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Es waren nun sechs Jahre, dass Elisa in Wallental die zehn Kinder angenommen hatte. Sie waren alle sechszehn Jahre alt, und ein jedes hatte gelernt, durch seiner hände Arbeit sich seinen Unterhalt zu verschaffen. Sie sollten nun eingesegnet werden, und dann das Erziehungshaus verlassen. Elisa reiste zu der Zeit nach Wallental, und wohnte der Einsegnung bei. Nach dieser Feierlichkeit bestellte sie sie auf das Schloss; sie empfieng sie auf dem hof; gerührt näherten sich ihr die Jünglinge und Mädchen. O, unsere Wohltäterinn! riefen alle, und fielen vor ihr nieder. –
E l i s a . Steht auf, meine Kinder, und setzt Euch hier neben mich. (Alle gehorchten, und setzten sich auf die Bänke, welche Elisa für sie hatte hinstellen lassen. Sie fährt fort.) Wir werden uns vielleicht nun nicht mehr oft sehen; es ist vielleicht heute das Letztemal, dass wir hier alle versammelt sind, und glaubt mir, meine Kinder, die Trennung von Euch geht mir nahe; denn Euer Wohl liegt mir am Herzen! – Doch sie ist notwendig. Ihr seid nun in einem Alter, in welchem Ihr Euch selbst Euren Unterhalt erwerben könnt, und es ist meine sorge gewesen, Euch in den Stand zu setzen, dieses tun zu können. Nun ist es Eure Pflicht, für Euch selbst zu sorgen. O, meine Kinder, Ihr nahmt heute die Verbindlichkeit auf Euch, gute Menschen zu sein; vergesst dieses nie, wenn Ihr wollt, dass es Euch wohl gehen soll! Seid treu in Eurem Dienste, arbeitsam, geduldig und liebreich gegen Eure Nebenmenschen; dann werden Eure Herrschaften Euch lieben und Eure Treue belohnen, und diejenigen, mit denen Ihr umgeht, Euch gerne Gefälligkeiten erweisen. Lebt aber auch ordentlich und eingezogen; denn eine liederliche Lebensart stürzt in Unglück, Krankheit und Laster, und seid versichert, dass, wenn Ihr Euch gut aufführt, Ihr immer in mir eine Mutter finden werdet, die bereit sein wird, Euch zu helfen. kommt nur zu mir, wenn Ihr in Mangel oder in Elend geratet, selbst wenn die geringste Widerwärtigkeit Euch trifft, ich werde Euch unterstützen. Alles, was ich für Euch tat, geschahe in der Absicht, Euch glücklich zu machen, und es würde mich sehr kränken, wenn Ihr durch eine schlechte Aufführung selbst Euer Glück zerstörtet. O, meine lieben Kinder, versprecht mir, dass Ihr mir nie diesen Gram machen wollt!
Alle weinten, und fielen wieder zu Elisa's Füssen, die nächsten umfassten ihre Kniee. O, gnädige Frau, o, unsere liebreiche Mutter! nimmer! nimmer!
E l i s a . Wenn das ist, meine Kinder, so werde ich Euch ruhiger von hier ziehen sehen; und solltet Ihr auch einmal einen Fehltritt begehen, so verliert doch nicht Euer Zutrauen zu mir, kommt auch dann noch zu mir, auch dann werde ich Euch aufnehmen, Euch zurecht weisen; denn nie werde ich aufhören, Euch zu lieben! – Sollten jetzt einige von Euch sein, welche noch keinen Dienst haben, oder noch kein Mittel wissen, sich ihren Unterhalt zu erwerben; so können sie, bis sie einen Dienst bekommen, hier in Wallental auf dem schloss bleiben, und indess für uns arbeiten. –
Nun ging Elisa zu einem jeden, richtete ihn auf, drückte ihm die Hand und gab einem jeden zwei Taler. Dank strahlte aus aller Augen, und ein Jeder versprach es sich selbst, seiner Wohltäterinn würdig zu bleiben. Elisa las es in ihren Herzen, sie sah ihren Vorsatz, er erfüllte sie mit der reinsten Freude. Ich habe sie dem Laster und dem Elende entrissen, sprach sie zu sich selbst, ich habe sie zu Menschen gebildet, ich habe an ihrem Glücke gearbeitet! – Diese Vorstellungen strömten Wonnegefühl und das seligste Entzücken in ihr Herz. Sie vergoss Tränen der seligsten Empfindung, der Freude über sich selbst, Menschen beglückt zu haben; voll dieses Gefühls, eilte sie in ihr Zimmer, warf sich auf ihre Kniee, und erhob ihr schönes Auge, aus welchem reine Verehrung der Gotteit und warme Menschenliebe blickten. Dank Dir, gütige Vorsicht, rief sie aus, Du lehrtest mich die edelsten Freuden kennen! Durch Deine Leitung wurde meine Seele gefühlvoll und liebend! O, dass ich nie gleichgültig gegen Menschenwohl werde! dass ich nie erkalte in dem tätigen Eifer, es ;u befördern! Dir, erste und wohltätige Quelle alles Daseins, erneuere ich das Gelübde, mein ganzes Leben hindurch Menschenglück zu befördern! Und dass jeder blick gegen Himmel mich dessen erinnere, oder mit Vorwürfen mich strafe, wenn ich kalt in seiner Erfüllung werde! –
Nun ging Elisa wieder hinunter; ihr blick schien der blick eines Engels, und über ihrem ganzen Wesen lag holde Milde verbreitet. Auch schlugen alle Herzen voll Liebe für sie. Es waren auf dem hof viele Einwohner des Dorfs versammelt, und alle sagten unter einander: O, wie schön ist unsere gnädige Frau! Wie gütig sieht sie aus! O, wir wollen immer Alles tun, was sie verlangt, gält es auch unser Leben; denn sie ist ja immer bemüht, uns zufrieden zu machen!
Elisa hatte für alle Kinder, welche an diesem Tage eingesegnet worden waren, eine Mahlzeit bereiten lassen; sie liess nun auf dem hof einen Tisch decken, und sie mussten sich an denselben setzen. Fröhlichkeit herrschte bei diesem Mahle, und