Ich fürchte, Rosalie kostet Wallenheim viel, und ich mutmasse, dass er seit kurzem grosse Summen im Spiele verlohren hat. Ich weiss, dass seine Angelegenheiten in grosser Unordnung sind; ich habe auch schon mit ihm deshalb gesprochen; allein er antwortet mir: Ich sollte mich nicht darum bekümmern, er wüsste schon, wie es mit seinen Sachen stände, und er wüsste auch, welche Maassregeln er ergreifen müsste. Ich habe geschwiegen, ich sage nun nichts mehr; allein ich will mich noch mehr einschränken, ich will meine Ausgaben berechnen, es werden noch viele sein, welche nicht notwendig sind; diese will ich ausstreichen. Wallenheim und meine Kinder sollen in ihren Vergnügungen nicht eingeschränkt, die Unglücklichen nicht meiner hülfe beraubt werden; dieses verbietet mir Menschenpflicht, und mein Herz würde sich dagegen sträuben; allein mir will ich Alles entziehen, was nicht unbedingte notwendigkeit fordert. O, Henriette, ich fühle, dass ich eine höhere Wollust empfinden werde, wenn ich dem Notleidenden die Summe geben werde, welche für meine Gemächlichkeit, für mein Vergnügen bestimmt war – Nein, ich darf nicht sagen, dass ich ein Opfer tue, ein höheres Glück bereite ich mir! –
Nun ist es schon ein Jahr, meine Henriette, dass ich Dich nicht gesehen habe! Sehnlich wünschte ich einmal wieder nach Wallental reisen zu können; allein ich darf es jetzt wohl nicht hoffen. Es sind vier Wochen, dass ich Wallenheim mein Verlangen äusserte; allein er antwortete mir, dass seine Geschäfte ihm nicht erlauben würden, diesen Sommer einige Wochen von B ... abwesend zu sein. Er will sich nicht von Rosalien trennen, und ich will nicht ohne ihn hinreisen; heftiger würde sonst seine Liebe zu ihr, da nichts ihr das Gegengewicht halten würde; allein ich will alle meine Bemühungen anwenden, ihn zu bewegen, mit mir nach Wallental zu reisen. Sein Aufentalt dort würde ihn vielleicht eher zu mir zurückbringen. Abwesenheit würde ihr Bild schwächen, ländliche Stille seine von leidenschaft berauschte Seele wieder in Ruhe einwiegen, und die natürlichen Empfindungen der Gatten-und Vaterliebe, im Schoosse der natur, vielleicht stärker wieder erregt werden. O, ich kann noch nicht die Hoffnung aufgeben, einmal wieder seine Liebe zu gewinnen! – Noch sind ihm seine Kinder nicht gleichgültig, Herrmann wird ihm täglich teurer. O, Henriette, wenn Du den Knaben siehest, wirst Du Dich mit mir über ihn freuen! Der Keim jeder Tugend scheint in des Knabens Seele zu sein. Täglich ruft er mir Birkensteins Bild zurück; wie die seinige, ist seine Stirne offen; edel, wie der seinige, ist sein blick, und schon sehe ich männliches Feuer in seinen Augen funkeln. – Doch auch meine Henriette wird ein liebenswürdiges geschöpf; sie ist so sanft, so gehorsam, so fleissig, so aufmerksam, meinen Willen zu erfüllen; ihre kleine Seele findet schon ein Wohlgefallen darin, Andern Freuden zu schaffen; sie fühlt schon Anderer Leiden, und ist die Trösterinn unserer Leute. Wenn Herrmanns Wildheit ihn zu Fehlern verleitet, so entschuldiget sie sie, und verbirgt sie vor uns. O, Henriette! ich darf hoffen, dass ihre Seele einst mit der meinigen übereinstimmen wird! Wenn ich nicht eine glückliche gattin bin, so werde ich doch vielleicht eine glückliche Mutter werden! Und welches Recht habe ich denn, alle die Glückseeligkeiten zu besitzen, welche einzeln unter uns Erdenkindern verteilt sind? – Nein, ich will jedes Leiden willig ertragen, und dankbar jedes Guten mich freuen, welches mir zu Teile wird! – O, mir ward ja so viel! Ich kenne ja, von meiner Kindheit an, die süsse Empfindung der Freundschaft! Noch heute habe Dank dafür, meine Henriette; denn noch heute empfand ich recht lebhaft, wie süss, wie beruhigend es ist, in dem Busen der Freundschaft alle Empfindungen der Freude und des Kummers ausschütten zu können!" – An eben dem Tage, als Henriette diesen Brief empfieng, erhielt Felsing folgenden von Wallenheim: "Ich soll Dir schreiben, Felsing? Du beschwerst Dich, dass Du nichts mehr von mir hörtest? Ich lasse Deine Briefe unbeantwortet, ich reise nach Wallental, und komme nicht zu Dir? Alles wahr! Doch, Felsing, ich kann mich jetzt nicht mit mir selbst beschäftigen, viel weniger mit Gegenständen ausser mir! Ich kann nicht denken, Alles ist leidenschaft in mir! Ich lebe nur in dem Anschauen, in den Umarmungen eines Weibes, und bin wütend, wenn ich an ihrem Busen mich gesättigt habe! Ich rase über meine leidenschaft, und bin nur glücklich in ihrer Befriedigung! Ich verehre mein Weib, und hasse sie wegen ihrer Vollkommenheit! In diesem Zustande, was soll ich Dir sagen, Felsing? Unwiderstehlich hingezogen zu Rosalien, zu dem schönsten weib, das ich je sah, mache ich mir unaufhörlich Vorwürfe, dass ich die Vortrefflichste aller Weiber hintergehe! Ihr, die ihr Leben anwendet, mich vergnügt und glücklich zu machen, lohne ich mit Untreue und Undank, und doch kann, doch mag ich Rosalien nicht entsagen! Seit ich sie kenne, weiss ich, was Liebe ist! Ein unglückliches Verhängniss wollte, dass ich mein Weib nie lieben konnte, ob sie gleich so schön, so liebevoll ist. Ich bewundere sie; ich kann sagen, ich verehre sie wie eine Gotteit; denn wer kann sie täglich sehen, täglich ihre Handlungen beobachten, und nicht glauben, die Tugend sei