vermehrten sich Elisa's Besorgnisse um ihn. Zwar besass er innere Güte; allein sein Charakter blieb schwankend. Er liebte das Gute, und liess zum Bösen sich hinreissen; seine Leidenschaften waren heftig, und sein Verstand träge, unfähig zum ernsten Denken, unfähig, jene unter die herrschaft der Vernunft zu bringen. Oft erneuerte Elisa die Versuche, Wallenheim zu bewegen, Carln wieder in ihr Haus zurückzunehmen; allein jedesmahl erhielt sie eine abschlägliche Antwort. Sie trauerte im Stillen darüber, ohne weiter ihrem Gatten Vorwürfe zu machen. Doch noch einen empfindlichern Schmerz bereitete ihr Wallenheim. Einst als er einen grossen Verlust im Spiele erlitten hatte, beredete ihn einer seiner Freunde, ihn zur Redoute zu begleiten, um sich zu zerstreuen. Gleichgültig, wohin er seine Schritte wendet, missmütig und mürrisch folget er seinem Freunde, und setzt auf der Redoute sich gedankenvoll in einen Winkel; eine weibliche stimme weckt ihn aus seinem Nachdenken: Gehen Sie, liebe Wilhelmine, hohlen Sie mich hier wieder ab, ich bin so müde, dass ich hier einige Augenblicke ruhen will! – Dieses waren die Worte, welche an seiner Seite erschallten; er wendet sich um, und erblickt neben sich eine weibliche Figur, welche in diesem Augenblicke die Maske abnimmt, und dadurch Wallenheim auf einige Augenblicke stutzen macht. Noch nie hatte Schönheit auf ihn Eindruck gemacht; allein Rosalie war eins von den Geschöpfen, auf welche die natur ihre liebsten Züge drückte: sanfter Zauber war ihr blick, Liebe lächelte um ihren Mund, Grazie war in jeder ihrer Bewegungen; ein schwarzer Mantel schlang sich in weiten Falten um ihren schlanken Leib, ohne die Schönheiten ihres Körpers zu verhüllen; durch ihn sah man den schönsten Busen sich bewegen, auf welchem sanft ihre braunen Locken spielten. Kaum sass sie, so wendete sie sich zu Wallenheim; ihre Unterhaltung war angenehm, sie schwatzte den Missmut aus seiner Seele; er vergass seinen Verlust, und er fühlte, dass er dieses Vergessen seiner schönen Nachbarinn zu verdanken hatte. Bald vergass er jeden andern Gegenstand, und in dem ganzen Zirkel erblickte er nur die schöne Rosalie; sie bot alle Künste der feinsten Coquetterie auf, ihn immer mehr an sich zu ziehen; schon berauscht er sich in ihren Blicken, schon zittert Wollust in seinen Adern, als er seinen Arm um ihren halbentblössten Körper schlingt. So führt ihn Rosalie weg in ihre wohnung; hier lässt sie ihn nicht geniessen, sie gibt ihm aber den Vorschmack von dem, was Genuss ihm gewähren würde; sie erregt sein Verlangen, reizt seine Begierden, und windet sich dann aus seinen Armen. Er muss sie verlassen, ohne dass einmal seine Hand auf ihrem klopfenden Busen geruhet habe, und doch zitternd vor Verlangen nach ihrem Besitze. Er kehrte am andern Tage zu ihr zurück, und mit starken Zügen lässt ihn Rosalie aus dem Becher der Freude und der Wollust trinken; doch lässt sie ihn denselben nicht ausleeren. Immer weiss sie den Freuden, welche in ihre arme ihn locken, einen neuen Reiz zu geben, bis dass sie um ihn die Kette der Liebe und Wollust geschlungen hat, aus welcher er sich nicht mehr winden kann. Rosalie beherrscht ihn nun ganz; grosse Summen empfängt sie von ihm, die sie wieder verschwendet; Pracht und Ueberfluss muss in ihrem haus herrschen, und jedem ihrer Wünsche bestrebt sich Wallenheim zuvorzukommen. Schon sechs Monate dauerte seine leidenschaft zu Rosalien, und Elisa ahndete nichts von der Untreue ihres Gatten, als er einst nach Wallental gereiset war, und bei seiner Zurückkunft seinen Bedienten vorausschickte, welcher Elisan sagte, dass er seinen Herrn am Tore verlassen habe, welcher ihm unverzüglich folgen würde. Elisa wollte die Ankunft ihres Gatten erwarten, und nicht eher zu Bette gehen; allein schon war Ludwig, (Wallenheims Bedienter) eine Stunde zurück, und Wallenheim kam noch nicht. Elisa liess Ludwig noch einmal kommen; im ängstlichen Tone sagte sie zu ihm: Ludwig, mein Mann kommt ja nicht? Wenn ihm nur kein Unfall begegnet ist?
L u d w i g . Ihr Gnaden, er war dicht am Tore, es kann ihm unmöglich mehr etwas zugestossen sein.
E l i s a . O, es muss doch sein! Warum würde er aussen bleiben? Er war ja diesen Abend nicht versagt? Und er selbst sagte mir, dass er ihm gesagt habe, er würde gleich ihm folgen! Gott! wenn er nur nicht gestürzt ist, es ist so dunkel! ...
L u d w i g . Ich bitte um Verzeihung, Ihr Gnaden, es ist heller Mondschein.
E l i s a . O, es wäre doch möglich! Ich kann unmöglich länger ruhig sein! Reite er wieder bis an den Ort hin, wo er ihn verlassen hat, Ludwig, ziehe er Erkundigungen von ihm ein, und bringe er mir bald Nachricht von ihm.
Ludwig erfüllte ihren Befehl; allein er kam zurück, ohne ihr eine befriedigende Antwort zu bringen, er hatte nichts von seinem Herrn gehört. Elisa's Unruhe stieg nun immer höher. Sie lief alle Augenblicke an das Fenster, um ihn um so eher zu erblicken; allein der Wächter rief zwölfe, und Wallenheim kam nicht; er rief eins, und Wallenheim war noch nicht da. Endlich hört Elisa das Traben eines Pferdes: O, das ist er! ruft sie froh, und eilt hinaus. Er war es; doch wild und zerstört war seine Miene.