. Das freuet mich, mein Herrmann; aber was macht Dich denn so vergnügt?
H e r r m . Ich ging vor die tür, liebe Mutter, eben als Sie mir die Kirschen und das Brod gegeben hatten, und da sass ein kleiner Junge; er weinte so sehr, und ich fragte ihn weswegen? Er sagte mir, ihn hungerte sehr, und seine älteren könnten ihm heute den ganzen Tag nichts zu essen geben; da gab ich ihm meine Kirschen und das Brod. Ich war zwar auch hungrig, und ich hatte mich sehr auf die Kirschen gefreuet; aber ich dachte nicht mehr daran. Ich habe ihm auch gesagt, er sollte auf den Abend wieder kommen, ich wollte ihm mein Abendbrod geben; ich kann ja morgen essen, und des Nachts fühle ich den Hunger nicht. O da war er recht vergnügt, als ich das sagte; er sprang und rennte freudig weg, und das machte mich auch lustig!
Bei diesen Worten hüpfte der Knabe aufs neue. Elisa blickte auf Waldin; inniger Dank war ihr blick, und eine Träne der Freude rollte über ihre Wange; sie nahm ihren Sohn in ihre arme. Waldin verstand den blick; ihn ganz will ich verdienen, sprach er zu sich selbst, und fest haftete der Vorsatz in seiner Seele.
E l i s a . (welche noch immer Herrmannen auf ihrem Schoosse hält.) Jedesmahl, mein lieber Herrmann, wenn du den Armen etwas geben, oder etwas tun wirst, was ihnen Freude macht, wirst du so vergnügt sein.
H e r r m . Jedesmahl, liebe Mutter? Und Sie werden mich dann auch immer lieben wie jetzt?
E l i s a . Gewiss, Herrmann, ich werde dich jedesmahl mehr lieben.
H e r r m . O wenn doch recht oft kleine Jungen kämen, welche hungerten, ich wollte ihnen immer geben, was ich hätte!
E l i s a . Weisst Du kein Mittel, Herrmann, wodurch dieses geschehen könnte?
H e r r m . Keins, Mutter. – (Es sinnt nach.) Doch etwas fällt mir ein, ich könnte, wenn ich spatzieren ginge, die kleinen Jungen, welche traurig und schlecht angezogen sind, fragen, ob sie hungrig sind? und dann sie mit mir nehmen.
E l i s a . Ja, das geht an. Aber sage mir, sagte der kleine Knabe, mit dem du heute sprachest, dass er oft hungere?
H e r r m . Das habe ich ihn nicht gefragt. Doch ich weiss schon, was ich tun werde, ich werde ihm sagen, dass jedesmahl, wenn er hungere, er zu mir komme, und dann wird er sich jedesmahl so freuen, als heute.
E l i s a . Tue das, Herrmann, er soll dann jedesmahl neben dir mit uns am Tische essen.
Herrmann fällt seiner Mutter freudig um den Hals. Neben mir? und ich werde auch essen? O, das ist herrlich! – (Nach einigem Besinnen.) Doch, liebe Mutter, er hat nur so ein schlechtes Kleid an, es ist so schmutzig und so zerrissen.
E l i s a . Der arme Knabe, wie mag ihn im Winter frieren?
H e r r m . Ach ja! und dann kann er so nicht mit uns am Tische essen.
E l i s a . Warum nicht, Herrmann? Dein Kleid ist oft schmutzig, und das deines Vaters und das Meinige sind stets rein; wenn wir dich nun mit dem beschmutzten Kleide nicht wollten an den Tisch nehmen?
H e r r m . O liebe Mutter, das wäre hart! Ich kann oft nicht dafür, dass mein Kleid beschmutzt wird; es geschieht auf den Spatziergängen, und wenn ich im Garten arbeite, ohne dass ich es weiss.
E l i s a . Der arme Knabe kann noch weniger dafür, dass seine älteren ihm kein gutes Kleid kaufen können.
H e r r m . Nein, gewiss nicht.
E l i s a . Ist denn nun sein Kleid ein Hinderniss, dass er nicht mit uns essen kann?
H e r r m . (Beschämt.) Nein, liebe Mutter. – (Er wird nachdenkend, nach einer Pause.) Aber, wenn er doch nun für den Winter ein andres Kleid hätte, damit er nicht zu frieren brauchte?
E l i s a . Und gewiss haben auch seine älteren nicht einmal Holz, um einheitzen zu können?
Herrmann, der bisher noch immer im Nachdenken versunken war, springt freudig auf, und klatscht mit den Händen. O, liebe Mutter, mir ist etwas eingefallen; o, er wird nun nicht so frieren!
E l i s a . Wie wirst du dem abhelfen können?
H e r r m . Ich will ihm eins von meinen Kleidern geben. O, wie vergnügt er sein wird, wie er springen wird! –
Er läuft freudig fort. Waldin geht ihm nach, ihn zu beobachten. Elisa mit freudigem Entzücken: Herrmann, dein Geist ruht auf ihm! Er wird einst edel sein, wie Du, und ich werde einst noch in meinem Sohne Dich lieben!
Auf diese Art beschäftigte Elisa sich mit ihren Kindern; täglich wuchs ihre Zärtlichkeit gegen sie, und vorzüglich gegen Herrmann. Carl besuchte seine älteren alle Jahre, und jedesmahl