alles, Alles sagen, was zwischen uns vorgegangen ist. Ich hatte bisher auf meine Empfindungen nicht gemerkt; ohne es zu wissen, empfand ich Vergnügen in Felsings Gesellschaft. Felsing war so zuvorkommend gegen mich, er suchte mir immer Gefälligkeiten zu erzeigen, oder mir Vergnügen zu machen; sein Ton war so sanft, wenn er mit mir sprach; seine Worte hatten so das Gepräge der Innigkeit und Herzlichkeit, dass ich immer gerührt war, wenn ich einige Stunden mit ihm verplaudert hatte. Gestern auf unserm Spatziergange redete er mit mir von seiner Abreise; das machte mich traurig. Als wir zurückkamen, setzten Sie sich, liebe Mutter, mit Felsings und meinem Vater auf den grossen Rasenplatz vor dem haus. Herrn von Birkenstein sah ich mit meinem Bruder und Heinrichen im Garten den