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Elisa genoss mit Entzücken den Anblick unschuldiger, jugendlicher Freude. Der kleinen Henriette trug sie auf, zu Allen zu gehen, zu fragen, was sie verlangten, zu sehen, was sie wünschten, und es ihnen dann zu bringen; sie wollte sie jung gewöhnen, Vergnügen in Dienstleistungen, und in der Austeilung von Geschenken zu finden. Die folgenden Tage war Elisa beschäftiget, zehn andere Kinder anzunehmen, welche die Stelle der Erstern ersetzten, und reiste dann wieder zurück nach B...

In dieser Zeit starb Elisa's Mutter, und sie erbte nun ein ziemlich ansehnliches Vermögen; allein gleich einfach blieb sie in ihrer Kleidung, und in ihrer Lebensart; gleich aufmerksam in der Besorgung ihrer Wirtschaft und allen ihren häuslichen Angelegenheiten. Wallenheim hatte indessen schon einen grossen teil seines Vermögens im Spiele durchgebracht, und Elisa's Bemühungen, ihn von dieser leidenschaft zu heilen, waren vergebens. Auch wollte er nun, dass mehr Prunk in seinem haus herrschen sollte; er nahm noch einige Bedienten an, und fing wieder an, viel Gesellschaft in seinem haus zu sehen, in welchem alles auf einen sehr glänzenden Fuss eingerichtet werden musste. Oft reiste er allein nach Wallental, gab dort grosse Jagden, und verspielte dort ansehnliche Summen. Ungern erfüllte Elisa, in Absicht des Aufwandes, den er führen wollte, seinen Willen. Sie machte Vorstellungen dagegen; allein er antwortete ihr: ich will es so, Elisa! Es ist von meinem Vermögen. Sie schwieg dann, und bestrebte sich, in Allem, was er wünschte, ihm gefällig zu sein, und so viel es sein konnte, mit den wenigsten Kosten diesen Aufwand zu führen. Sie erhielt auch von ihm, dass er für Herrmann, als dieser fünf Jahr alt war, einen Erzieher ins Haus nahm. Schon seit einigen Jahren hatte sie gesucht, mit vielen jungen Männern bekannt zu werden, welche sich dem Erziehungsgeschäfte widmen wollten. Jetzt fiel ihre Wahl auf einen jungen Mann, welcher mit edlen Gesinnungen und einem biedern Herzen nützliche und gründliche Kenntnisse verband. Zwar besass er wenig Weltkenntniss; auch hatte er wenige Begriffe über Erziehung, und es fehlte ihm an Bildung in seinem äussern Wesen; allein Elisa hoffte, dass er dieses alles durch Erfahrung erlangen würde; doch nur in dem Umgange mit ihr konnte dieses geschehen: denn sie wurde, ohne dass er es wusste, seine Lehrerinn. Sie teilte ihm ihre Begriffe über Erziehung mit, machte ihn aufmerksam auf den Charakter und die Anlagen ihres Sohnes, sagte ihm, welches die beste Art sein würde, ihn zu behandeln. Nach einem Jahr war Waldin (so hiess der Lehrer des jungen Wallenheims) fähig, im eigentlichen Sinne des Worts, Erzieher zu sein. Unaufhörlich beobachtete er seinen Zögling, nicht ein Gedanke, nicht ein Verlangen des Kindes entging seiner Aufmerksamkeit, und jedes seiner eignen Worte und Handlungen hatte Herrmanns Erziehung zum Zwecke. Elisa's höfliches, vertrauliches und liebreiches Betragen gegen ihn, hatte verursacht, dass sein äusseres Wesen jene feine Politur bekam, welche man nur beim Weltmann antrifft, und welche doch der Erzieher stets haben sollte. Verehrung ihrer Tugenden und Liebe gegen Herrmann, als den Gegenstand seiner Bemühungen, und das Wesen, welches durch ihn seine moralische Bildung erhalten sollte, fesselte ihn an die Wallenheimsche Familie, und machten ihm seine Stelle angenehm. Einst, als Elisa lange mit ihm über ihre Kinder, über den Erziehungsplan, den sie gemeinschaftlich entworfen, und gemeinschaftlich ausführten, gesprochen hatte, sagte sie ihm endlich: Herr Waldin, Ihnen werde ich vielleicht künftig das süsseste Glück meines Lebens verdanken, womit werde ich dieses vergelten können? Sie opfern der Erziehung meines Sohns Ihre Jugend und die Vergnügungen derselben, und ich werde Ihnen nichts geben können als meinen Dank?

W a l d i n . Der Dank der Edelsten Ihres Geschlechts ist viel wert, gnädige Frau, und doch wird er nur eine meiner geringsten Belohnungen sein! Lassen Sie mich Herrmann zum Mann bilden, und ich darf sagen, mein Gefühl wird dem Ihrigen gleich kommen, es wird in sich seine Belohnung führen!

E l i s a . Es wird noch erhabener sein, Herr Waldin. Alles, was ich tue, heisst Muttergefühl mir, und Mutterfreuden werden mich belohnen; aber Ihre Bemühungen sind eben so uneigennützig, als sie gross sind!

W a l d i n . Und rein wird meine Freude einst sein! O, gnädige Frau, Sie nur können die Gedanken und alle die seligen Empfindungen begreifen, welche in seinem Gefolge sind! Den Gedanken: ich habe einen Menschen gebildet, ich habe ihn zum nützlichen Mitgliede der Gesellschaft gemacht, ohne irgend ein anderes Interesse als das, Gutes tun zu wollen, ohne irgend einen andern Antrieb als den, meine Pflicht und den erhabensten Beruf zu erfüllen! Alles Gute, welches dieser Mensch tut, fällt mir, als dem ersten Urheber desselben, zu! Wenn er seine Mitbürger beglückt, und sie ihn segnen, so segnen sie mich! Wenn er glücklich durch seine Tugend ist, so ist er es durch mich, und ich zehnfach durch ihn! – Ich arbeitete an dem Glücke der würdigsten Mutter; jede Freudenträne, welche sie über ihren Sohn vergiesst, strömt Segen auf mich herab. –

In diesem Augenblicke kam Herrmann angelaufen; er warf sich auf den Schooss seiner Mutter, und schrie in einem freudigen Tone: Liebe Mutter, ich bin recht vergnügt!

E l i s a