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aber in jedem Auftritte ihres Lebens folgt, wie viel grösser erscheint sie dann! Der erste Augenblick, in welchem Wallenheim sie in seine arme empfing, war für sie abscheulich, und doch von diesem Augenblicke an, versagte sie sich jeden Gedanken an Sie. Der rauheste, der mürrischste Mann, den ich je sah, war Wallenheim, ihre Sanftmut schuf ihn um, sie zwang ihm, sie zu lieben; es war kein Opfer, welches sie ihm nicht brachte, keine unwürdige Behandlung von ihm, welche sie nicht geduldig ertrug. Sein Herz öffnete sich endlich dem Gefühl, und sie machte ihn glücklich. Er hat ihr Vermögen verschwendet, ein nur kärgliches Einkommen bleibt ihnen übrig, und Elisa versagt sich jede Bequemlichkeit, um ihren Gatten nicht die Verringerung ihres Vermögens empfinden zu lassen, welche er verursachte. Sie verbirgt dieses vor ihm, damit er sich keine Vorwürfe mache. Sie arbeitet oft in der Nacht; denn bei Tage widmet sie ihre Stunden dem Unterrichte ihrer Tochter, und die Abende der Unterhaltung ihres Gatten; sie macht sich's zum Geschäft, ihm die Zeit angenehm zu vertreiben. Noch ist sie eben so reich in ihren Wohltaten, und in ganz Wallental empfindet nur sie den Verlust ihres Vermögens. Dieses Alles, Birkenstein, wussten Sie noch nicht, und, sollte man glauben, dass diese Tugenden noch einer Erhöhung fähig sind? Und doch erhöhet sie Elisa noch durch ihr Betragen. Ihre Seele ist so erhaben, und doch, welche Leichtigkeit, welche gefälligkeit in ihrem Wesen! Alle ihre Handlungen führen in sich das innere Gepräge der Tugend; allein es erscheint in ihnen so viel Einfachheit, dass man es kaum fühlt, dass Elisa so erhaben ist über Alles, was sie umgiebt. Man fühlt sich zur Bewunderung hingerissen, nein, zur Liebe! den Elisa sucht sich einem Jeden gleich zu stellen, und will nicht über Andere erhaben scheinen. Und diese Bescheidenheit ist bei ihr nicht erkünstelt, nein, sie ist überzeugt, sie erfüllt nur ihre Pflichten, und ist weit entfernt, sich den Wert beizulegen, den der Beobachter ihrer Handlungen ihr zugestehen muss. Und dann eine beständige Aufmerksamkeit, Andern Vergnügen zu machen, welche sich auf das geringste Individuum erstreckt, wirft auf ihr ganzes Wesen eine Liebenswürdigkeit, welcher man nicht zu widerstehen vermag, und man empfindet, dass Elisa auch das angenehmste der Weiber ist; und fast möchte ich sagen, auch die Glücklichste! Ruhe und Heiterkeit liegen auf ihren Zügen verbreitet, und sie sind das Bild ihrer Seele. Zwar ging sie durch so manchen unangenehmen Auftritt des Lebens; allein diese blieben unverändert in ihr. Ich sah oft ihr Auge trübe; allein nie hörte ich sie klagen über das Geschick. Immer fand ich Elisa'n noch heiter, wenn auch Schmerz ihre Seele niederbeugte; denn sie ist überzeugt, dass jede Begebenheit eine notwendige Folge vorhergegangener Ursachen ist, und so bleibt sie ruhig, auch bei den Widerwärtigkeiten des Lebens. Sie hört auch dann nicht auf, tätig im Guten zu sein, und sie findet Trost in dem Bewusstsein, dass sie ihre Pflichten erfüllt. So bleibt sie sich stets gleich, stets wirksam, die Uebel, die sie treffen, für Andere unschädlich zu machen, und so ist sie fähiger, jedes Ungemach zu ertragen.

B i r k . Wie vortrefflich schildern Sie Ihre Freundinn, Henriette! Und wie nahe müssen Sie selbst dem Bilde kommen, dem Sie so aufrichtig ihre Verehrung zollen!

H e n r . Die innigste Freundschaft vereinigte uns ja stets; schon in unsern Frühlings-Tagen machte mich der Gedanke stolz, dass die, welche ich so sehr liebte, sich vielleicht einst dem Gipfel weiblicher Vollkommenheit nähern würde.

B i r k . O, Henriette, welche Tage rufen Sie zurück! Doch, meine Elisa wäre nicht das Muster weiblicher Tugend geworden, wäre sie nicht die gattin des Mannes geworden, vor dem sie Widerwillen empfand.

H e n r . (Nach einer Pause.) Also ersetzte noch kein Weib Elisa's Stelle in Ihrem Herzen?

B i r k . Keins, und wird es nie; denn Elisa ist einzig. Zwar sah ich manches liebenswürdige Weib; allein Elisa's Bild, ob ich gleich nicht mehr liebte, entfernte doch jede andere Liebe von meinem Herzen. Sie war die Erste, die dieses Gefühl mich kennen lehrte, und das in seiner ganzen Reinheit. Elisa vereinigte Alles: Verstand, Reitze, Tugend, Liebenswürdigkeit, und nur die höchste Liebe konnte man für sie empfinden. Nie wird eine zweite Liebe in meinem Herzen Platz finden, und der Gedanke erregt mir Widerwillen, mein Schicksal mit einem weib zu vereinigen, welches ich nicht so lieben könnte, als ich noch jetzt Elisa'n liebe. Mich dünkt, ich würde das einzige Band zerreissen, welches uns jetzt noch verbindet. Elisa, obgleich schon längst meine leidenschaft zu ihr aufgehört hat, ist doch noch immer der Gegenstand meiner liebsten Gedanken und Empfindungen, und dann dürfte sie es nicht mehr sein; und ich kann mir nicht das Vergnügen rauben, an sie zu denken; ich kann nicht undankbar gegen ein Weib werden das mich vielleicht allein lieben würde, und dem ich diese Liebe nicht erwiedern könnte!

H e n r . Aber, Birkenstein, fürchten Sie nicht, einst eine Leere in Ihren Herzen zu finden, wenn kein Gegenstand es fesselt, keiner Ihre liebende Seele erfüllt?

B i r