wird in einer öffentlichen Erziehungsanstalt verabsäumt. Da wird an keine Bildung des Charakters gedacht, keine Mittel gebraucht, durch welche moralische Eigenschaften in den Seelen der Zöglinge haften. Und Carl kann ja in unserm haus eben den Unterricht geniessen, welcher in den öffentlichen Erziehungs-Anstalten erteilt wird; wir könnten ihm Lehrer halten, welche ihn in denjenigen Kenntnissen unterrichteten, die sein Lehrer nicht besitzt. – O, Wallenheim! Nie drang ich in Sie, mir eine Bitte zu willfahren – Aber diesesmahl – es betrifft das Wohl meines Sohnes – lassen Sie ihn mir im haus!
W a l l e n h . Elisa, Sie sollten wissen, dass ich nie von einem einmal genommenen Entschluss abgehe. Carl soll ausser dem haus erzogen werden.
E l i s a . Lieber Wallenheim, ich bitte Sie ja nur, meine Gründe zu prüfen. Carl ist noch so jung, und erhält jetzt dadurch noch keinen Vorteil, wenn er auch in die beste Erziehungs-Anstalt gebracht würde. Sein Alter hingegen erfordert noch so viel Sorgfalt, ist noch so vielen Unfällen ausgesetzt, dass nur älterliche Zärtlichkeit diese von ihm wenden, und jene ihm widmen können. Versuchen Sie also den Plan, den ich zu seiner Erziehung entworfen habe; lassen Sie ihn bis in sein zwölftes Jahr unter unserer Aufsicht in unserm haus erziehen, und glauben Sie dann noch, dass die Erziehung ausser dem haus besser ist, nun so werden doch die Jahre seiner Kindheit auch nicht für ihn verlohren gegangen sein, und die öffentliche Erziehung wird dann vielleicht von mehrerm Nutzen für ihn sein; jetzt kann sie ihm in jedem Betracht nur schädlich werden. Entreissen Sie ihn also nicht der mütterlichen Sorgfalt, um ihn Händen anzuvertrauen, welche vielleicht nicht wissen, wie sie das Kind behandeln sollen, und nicht gewohnt sind, den Mängeln dieses Alters ihre Aufmerksamkeit zu weihen.
W a l l e n h . Elisa, ich verlange keine Widerrede mehr; ich habe Ihnen nicht meinen Willen bekannt gemacht, um Widersprüche zu hören.
E l i s a . Ach, verlangten Sie mein Glück, mein Leben von mir, Sie sollten sie nicht von mir hören! All in es gilt das Glück meines Sohns – Auch mir gebot die natur, es zu befördern; sie machte mich zu seiner ersten Versorgerinn, und ich fühle es, dass ihm kein Anderer meine Stelle ersetzen könnte. Auch kann ich mir selbst bezeugen, dass ich bisher die Mutterpflichten gegen ihn treu erfüllte, und dieses Bewusstsein lässt mich hoffen, dass ich immer im stand sein würde, es zu tun. Verzeihen Sie mir also, Wallenheim, meine Einwendungen, da ich sehe, dass Sie im Begriff sind, von einem ungefähr die moralische Bildung, und mitin das Glück Ihres Sohnes abhängen zu lassen, indem ich glaube, Mittel anwenden zu können, ihm dieses zu versichern. Und ich bitte Sie ja nur, die Ausführung Ihres Entschlusses auf einige Jahre zu verzögern. Nehmen Sie doch Rücksicht auf Carls Alter; wie leicht kann er krank werden, und vielleicht wenig Pflege alsdenn bekommen. Der Mangel an Aufsicht (denn ein öffentlicher Lehrer kann sich unmöglich viel mit einem kind von seinem Alter beschäftigen) kann ihm Gebrechen, Schaden zuziehen, und ihn vielleicht dem tod nahe bringen, selbst ins Grab ihn stürzen – O, Carl! ersparen Sie sich Vorwürfe, welche diese Handlung vielleicht für die Zukunft Ihnen bereitet, und mir die Angst, beständig in der Ungewissheit über den Zustand meines Sohnes zu sein!
W a l l e n h . Ihre Beredsamkeit ist diesesmahl umsonst! Sagen Sie mir kein Wort mehr, sondern suchen Sie sich in Absicht Carls zu beruhigen; ich werde schon gehörige sorge für ihn tragen, und bemühen Sie sich, die Trennung von ihm gelassen zu ertragen!
E l i s a . (Sie unterdrückt eine Träne.) Wallenheim, o dann gewähren Sie mir nur eine Bitte! Erlauben Sie mir zum wenigsten, Sie und Carln zu begleiten, damit ich selbst die Personen sehe und kennen lerne, deren Aufsicht mein Carl anvertraut wird, um, wo möglich, ihnen meine Liebe, meine Sorgfalt einzuflössen, und eine Mutter dort bei der Liebe zu ihren Kindern zu beschwören, mütterliche Sorgfalt für meinen Carl zu haben!
W a l l e n h . Dieses Alles wird nicht nötig sein; ich bin Carls Vater, und werde wohl selbst gehörige Maassregeln ergreifen können, damit er gut gehalten werde. Auch würden Sie wohl noch wollen Henrietten, ihre Wärterinn und die Mamsell mitnehmen, und mit solchem Gefolge liebe ich nicht zu reisen. Setzen Sie also Carln nur in den Stand, in einigen Tagen mit mir wegzureisen, ohne sich wider meinen Willen zu meiner Gesellschafterinn aufzudringen.
Er verliess hierauf das Zimmer; Elisa war sehr gerührt; sie drückte ihren Sohn mit inniger Wehmut an ihre Brust. O, mein Carl! rief sie aus, du sollst nicht länger an dem mütterlichen Busen ruhen! – Wallenheim, ich ertrug Alles; aber dass du mich meines Kindes beraubest, dass du mich ausser Stand setzest, an seiner Erziehung, an seinem Glücke zu arbeiten, dieses zu ertragen, dazu gehört eine höhere Kraft! – (Eine Pause.) allein er ist Gatte und Vater, und auch hier ist es meine Pflicht, geduldig seinem Willen ergeben zu sein. Nein, ich will nicht murren, nicht mit ihm zürnen, sondern jedes sanfte Mittel, jede vernünftige Vorstellung noch