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zog sich ihre Stirne; eben das ruhige, sanfte Lächeln tronte noch auf ihren Lippen, und eben derselbe liebevolle blick, der einst Herrmann zuerst die Liebe kennen lehrte, begleitete noch jede ihrer Handlungen, und jedes ihrer Worte. Unaufhörlich blieb sie beschäftiget, die Summe des Glücks zu vermehren, und nachdem die Zeit und ihre Bemühungen den Schmerz über Herrmanns Tod getilgt hatten, rief sie die Freude zurück an ihre Seite, und verbreitete sie wieder über Alles, was sie umgab, über ganz Wallental, soweit es dem Menschen möglich ist, und nur selten sah man dort einen kummer- oder unmutsvollen blick. In seinem funfzehnten Jahre war Carl in den Militairdienst getreten; oft schon hatte Elisa bittere Tränen um ihn vergossen. Sein Charakter hatte keine Festigkeit bekommen, seine Leidenschaften, welche heftig waren, keine gehörige Richtung. Sie hatte Wallenheim oft ihre Besorgnisse mitgeteilt, ohne ihm indess Vorwürfe zu machen; allein er wollte aus falscher Schaam es nie gestehen, dass sein Weib Recht habe, und nie hatte sie ihn bewegen können, in Absicht Carls andere Massregeln zu nehmen. Er war nun vier Jahre beim Regimente, und überliess sich jetzt, da er sich frei glaubte, seinen Leidenschaften ohne Einschränkung. Das Spiel war fast seine einzige Beschäftigung, und die Stunden, welche er fern vom Spieltische zubrachte, verlebte er in den Armen feiler Buhlerinnen. Er war zwanzig Meilen von Wallental entfernt; allein Elisa liess ihn beobachten, sie war von jeder seiner Handlungen unterrichtet; aber sie verschwieg ihrem Gatten seine Aufführung, um ihm die Vorwürfe, welche er sich machen könnte, zu ersparen, und auch, weil sie besorgte, dass er vielleicht, um ihn zu bessern, falsche Massregeln ergreifen könnte. Sie wollte einige Zeit seine Leidenschaften ausbrausen lassen; sie glaubte, dass, wenn ein Jüngling eine schlechte Erziehung bekommen hätte, und seinen Leidenschaften nicht schon vor ihrem Erwachen ein Zügel angelegt worden wäre, sie einem reissenden Strome glichen, der alle Dämme durchbricht, welche man ihm entgegensetzt; dass folglich in der ersten Hitze derselben jedes Mittel zur Besserung vergebens sei, und sie wollte diese nicht eher anwenden, als bis er einige Zeit seine Leidenschaften befriediget haben würde. Doch jetzt näherte er sich dem zwanzigsten Jahre; nun, glaubte sie, wäre es Zeit, ihn von seinen Ausschweifungen zurückzubringen, sonst bliebe er Lebenslang ein Spieler und ein Wollüstling. Sie beschloss, selbst nach S... zu reisen, wo er in Garnison stand. Sie sagte ihrem Gatten, dass Carl sich von heftigen Leidenschaften hinreissen liesse, und dass sie hoffte, dass, wäre sie einige Zeit in S..., sie vielleicht gelegenheit haben würde, kräftige Massregeln zu seiner Besserung anzuwenden. Eine zwanzigjährige Erfahrung hatte Wallenheim zu sehr von der Klugheit und Vorsicht seiner gattin überzeugt, als dass er jetzt nur einen Augenblick hätte zweifeln können, dass Elisa nicht ganz so handeln würde, als Zeit und Umstände es erforderten. Er war gewohnt, sie in allen Fällen die besten Massregeln ergreifen zu sehen, und schon seit langer Zeit schränkte er sie in keiner ihrer Handlungen mehr ein, und Elisa gebrauchte diese Freiheit nur, ihn und ihre Kinder zu beglücken. Reisen Sie, teure Elisa, sprach er, es wird der besten Mutter aufbehalten sein, den Sohn zurückzubringen, den des Vaters Fehler auf Irrwege leitete!

Und Elisa reiste.

Sie trat in S.... in einem Gastofe ab; sie verbarg ihren Namen; viel hörte sie von ihrem Sohn sprechen; er hatte zweitausend Taler Schulden in S...., und täglich fand man bei ihm eine Versammlung von Spielern und Freudenmädchen. Inzwischen erzählte man sich auch Züge seines guten Herzens: Der junge Wallenheim, hörte Elisa einige Männer sagen, kann nur der Verführung nicht widerstehen; es ist zu viel Schwäche in seinem Charakter; ich weiss, dass er oft die besten Vorsätze nimmt, allein sie schwinden im andern Augenblicke, sobald einer seiner Freunde zu ihm sagt: komm mit mir zum Pharotische.

Aus allen diesen Reden schöpfte Elisa Hoffnung. Er ist noch nicht ganz verdorben! sagte sie zu sich selbst. Sie erfuhr, dass am andern Tage wieder eine Versammlung seiner Spielgesellen bei ihm sein würde. Sie bat die Wirtin, bei welcher Carl wohnte, ihr für ein gutes Trinkgeld zu erlauben, während der Zeit, dass bei dem jungen Wallenheim Gesellschaft wäre, sich in dem Zimmer neben dem Seinigen aufzuhalten. Die Frau gestattete ihr dieses, und Elisa ging am Nachmittage dahin. Bald hört sie das wilde Jauchzen, die üppige Fröhlichkeit Carls und seiner Gesellschafter; sie unterscheidet unter ihnen zwei weibliche Stimmen, welche ihn zum Spiele ermunterten: Mache Wallenheim, dass du gewinnst, riefen sie ihm zu, allein wir bekommen die Hälfte des Gewinnstes, aber dafür sollst du auch eine göttliche Nacht haben! O, ihr werdet sie wohl sehr menschlich machen, antwortete Einer aus der Gesellschaft, und ein wildes Gelächter erscholl. Doch jetzt hörte Elisa, dass man sich um den Pharotisch versammelte, und nach einer halben Stunde hörte sie Carln ausrufen: Der Teufel! schon hundert Louisd'or weg! Da öffnete sie plötzlich die Tür, und trat in das Zimmer. Wie vom Blitze gerührt, stand Carl da; Elisa schwieg. Teufel! rief ihm einer seiner Cameraden zu, was machst du, Wallenheim? Das Weib sieht ja nicht so schrecklich aus, um dir ein solch Herrjemines Gesicht abzujagen?

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