Vorsicht, opfere ich meine Leiden, opfere ich den Schmerz, der jetzt in meinem Busen wühlt – Beim Eintritte in die Welt, harrten meiner Leiden und Freuden! – Ich will sie tragen die Leiden, ich genoss ja die Freuden! – (sie wirft sich wieder auf Herrmanns Bette.) O, Herrmann, mein Sohn, du wirst nicht mehr sein! – Aber, Elisa, deine Pflichten hören nicht auf! Dein Gatte, deine übrigen Kinder leben, du musst an ihrem Glücke arbeiten! Dazu berief dich die natur! Und ehe sie mich nicht zurückruft, vom Schauplatze des Lebens, eher darf ich nicht aufhören zu wirken! Dazu muss ich stark sein! – (sie fällt nieder auf ihre Kniee, und hebt die Hande gegen Himmel.) Ja, ich will es sein! – Ich will mit ruhiger Ergebung das grösste der Leiden tragen – ich will ihn bekämpfen, den Schmerz – ich muss Wallenheim trösten – O, Wallenheim! Du sollst nicht zu gleicher Zeit deine gattin und deinen Sohn verliehren!
Nun stand Elisa auf, und setzte sich wieder neben ihrem Herrmann; er war schon seit zwei Tagen ohne Empfindung. Sie nahm ihn oft in ihre arme, weinte; aber eben so oft blickte sie empor zum Himmel, und rief aus: Du wirst mich stärken, grosses Wesen!
Wallenheim kam wieder herein; es war schon Abend, Elisa bat ihn zu Bette zu gehen. Meine Elisa, sprach er, soll ich nicht mit Ihnen diese traurigen Stunden teilen? Wollen Sie allein jene bange Bekümmerniss über sich nehmen, allein ihn mit unermüdeter Sorgfalt bewachen, und ich – soll ruhen?
E l i s a . Ja, mein Wallenheim, suchen Sie auf einige Stunden zu ruhen. Unser Sohn stirbt noch nicht! Noch ist der Faden seines Lebens nicht durchschnitten! Vielleicht! – doch gehen Sie jetzt, Ihre Gegenwart hier würde mich noch mit mehrerer Besorgniss erfüllen, ich würde auch für Sie zittern!
Wallenheim umarmte sie, weinte, und verliess das Zimmer. Elisa glaubte, dass Herrmann in dieser Nacht sterben würde, und sie wollte nicht, dass Wallenheim diesem traurigen Auftritte beiwohnen sollte. Wallenheim ging zu Bette, von Gram und Tränen abgemattet, schlossen sich seine Augen. Er war eine Stunde weg, da hörte Elisa ihren Sohn leise röcheln; das Röcheln nahm zu, sie sah mit unverwandtem blick auf ihn, ihr Busen hob sich hoch und heftig, Schmerz wütete in ihrem inneren. Jetzt drängt sich das letzte Röcheln aus Herrmanns Brust, seine Seele entfliehet, seine Augen sind auf ewig geschlossen! Elisa sinkt auf den toten Leichnam, sie heftet ihre Lippen auf die entseelten Lippen ihres Kindes, hier bleibt sie eine halbe Stunde liegen; man will sie wegbringen. O, lasst mich, ruft sie aus, meinen Schmerz auf seinen Lippen aushauchen! Dieses war der einzige heftige Ausbruch ihres Schmerzes. Nach einer halben Stunde stand sie auf, und ging in ihr Zimmer. Nun flossen ihre Tränen; allein sie war ruhig. Oft richtete sie ihre Blicke gegen Himmel, und einigemahl rief sie aus: grosser Urheber alles Seins, Du wolltest es so!
Wallenheim hatte einige Stunden geschlafen; allein schon lange hatten ihn bange Besorgnisse geweckt. Indess herrschte eine Stille im ganzen haus, und diese liess ihn nichts Böses ahnden. Endlich klingelt er; da trat Elisa herein, warf sich in seine arme, und rief aus: O, mein Wallenheim! er ist nicht mehr! – Ach, wir verbanden uns, Freude und Leid zu tragen!
W a l l e n h . Herrmann? Elisa! Herrmann? –
Elisa weinte. Auf ewig, auf ewig Dich verlohren? rief Wallenheim.
E l i s a . (drückt Wallenheim an ihren Busen.) Mein Wallenheim, mein Gatte, lass uns stark sein!
Lange weinten nun Beide; endlich sagte Elisa! Trocknen Sie Ihre Tränen, Geliebtester, kommen Sie, beim entseelten Körper meines Sohns wollen wir Standhaftigkeit schwören!
W a l l e n h . Elisa, Du bist ein Weib, Du bist Mutter, und Du kannst? –
E l i s a . Ach, Wallenheim! mein Herz ist zerrissen; aber ich habe gelernt Leiden zu tragen!
Sie gingen nun zu dem Leichnam ihres Sohnes. Beide knieeten vor demselben: O, mein Sohn! mein Sohn! rief Elisa, entrissen meinem Herzen! Ach, es blutet! Tief im inneren nagte der Schmerz! Aber einst kniete ich so, wie jetzt, vor der Leiche meines Vaters, und da schwur ich der Tugend! – Es ist ja auch Tugend, standhaft zu sein! Ich will es sein, – (Sie steht auf und ergreift Wallenheims Hand.) Wallenheim, lass uns weinen um unsern Sohn; lange werden meine Tränen noch fliessen; aber dass der Schmerz uns nicht unsere Pflichten versäumen lasse.
Nun riss sie ihn mit sich fort, ging zu Henrietten, tröstete sie. Bald kam Felsing mit seiner gattin. Mit inniger Teilnehmung umarmte Henriette ihre Freundinn. Komm auf einige Tage mit deinem Gatten und Henrietten nach Felsingburg, sprach sie zu ihr, Waldin und Felsing werden alles besorgen!
Die Scenen des Kummers, die Zurüstungen trauriger Obliegenheiten zu vermeiden, ist Pflicht, wenn man sich ihrer entziehen darf. Dieses wusste Elisa, und sie folgte ihrer Freundinn. Die Beerdigung ihres geliebten Sohnes wurde nun Felsings und Waldins Geschäft, und