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in jenen Jahren der leidenschaft nachgegeben hätten, würden wir wohl jetzt so vertraut, so zufrieden, Hand in Hand zusammen sitzen?

B i r k . Ja, meine süsse Elisa, der Tugend Wert lehrt uns erst eigene Erfahrung! Wohl der Jugend, wenn sie sich entschliesst, sich selbst davon zu überzeugen! Man mache es sich nur zum gesetz, sich nie von dem, was Recht ist, zu entfernen, und die schwersten Opfer werden uns dann belohnt, so wenig wir auch in jenen Augenblicken Schadloshaltung für möglich halten. Als das Schicksal mich von Ihnen riss, als ich Birkenstein verliess, da betrachtete ich die ganze Welt nur als eine Wüste, in welcher jede Freude für mich erstorben war. Ich war überzeugt, ich würde mein ganzes Leben hindurch elend sein, ich würde ihn immer fühlen, den nagenden Schmerz, der mir fast alle Denkkraft raubte. Indess gewohnt, den Gesetzen des Guten zu folgen, war ich stark genug, mir ihren Anblick zu versagen, welcher mir doch das einzige für mich übrig gebliebene Glück zu sein schien. Ich sagte mir es nicht; allein das Bewusstsein blieb mir, dass ich doch noch nützlich sein könnte, und so suchte ich Dienste ausser meinem vaterland. Jeder Ort war mir gleich, ich fühlte nur meinen Schmerz, ich kam zuerst nach D ...., und blieb dort. Fleiss, und einige gute Anschläge, welche ich gab, machten, dass man mich bald auszeichnete, und in eine höhere Sphäre setzte. Anstrengung in meinen Geschäften hatte das Wütende meines Schmerzes und meiner leidenschaft gedämpft; ich war wieder des Denkens fähig; ich sah, dass ich für Menschenwohl arbeiten könnte, und dieses war der erste Trost, welchen meine leidende Seele erhielt. Ich ergab mich nun mit Eifer diesem Geschäfte, ich fühlte Linderung, ich empfand oft Freude, aber eben so oft vergoss ich auch noch Tränen des bittersten Schmerzes. Wenn die Unschuld, deren Rechte ich verteidiget, und welche ich ihren Unterdrückern entrissen hatte, mir Dank stammelte, und vor mir Freudentränen vergoss, o, dann sagte ich mir, ich wäre glücklich, wenn ich mit Elisa'n meine Empfindungen teilen könnte; der Beifall einer Welt ist mir nichts, wenn ich nicht den ihrigen in ihren Blicken lesen kann! So achtete ich auch den meinigen nicht, empfand noch nicht jene edle Selbstzufriedenheit, die Triebfeder grosser Taten. Ich fühlte endlich, dass, um mich des Guten freuen zu können, was ich tat, um nicht bloss maschinenmässig meine Pflichten zu erfüllen, ich nicht allein gut handeln, sondern auch weise werden, auch meine leidenschaft bekämpfen müsste; jetzt entzog ich mich jedes Gedankens an Sie, suchte Zerstreuungen, spürte der inneren Verwaltung des staates nach, entdeckte ihre Mängel, machte Plane zu deren Verbesserung, überreichte sie dem Fürsten, unterhielt mich mit ihm über die Mittel, seinen Untertanen aufzuhelfen, und seinen Staat blühender zu machen. Je ernstlicher ich meine leidenschaft bekämpfte, je mehr ich mich jeder Erinnerung meiner Liebe entzog, desto mehr fühlte ich innere Stärke, desto mehr erwachte Tätigkeit in meiner Seele. Bisher hatte ich nur einzelne gute Handlungen verrichtet; jetzt bekamen meine Handlungen und Geschäfte, Zweck und Verbindung. Ich wurde erster Geheimerrat in D ..., allentalben richtete ich meine Blicke, und half, wo ich helfen konnte. Nun genoss ich meines eignen Beifalls, ich genoss des Glücks und des Wohlstandes vieler Einwohner. Nun erst erfuhr ich, dass Tugend belohnt; die höchste Zufriedenheit war nun mein; die edelsten Freuden durchdrangen oft mein Herz. Ihr Bild, meine Elisa, erschien mir jetzt in einem sanften Schimmer, es zerstörte nicht mehr meine Glückseligkeit; nein, es erhöhete sie. Zwar dachte ich oft, an Elisa's Seite wäre ich doppelt glücklich gewesen. – Allein wäre sie mein geworden, ohne ihrer Mutter Einwilligung; so hätten wir Beide wider unsere Pflicht gehandelt, und wir wären Beide unglücklich geworden! Allein mit dieser? – Doch dieses war unmöglich! Alle begebenheiten sind unabänderlich in die Kette der Dinge gereihet, und Tugend ist es eben, wenn man, selbst bei den widrigsten derselben, nicht aufhört, seine Pflichten zu erfüllen.

E l i s a . (drückt Herrmanns Hand, eine Träne glänzt in ihrem Auge.) O, wir hielten das Gelübde, welches wir einst im Feuer unserer Liebe taten, stets auf der Tugend Pfad zu wandeln! und wir wurden glücklich! Vereiniget, Herrmann, wäre dieses vielleicht nicht gewesen.

Herrmanns Kopf sank auf Elisa's Hand, sie blieben einige Augenblicke in dieser Stellung. Endlich sagte Elisa: Auch ich, Herrmann, suchte in einer kleinen Sphäre für Menschenwohl zu arbeiten: Kommen Sie! ich will Sie zu meinen angenommenen Kindern, und zu meinen Greisen führen, vielleicht können Sie noch einige Verbesserungen in meinen Einrichtungen treffen.

Herrmann folgte Elisa'n: sie ging mit ihm in das Erziehungshaus, und in das Pflegehaus der Greise. Er bewunderte, wie mit so vieler Einfachheit sie für das Glück so vieler Menschen arbeitete. Diese Kinder bekamen durch Sie einen Platz in der bürgerlichen Gesellschaft, und am rand des Grabes fand hier der Unglückliche noch Unterstützung; und dieses waren keine vorübergehenden Wohltaten, nein, ein ganzes Menschenleben hindurch wurden hier Menschen beglückt. Und dieses geschahe so ganz ohne alles Gepränge. O, Tugend, fuhr Herrmann fort, als er aus dem Pflegehause der Greise ging,