1795_Wobeser_112_70.txt

ihr jetzt, mich aufzuheitern; ich fliehe dann zu Rosalien, in ihren Armen liegt Vergessenheit meiner Sorgen. Ich habe jetzt noch mehrere, diese wird Elisa mit mir teilenLebe wohl, Felsing! Fast möchte ich erröten, wie ein Knabe, dass ich Dich nur von Weibern unterhalten habe. Als ich ein Jüngling war, erwähnte ich ihrer nicht, und jetztDoch ich möchte den Mann sehen, der Elisa'n nicht bewundern, und Rosalien nicht lieben würde!

P. S. Zeige diesen Brief nicht Deiner gattin."

Ihrem Vorsatze treu, änderte Elisa nicht ihr Betragen gegen ihren Gatten. Gleich blieb ihre Liebe, ihre gefälligkeit, ihre Geduld. Selbst ihre Traurigkeit verbarg sie vor ihm. Oft prüfte sie sich, ob auch ihr Betragen noch untadelhaft wäre, und ermunterte sich zur Ausübung ihrer Pflichten gegen ihren Gatten. Noch bereitwilliger verzieh sie ihm jetzt Aeusserungen des Zorns oder des Missmuts; denn sie schrieb sie seiner leidenschaft zu Rosalien zu. So verflossen noch sechs Monate, als an einem Morgen, da Wallenheim abwesend war, ein Mädchen einen Brief an ihn brachte, und ihn Elisa'n, welche ihr begegnete, mit den Worten gab: Der Herr möchte ihn doch ja gleich erbrechen; denn er wäre von der äussersten Wichtigkeit. Schnell lief das Mädchen wieder weg, ohne dass Elisa sie fragen konnte, von wem der Brief wäre. Elisa, welche sich nie erlaubte, offene Briefe, welche ihr Gatte in ihrem Zimmer vergass, zu lesen, stand unschlüssig da, ob sie diesen Brief eröffnen sollte. Wallenheim war nach Wallental gereist; er hatte ihr nicht gesagt, wenn er zurückkommen würde, und vielleicht betraf dieser Brief eine Sache, welche keinen Aufschub litt. Wenn er vielleicht gar von einem Gläubiger wäre, sprach Elisa zu sich selbst, und ich könnte Wallenheim eine Unannehmlichkeit ersparen? Diese Betrachtung bewog sie, das Siegel zu erbrechen; sie las folgenden Inhalt: "Eilen Sie zu meiner Rettung, Wallenheim! Zwar muss ich mich schuldig erkennen; Ich habe meinem unglücklichen Hange zur Verschwendung nicht genug widerstanden! Aber MannWarum warest Du auch so königlich in Deinen Geschenken, als Du in Deiner Liebe zärtlich bist? O, Du verwöhntest mich! – Meine Bücher- und Gemähldesammlung, welche ich vor einigen Monaten kaufte, ist noch nicht bezahlt, ich borgte das Geld dazu; ich wollte die Summe von Ihnen nicht fordern, da Sie mich mit Geschenken überhäufen, und ich glaubte, sie nach und nach abtragen zu können. Im Taumel der Freuden, die Deine Liebe mir schafft, vergass ich, dass ich Schuldnerinn war. Ich konnte und wollte den hundert Kleinigkeiten nicht entsagen, wodurch ich Dir gefalle, und welche nur ihren Wert durch Deinen Beifall erhalten; ich konnte meine Vergnügungen nicht einschränken; denn sie sind die Deinigen, undWallenheim, die Bedingung war, dass ich nach drei Monaten den vierten teil meiner Schuld bezahlen sollte. Viere sind verflossen, ich habe noch nichts bezahlt. Mein Gläubiger fordert nun die ganze Summe, es sind 3000 Taler; er drohet mir mit Gesängnissstrafe, wenn ich sie nicht in dreien Tagen schaffe. Der vorige Besitzer meiner Bücher- und Gemähldesammlung ist nicht mehr hier; er würde sie vielleicht wieder annehmen, und einen andern Käufer finde ich nicht so bald. Könnte ich auch die Gemählde verkaufen, Wallenheim, vor welchen Du und ich so oft Arm in Arm geschlungen standen, und .... O welche Erinnerungen erwachen da in meiner Seele! In diesem Augenblicke sitze ich vor dem Gemählde des .... wie er mit zauberischen Zügen die Göttinn der Liebe schildert, als sie den Trojanischen Königssohn bewog, ihr der Schönheit Preiss zu geben. Ach Du verglichest einst meine Gestalt mit der Ihrigen, da sank ich, von süssen Gefühlen überwältigt, in Deine arme; mir schwand jedes Bewusstsein, ich fühlte nur noch Deine zitternden Lippen auf meinem Busen, ich warf noch einen blick auf die Göttinn, ich fühlte Dein Herz an dem meinigen schlagen, und ..... Doch wohin leitet mich meine Phantasie? Sie sollte mir einen Kerker zeigen, wenn Wallenheim mich verlässt! Schon habe ich Dich gestern den ganzen Tag nicht gesehen; dieses erfüllte mich schon mit Bangigkeit. Sollte mein Glück nur so kurze Zeit gedauert haben? – Schon wieder einen Brief von meinem Peiniger: in einigen Stunden will er mir einen Polizeidiener schicken – O, Wallenheim! komm zu mir! Der Anblick wird Deine Rosalie wieder beruhigen!" – Bestürzt stand Elisa nach Lesung des Briefes. Tränen rollten von ihren Wangen. Wie zärtlich wird sie geliebt! sprach sie. Sie machte den Brief wieder zu, und legte ihn in Wallenheims Zimmer. Er soll ihn erhalten, sprach sie, nachdem Rosalie schon wird gerettet sein. Elisa fürchtete, dass Wallenheim nicht mehr die Summe besitzen möchte, welche Rosalie verlangte; sie wusste aber auch, dass er sie ihr dennoch schaffen würde, und sie besorgte, dass er in Schulden geraten möchte. Sie beschloss also, ihre Juwelen zu verkaufen, deren Wert sich auf drei tausend Taler belief; denn von ihrem Vermögen konnte sie an baarem Gelde diese Summe nicht sobald erhalten; auch wollte sie sie nicht aufnehmen. Ich darf die Juwelen zu meinem Gebrauche bestimmen; sie sind ein Zierrat, den ich entbehren kann; durch sie entreisse ich Wallenheim einer Verlegenheit, und verhindere, dass er noch eine grössere Summe verliert