Geschöpfe!
D i e V o r i g e . Keine Beschimpfungen, Herr von Wallenheim! Auch wir werden uns Recht verschaffen können; entweder bezahlen Sie uns, oder wir verklagen Sie morgen. Baron von T... ist Zeuge Ihrer Versprechungen gewesen, auf ihn berufen wir uns!
C a r l . (für sich.) Was soll ich anfangen? (er wirft sich seiner Mutter zu Füssen.) O, meine Mutter, befreien Sie mich!
E l i s a . (geht zu den beiden Mädchen, und gibt jeder fünf Louisd'ors. Beide entfernen sich augenblicklich.)
E l i s a . (nachdem sie hinausgegangen sind.) Dieses sind also die Freuden, Carl, denen du deine Ruhe, dein Glück, deine Ehre opferst? Denn ein Mann von Ehre wird die Drohungen einer öffentlichen Buhldirne als einen Schimpf ansehen, den er nicht ertragen kann; ein Mann von Ehre wird nicht anderer Geld entwenden; denn Schulden machen, die man nicht bezahlen kann, ist doch wohl so gut als Raub? – Und diese Freuden erkaufst du mit den Tränen deiner älteren? Armer Jüngling, wie wenig musst du mit den wahren Freuden des Lebens bekannt sein, um diesen ein so grosses Opfer zu bringen!
Carl lag noch auf seinen Knieen und weinte. Scham, Reue und Liebe zu seiner Mutter waren die Empfindungen, welche in seinem Herzen abwechselten. Elisa überliess ihn diesen Gefühlen; sie schwieg. Ein starkes Anpochen an der Tür riss Carln aus denselben. Er steht auf, öffnet die Tür. Fünf seiner Gläubiger stehen vor ihm; er erschrickt. Gut, junger Herr, fängt der Eine von ihnen an, dass wir ihre Mutter noch bei ihnen finden; Sie werden uns doch erlauben, mit ihr unsere Sache abzumachen?
Carl richtet seinen blick furchtsam auf seine Mutter; er hätte gewünscht in die Erde sinken zu können. Nun traten die Herren herein, und zogen Rechnungen und Schuldverschreibungen heraus. Was ist das, Carl, fragte Elisa? Nichts, gnädige Frau, antwortete jener Mann, welcher schon zuvor gesprochen hatte, als Rechnungen und Schuldverschreibungen, welche sich auf zweitausend Taler belaufen, welche Ihr Herr Sohn uns schuldig ist.
E l i s a . (erschrocken.) Gott! zweitausend Taler? Wo soll ich die hernehmen?
D e r G l ä u b i g e r . Gnädige Frau, richten Sie es ein, wie Sie können; nur soviel sage ich Ihnen, wenn wir nicht bezahlt werden, oder Sie uns nicht Bürge für die Bezahlung sind, so lassen wir den jungen Herrn nicht aus der Stadt.
E l i s a . Meine Herrn, hier sind fünfhundert Taler, in jedem der drei folgenden Jahre sollen Sie eine gleiche Summe erhalten, und im Vierten die Zinsen des Capitals. (Sie setzt sich hin und schreibt.) Hier haben Sie das schriftliche Versprechen und – hier das Geld! (Sie zählt auf einen Tisch hundert Louisdo'r.)
Die Gläubiger nahmen nun mit vielen Complimenten von Elisa'n Abschied. Sobald sie das Zimmer verlassen haben, bricht Elisa in Tränen aus.
C a r l . Meine Mutter, Sie weinen? O, ich Unglücklicher!
E l i s a . Mein Herz ist zerrissen. Wozu habe ich mich anheischig machen müssen? Meinen Vergnügungen habe ich kein Geld bestimmt, ich kann also das Geld, deine Schulden zu bezahlen, nicht mir entziehen; denn ich habe keine andere Ausgaben für mich, als die, welche unbedingte notwendigkeit fordern. Und das Wenige, welches ich zur Annehmlichkeit deines Vaters und deiner Schwester bestimme, soll ich ihnen entziehen? O, ich werde die Klagen des Vaters über den Sohn hören müssen, der ihm nichts übrig liess, als das blosse Stück Brod! Ich werde meine süsse Henriette in den Jahren der Freude sehen, und ihr jedes Mittel zum Vergnügen entziehen müssen! Doch schwerer noch wird es meinem Herzen werden, dem Unglücklichen jede hülfe zu versagen! Die Summe, welche ich den Armen gab, ist die einzige, über welche ich bestimmen kann, das einzige, welches ich besitze. Armer, hülfloser Greis, wenn du nun vor meiner Tür vorbeischleichest, darf ich dir nicht mehr ein Labsal reichen! Ich muss deine Tränen sehen, und darf sie nicht trocknen! Ich darf dich nicht unterstützen, unglückliche Mutter, wenn du mich um ein Stück Brod ansprichst, deine Kinder zu unterhalten! Ich werde euch sehen, meine bedrängten Brüder, euer Elend empfinden, und euch nicht helfen können! Carl! dieses schmerzt mich! O, gern opferte ich dir alles, was ich besässe, müsste ich dir nur nicht Pflichten gegen meine unglücklichen Mitmenschen aufopfern!
C a r l . (wieder zu den Füssen seiner Mutter.) Meine Mutter! O, wie gross ist meine Schuld! Ich fühle es, Sie können mich nicht mehr lieben!
E l i s a . (Mit sanfter, rührender stimme, indem sie ihn umarmt.) Du bist mein Sohn!
Carl weinte noch einige Zeit in ihren Armen; endlich sprach Elisa zu ihm: Ich wünschte, dass du mich begleitetest! Du bist in langer Zeit nicht in Wallental gewesen, siehe zu, dass du auf drei Monate Urlaub bekömmst.
Carl erhielt diesen Urlaub. Elisa kehrte am Abend in den Gastof zurück, und sagte ihm, dass sie ihn am