anwenden, um ihn von seinem Entschlusse abzubringen. Ich will seinen Zorn gelassen ertragen; ich spreche ja für das Wohl meines Kindes, und zu dem Vater desselben. – Und reisst er dich doch aus meinen Armen! – O, dann, Vernunft, mache mich stark, auch dann meine Pflicht nicht zu vergessen! Standhaftigkeit, Festigkeit und Geduld, bleibe auch dann unveränderlich in mir! – Kann ich Carln auch nicht selbst erziehen, so will ich doch Alles anwenden, ihn mit der Zeit gute Grundsätze einzuflössen! (Sie drückt Carln wieder mit Heftigkeit an ihre Brust.) O, mein Kind, mögest du edel und gut werden! – Ach, Wallenheim, dass du mich dieses nicht bewirken lassen willst! –
Elisa trocknete indess ihre Tränen wieder, und erwartete Wallenheim mit heiterer Miene; allein alle ihre Versuche, ihn zu bewegen, Carln nicht aus dem haus zu bringen, waren vergebens; er beharrte auf seinem Entschlusse. Elisa verbarg zwar vor ihm ihre Tränen; allein es war ihr doch unmöglich, so heiter zu sein, als sie gewöhnlich zu sein pflegte. Indess schien Wallenheim ihre Traurigkeit nicht zu bemerken, sondern reisste mit Carln am vierten Tage, nachdem er Elisa'n seinen Vorsatz entdeckt harte, ab, und brachte ihn nach D**. Diese Trennung von ihrem Sohne war Elisa'n sehr schmerzhaft; allein ihr Betragen gegen Wallenheim blieb dasselbe, blieb gleich sanft und freundlich. Sie reiste nach Wallental, um in den Umarmungen der Freundschaft Erleichterung ihres Kummers zu suchen. Felsing und Henriette lebten einig und glücklich; Henriette hatte sich ihre Freundinn zum Muster genommen; sie besass ihre sanften Tugenden, und Elisa's liebevolle Seele atmete nur Freude, wenn sie das Glück ihrer Freunde sah. –
Zum Drittenmahle wurde Elisa Mutter. In Wallental war es, wo sie, ein Jahr nach Carls Entfernung aus dem haus, niederkam, und einen Knaben zur Welt brachte. Er war acht Tage alt, und man hatte noch keinen Namen für ihn bestimmt. Wie wollen wir denn unsern Knaben nennen? fragte Wallenheim seine gattin, als er mit Henrietten an einem Morgen an ihrem Bette sass.
E l i s a . Er mag Herrmann heissen! Sehen Sie Wallenheim, seine grosse Augen, wie offen sein blick einst werden wird! O, gewiss, ein süsses Vorgefühl sagt es mir, er wird ein biederer Junge werden, und dieser Name ihm am angemessensten sein!
W a l l e n h . (Lächelnd.) Nun, er mag ihn erhalten; denn Sie scheinen sich viel von dem Namen zu versprechen.
Auch Elisa lächelte, und bald darauf ging Wallenheim hinaus.
H e n r . (Nachdem Wallenheim das Zimmer verlassen hat.) Elisa! So soll Dein Sohn Dich denn in jedem Augenblick an Deinen Geliebten erinnern?
E l i s a . Nenne ihn nicht mehr so, Henriette; als Mutter dreier Kinder bin ich nun wohl ganz Wallenheims gattin. Herrmanns Andenken kann mich nicht mehr schmerzen, kann keine andere Empfindungen, als die Empfindungen inniger achtung und Freundschaft in mir erregen. Gern höre ich jetzt von ihm, gern spreche ich von ihm. Wenn ich an ihn und an seine Liebe denke, so ist mir, als sähe ich in ein schönes Land zurück, wo ich einst weilte und wo ich einen Begleiter fand, der dort meinen Weg mit Blumen bestreuete. Ich erinnere mich des Entzückens, das ich empfand, und mein Herz liebt noch den Urheber desselben; allein das Entzücken ist vorüber, und mit ihm das lebhafte Gefühl für den, der es erzeugte. Warum sollte ich meinen Sohn nicht Herrmann nennen, da dieser Name mir Erinnerung meiner Freuden, meiner Leiden, und ich darf auch sagen, meiner Standhaftigkeit ist? Ich denke mir Herrmann nicht mehr als meinen Geliebten, nicht mehr, wie er auf dem Berge in Birkenstein mir seine Liebe erklärte, nicht, wie er beim Abschiede verzweiflungsvoll mich an seine Brust drückte; nein, ich denke ihn mir als den edlen Mann, den nützlichen Staatsbürger, den warmen Menschenfreund, und mit immer erneuerter Tätigkeit wird mich diese Vorstellung beleben, meinen Sohn dazu zu bilden! Wenn ich ihn nennen werde, werde ich in ihm den edelsten Mann, den liebenswürdigsten Sterblichen erblicken, und alle meine Bemühungen sollen dahin gehen, dass er es werde.
H e n r . (Lächelnd.) Ich erkenne Dich so ganz wieder Elisa! Noch immer ist Dein Gefühl für jedes Gute und Edle schwärmerisch.
E l i s a . O, Henriette, in der Liebe schwärmt man immer, so auch in der Liebe zur Tugend! Doch hüte man sich, so viel man kann, vor dieser Schwärmerei! Leicht kann man durch sie die wahre Tugend verkennen, und empfindsame Hirngespinnste an ihre Stelle setzen. Wer wahrhaft warmes Gefühl für Tugend hat, der lasse auch in den Augenblicken der Begeisterung die kalte, prüfende Vernunft seine Führerinn sein.
Herrmann wurde nun, ohne dass sie es selbst ahndete, seiner Mutter, und bald auch seines Vaters Liebling; allein der Knabe rechtfertigte diesen Vorzug. Er war erst einige Jahre alt, und man bemerkte schon ihn ihm ein gutes fühlendes Herz, und jede Anlage zum grossen geist. Mit Entzücken drückte ihn oft Elisa an ihre Brust, und sagte dann: O, er wird Dir ähnlich sein, Herrmann! mein Sohn, mein Herrmann, ich werde dich verehren, wie ihn