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Elisa empfängt ihn an der Treppe, und umarmt ihn freudig. O, Wallenheim, wie froh bin ich, dass ich Sie sehe! Ich dachte, ein Unfall wäre Ihnen begegnet, ich konnte mir Ihr langes Aussenbleiben nicht erklären!

W a l l e n h . (Kalt, erwiedert ihre Umarmung nicht.) Es wäre natürlicher gewesen, wenn Sie geglaubt hätten, Einer meiner Bekannten wäre mir begegnet, und ich hätte mit ihm diese Zeit zugebracht, wie denn dieses wirklich der Fall ist.

E l i s a . (Lächelnd.) O, wer kann immer der geschäftigen Einbildungskraft Einhalt tun, wenn Besorgnisse über einen teuren Gegenstand in uns erregt sind!

W a l l e n h . (Im vorigen Tone) Es tut mir leid, dass Sie meinetwegen, und ohne Not diese Besorgnisse gehabt haben. Ersparen Sie sich dieselben in der Zukunft! Ich liebe es ohne diess nicht, ausgespähet zu werden, und von jedem meiner Schritte Rechenschaft geben zu müssen.

Er wandte sich hierauf weg, und ging in sein Zimmer; auch Elisa ging in das Ihrige, und gab ihren Tränen ungehindert Lauf. Am andern Morgen erwachte sie früh; sie hatte leise das Fenster geöffnet, und stand an demselben, die Morgenluft einzuatmen. An der einen Seite ihres Schlafgemachs war das Zimmer ihrer Kammerjungfer; auch dort waren die Fenster offen. Elisa hört Ludwig hineintreten. Friederike ruft ihm entgegen. Geh er sachte, Ludwig, die gnädige Frau schläft noch, sie ist gestern Abend spät zu Bette gegangen.

L u d w . Unsere gute, gnädige Frau! Sie jammerte mich gestern recht! Wie bekümmert sie war! O, hätte ich ihr nur die Augen öffnen dürfen! Doch aus Liebe zu ihr möchte ich es ihr nicht sagen.

F r i e d e r . Was meint er, Ludwig?

L u d w . Sie wissen also nicht, Mamsell Friederike, was in der ganzen Nachbarschaft schon längst von unserm Herrn bekannt ist?

F r i e d e r . Ich habe wohl was sprechen hören, doch nichts Bestimmtes. Ich bekümmere mich um dergleichen Geschwätze nicht; der gnädigen Frau darf ich von keinem Menschen, am wenigsten von unserm Herrn etwas erzählen. Sie hat mir gleich gesagt, sie hasse das Klatschen, sie wolle mir alle meine Fehler verzeihen; allein merke sie diesen an mir, so entliesse sie mich ihrer Dienste.

L u d w . Die rechtschaffene Frau! Und eine solche Buhldirne muss ihr bei unserm Herrn den Rang ablaufen! Ich ärgere mich jedesmahl, wenn ich mit ihm zu ihr gehen, oder ihr die prächtigsten Sachen hintragen muss. Auch glaubte ich es gestern gleich, dass er bei ihr sein würde, und die Versicherung davon erhielt ich jetzt von ihrem Bedienten, der so eben einen Brief von ihr brachte.

F r i e d e r . So vornehm ist sie also?

L u d w . Durch unsern Herrn geworden. Allein ein gemeines Mädchen war sie nicht. Sie heisst Mamsell Werner; sie ist eines Mahlers Tochter, und ist viel mit ihrem Vater gereist, der vor zwei Jahren gestorben ist, worauf sie diese Lebensart angefangen hat. Allein jetzt, glaube ich, gehört sie nur unserm Herrn allein, der sie stets seine schöne Rosalie nennt, und bis zum Sterben in sie verliebt ist. Den geringsten ihrer Wünsche erfüllt er, ihr Wille leitet seine Handlungen; in ihrem haus ist es so prächtig, als in dem Unsrigen, und sie kleidet sich kostbarer, als unsere gnädige Frau. Ich weiss auch, dass er schon ein Paarmahl Geld geborgt hat, um es ihr zu schicken. Und Sie sollten sehen, welche Aufmerksamkeit er ihr bezeigt, welche Zärtlichkeit er gegen sie hat! – Als er neulich in Wallental gewesen war, stieg er auch bei ihr ab; ich folgte ihm, sie kam ihm entgegen, er schlug seinen Arm um sie, drückte sie lange an seine Brust, und sagte endlich: O, meine Rosalie, ich habe nicht gelebt die Tage, da ich Dich nicht gesehen habe! Schmeichler, antwortete sie, verlangst Du nun etwa doppelte Entschädigung? Ja, ja, sagte er, lass sie mich nur hier suchen! Bei diesen Worten griff er ihr in den Busen, und als führet der Bräutigam zum Erstenmahle die Braut ins hochzeitliche Bette, so ging er mit ihr hinein. Doch schön ist sie, das ist wahr! Sie hat ein Paar schwarze Augen, so voll Feuer, und doch so voll Sanftmut, einen so niedlichen Mund, so schönes Haar, welches auf einem so weissen Nacken, und auf einem so schönen Busen, der nur immer halb bedeckt ist, spielt. Allein unsere gnädige Frau ist doch auch schön, mir kommt sie immer wie ein Engel vor; es geht Einem durchs Herz, wenn sie einen ansieht und anlächelt. Und unser HerrWenn er nur noch der Buhldirne überdrüssig würde! Allein er ist noch eben so vernarrt in sie, als er es vor sechs Monaten war. –

Nicht ein Wort dieses Gesprächs blieb von Elisa'n ungehört; ihr selbst unbemerkt, rollten Tränen von ihren Wangen. Sie machte das Fenster wieder leise zu, um nicht gehört zu werden, und an demselben Tage schrieb sie folgenden Brief an Henrietten. "Meine Henriette!

Jahre verflossen mir in ruhiger Heiterkeit; glücklich in meinen Kindern, ahndete ich keinen andern Schmerz