eine Stunde entweder in der englischen, oder in der italiänischen Sprache; da Waldin beide Sprachen nicht konnte, so wohnte auch Herrmann dieser Stunde bei. Um zwölf Uhr musste Henriette ihrer Mutter aus der geschichte vorlesen, und Elisa unterhielt sich mit ihr über das Gelesene, machte Anmerkungen darüber, hörte die ihrer Tochter, und bemühete sich, dass Henriette auf diese Art deutliche und wahre Begriffe erhielt. Dieses dauerte bis halb zwei; während dieser ganzen Zeit war Elisa mit ihrer Handarbeit beschäftiget. Um halb zwei musste Henriette entweder zu ihrem Bruder gehen, und den Unterricht, welchen er in der Geographie erhielt, mit ihm teilen, oder sie musste sich auf dem Klavier oder auf der Harfe üben. Elisa fuhr dann mit ihrer Beschäftigung fort, indem sie sich mit ihrem Gatten unterhielt, der um diese Zeit gewöhnlich in ihr Zimmer kam. Um zwei Uhr setzten sie sich zur Mittagsmahlzeit, welche eine Stunde dauerte. Nach Tische pflegte Elisa noch mit ihrem Gatten zu plaudern, mit ihm umher zu gehen, oder einige Anordnungen in der Wirtschaft zu machen. Henriette ging dann mit ihrem Bruder spatzieren, oder spielte mit ihm, oder arbeitete mit ihm im Garten, immer unter der Aufsicht ihrer Erzieherinn und Herrn Waldins, welcher auf diesen Spatziergängen seinen Zöglingen, in der Form eines Gesprächs, Unterricht in der Naturgeschichte erteilte. Um vier Uhr ging sie wieder zu ihrer Mutter, welche ihr eine Stunde auf dem Klavier oder auf der Harfe gab, und sie singen liess. Um fünf Uhr musste sie ihr wieder vorlesen, und die Bücher, welche Elisa dazu wählte, dienten ihr zum Unterricht und zur Unterhaltung: wie am Morgen machte sie dann wieder Anmerkungen, und unterhielt sich mit ihrer Tochter über das Gelesene. Wenn das Wetter nicht erlaubte spatzieren zu gehen, so musste Henriette sich auch eine Stunde mit Handarbeiten beschäftigen; sie konnte diejenigen wählen, zu welchen sie an diesem Tage die meiste Lust hatte, und gewöhnlich wünschte sie eben die Arbeit zu machen, mit welcher sie ihre Mutter beschäftiget sah. Um sieben Uhr kam auch Herrmann zu seiner Mutter, und er und Henriette konnten sich nun die Zeit vertreiben, wie sie wollten. War es schön Wetter, so ging Elisa mit ihrem Gatten, ihren Kindern, Herrn Waldin und Henriettens Erzieherinn spatzieren; sie bestrebte sich dann Wallenheim die Zeit zu vertreiben. Oft stellte sie kleine Lustpartieen an, ländliche Feste im wald, Wasserfahrten, oder gab am Sonntage den Bauern ein fest, manchmahl nur den Kindern; besuchte zuweilen mit ihrem Gatten und Kindern die Greise und das Erziehungshaus. Durch ihre Bemühungen herrschte Fröhlichkeit an solchen Festen; sie waren einfach, allein Heiterkeit, Scherz und Freiheit gaben ihnen Anmut, und Wallenheim empfand in ihrem Genuss wirkliches Vergnügen. Wenn Elisa die Abende in ihrem Zimmer zubrachte, so suchte sie Wallenheim durch ihre Unterhaltung und durch Musik, welche er liebte, die Zeit zu verkürzen. Mit jedem Tage wurde sie ihrem Gatten teurer, er fand sich glücklich in ihrem Besitze. Er war nicht mehr der mürrische, unzufriedene, in sich verschlossene Mann; nein, seine Seele war jeder Empfindung offen, und jedes Genusses fähiger, den Freundschaft, Liebe und die natur den Sterblichen bereiten. Wie natürlich also, dass seine finstre Laune wich, jemehr er mit den wahren Freuden des Lebens bekannt wurde, und sie empfand. Elisa weinte Freudentränen, wenn sie ihren Gatten glücklich sah; sie selbst war nie so glücklich gewesen. Wallenheims Liebe, sein Dank, die Uebereinstimmung, in der sie mit ihm lebte, lohnte ihr jetzt für ihre Tugenden. Nun genoss sie das Glück einer zufriedenen Ehe, und dieses war um so grösser für sie, da sie nur allein dessen Schöpferinn war, und sie es durch so viele Aufopferungen, durch so manche trübe durchlebte Stunde errungen hatte. Für ihre liebende Seele war es höchste Seligkeit, dass eben ihr Glück auch das ihres Gatten machte. Sie teilte ihrer Henriette oft ihre frohe Empfindungen mit, und sagte ihr dann: Nein, Henriette; Tugend ist kein Verdienst; denn ihr Lohn ist überschwenglich gross! O, ein Tag, wie jetzt alle meine Tage sind, wiegt ein Leben voll Mühseligkeiten auf! Doch, was sage ich? Sind mit der Tugend auch Mühseligkeiten verbunden? Nein, sie macht selbst die schwerste Pflicht leicht, und lohnt uns dann noch mit den seligsten Empfindungen, und mit der reinsten Zufriedenheit! – Wallenheim war nun mit seiner Familie fünf Monate in Wallental, als an einem Abende Elisa allein vor der tür auf dem hof sass. Sie hörte das Traben eines Rosses, schlug die Augen auf, und erblickte einen Mann, den ihr Herz augenblicklich erkannte; sie flog ihm entgegen, und umarmte ihn mit der ganzen Unbefangenheit ihres Herzens. Schweigend schloss sie Birkenstein in seine arme, er fühlte sein Herz klopfen, und er empfand, dass dreizehn Jahre Abwesenheit das Andenken seiner Liebe noch nicht erloschen hatte.
E l i s a . (Nach einer Pause.) Willkommen, Birkenstein, willkommen mir! O, wie sehr freue ich mich, Sie zu sehen!
B i r k . (Küsst Elisan die Hand.) Indem ich in mein Vaterland zurückkehre, konnte ich nicht unterlassen, derjenigen zuerst meine Aufwartung zu machen, deren Andenken ich stets verehrt habe.
E l i s a . Sie kehren also zurück zu Ihrer Mutter? Ich habe lange nichts von ihr gehört.
B i r k . (Indem eine