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andern Morgen erwarte, um mit ihm abzureisen. Carl kam am andern Morgen; er fand seine Mutter schon angekleidet; allein er sah weder eine Kutsche, noch Pferde. Haben Sie die Postpferde schon bestellt? fragte er nach einiger Zeit.

E l i s a . Ich habe kein Geld mehr, und ich mag meine Schulden nicht vermehren. Ich werde zu fuss gehen, du kannst ja reiten!

C a r l . Meine Mutter! Sie, zu fuss gehen, von hier bis Wallental; es sind ja zwanzig Meilen!

E l i s a . Ich kann es nicht ändern, Carl. Freilich wird es langsam gehen; allein in sieben Tagen denke ich hinzukommen.

C a r l . Meine Mutter, alle die Mühseligkeiten einer solchen Reise wollen Sie ertragen? O, ich bitte Sie, borgen Sie die Summe, welche zu Ihrer Reise erforderlich ist, und ziehen Sie es mir von meinem Taschengelde ab!

E l i s a . Nein, mein Sohn, ich will deinen Bedürfnissen nichts entziehen. Lass mich zu fuss gehen, du wirst sehen, ich werde es schon aushalten können.

Carl schwieg, er machte sich Vorwürfe, und verabscheuete seine vorige Aufführung. Elisa hatte nun alles zur Abreise bereitet; ein Bedienter hatte sie begleitet; sie versprach ihm, den Weg, den er mit ihr machen müsste, zu belohnen. Sie wollte durch dieses Mittel Carln lange seine Schuld empfinden lassen. Sie machten sich nun auf den Weg, Carl ging beschämt durch die Strassen; es demütigte ihn, dass man seine Mutter und ihn in diesem geringen Aufzuge sah. Er war auf dem ganzen Wege traurig und niedergeschlagen; oft weinte er, wenn er seine Mutter vor Hitze und Durst ganz abgemattet sah, und sie dann ermüdet auf den Rasen sank, und nur nach einigen Stunden wieder Kräfte sammeln konnte, um ihren Weg fortzusetzen; aber liebevoll sprach ihm dann Elisa Trost ein; sie machte ihm nie Vorwürfe, sie klagte nie, ob sie gleich viel Unbequemlichkeiten auf dieser Reise zu ertragen hatte. Sie waren an jedem Tage drei Meilen gegangen, und am Siebenten langten sie endlich in Wallental an. Man hatte sie nicht kommen hören; sie traten in das Zimmer. Hier fand Elisa, ausser ihrem Gatten und ihrer Tochter, Birkenstein und Felsing mit seiner gattin und seinem Sohne.

Wallenheim eilt Elisa'n entgegen, und schliesst sie in seine arme. Aber, teure Elisa, wir haben kein Geräusch gehört, sind Sie denn nicht gefahren?

E l i s a . Nein, Wallenheim!

W a l l e n h . (verwundert.) Warum nicht?

E l i s a . Ich konnte nicht.

Wallenheim sieht sie voller Verwunderung an, und erblickt Carln, welcher verwirrt an der Tür stehen geblieben ist. Elisa wendet sich um. Wallenheim, ich habe Ihnen unsern Sohn mitgebracht. Carl warum begrüssest du nicht deinen Vater?

Carl nähert sich beschämt und verwirrt; Wallenheim empfängt ihn kalt; Henriette hat sich indess in die arme ihrer Mutter geworfen. Alle nähern sich nun Elisa'n und bewillkommen sie.

B i r k e n s t e i n . Elisa, Sie sehen mich hier unter der Zahl ihrer Freunde, und gewiss nicht als einen der Letzten, der sich freuet, Sie zu sehen!

E l i s a . Birkenstein, Sie können glauben, dass meine Verwunderung, Sie hier zu sehen, mir nicht unangenehm ist.

B i r k . (Drückt Elisa'n die Hand.) Unsere Herzen verstanden sich ja immer, sie sind gewiss auch einstimmig im süssen Tone der Freundschaft!

Elisa erwiderte den Druck der Hand.

B i r k . Ich bin jetzt Ihr Nachbar. Ich habe mir ein Haus im Städtchen R... gekauft, und von nun an verlebe ich hier die Hälfte des Jahrs.

E l i s a . O welch ein herrlicher Einfall! Nun werde ich also stets im Kreise aller meiner Lieben sein!

B i r k . Konnten Sie denn glauben, dass ich mich stets Ihres Umgangs, Ihrer Freundschaft entziehen würde? Nein, Elisa! Jetzt können wir uns ohne Gefahr sehen, und jetzt wollen wir uns ruhig im Genusse unserer Freundschaft freuen.

E l i s a . Dank Ihnen, Birkenstein, dass Sie durch Ihren Aufentalt hier noch die Summe meines Glücks vermehren werden!

B i r k . O, um diese Worte aus dem mund des verehrungswürdigsten Weibes zu hören, lohnte es der Mühe, Leidenschaften zu bekämpfen, und weise zu werden!

Froh brachten Wallenheim und seine gattin mit ihren Freunden den Abend zu. Zwar war Elisa ausserordentlich ermüdet; allein dieses blieb unbemerkt, weil sie es nicht scheinen wollte. Carl war der einzige, welcher sah, wie viel Anstrengung seine Mutter anwendete, um nicht der Müdigkeit zu unterliegen. Sein Herz dankte ihr dafür, und immer fester haftete darin der Vorsatz, seine Mutter, welche so vieles für ihn tat, nie wieder zu kränken. Er blieb an diesem ganzen Abend traurig; ihn dünkte, ein Jeder kenne seine Schuld, und er läse Verachtung in eines Jeden Blicke. Tief schlug ihn dieses nieder, und nur beschämt und furchtsam blickte er umher. Elisa suchte ihn Mut zu machen; immer redete sie ihn liebevoll an, und noch mehr rührte dieses den Jüngling. Gern wäre er zu den Füssen seiner Mutter gestürzt, um dort