1795_Wobeser_112_6.txt

bist! du bist! Der Wurm so wie der Sternen Heere beweisen dein Dasein; das Insekt, das ich einatme, zeiget deine Grösse! – Und dieses Gefühl vom Dasein eines ersten Wesens, welches nur Sophisterei bezweifelt, das Herz aber immer erkennt, und der Verstand immer begreift, war ihr das seligste. Wohin sie sah, erblickte sie den Urheber alles Seins: Was du auch bist, sprach sie, gewiss, du hörst nie auf zu wirken; ich erkenne es, deine Kraft belebt die ganze natur! – Elisa glaubte, dass es des Menschen edelstes Geschäft wäre, den Geist aufzuklären, und ihn dadurch zu veredeln; sie bildete ihren Verstand, erwarb sich Talente und Kenntnisse, und durch Lesen und Nachdenken hatte sie die Eigenschaften erlangt, welche sie so liebenswürdig machten. Lesen, auf Gelehrsamkeit Anspruch machen, schöne Geister sein zu wollen, war zwar zu ihrer Zeit unter den Frauenzimmern so gewöhnlich, dass sie oft ihre wichtigern Pflichten darüber versäumten, und dass vernünftige Männer, welche diesen Missbrauch einsahen, alle Beschäftigungen des Geistes für ein Frauenzimmer verwarfen, weil sie sie als Quelle dieses Uebels betrachteten, und sie zur Unwissenheit verdammten; weil Missbrauch der edelsten Beschäftigungen, falsche Anwendung derselben, und das Verlangen, mit Kenntnissen zu prahlen, sie zu Törinnen machte. Wer hätte aber eine Elisa getadelt, welche nur lernte, um besser zu werden? die edles Vergnügen, stärkern Reiz zur Tugend in den Beschäftigungen des Geistes fand, die, weit entfernt durch Witz, Verstand und Gelehrsamkeit glänzen zu wollen, jeden Schein davon vermied, und welche auch die geringste Handarbeit nicht verachtete, ihr willig ihre liebsten Beschäftigungen aufopferte, sobald Pflicht es heischte? Elisa teilte einst selbst ihre Gedanken über diesen Gegenstand ihrer Henriette mit, nachdem sie einige Stunden in einer Gesellschaft schöner Geister von beiden Geschlechtern zugebracht hatte.

E l i s a . (Henrietten, welche ihr entgegen kommt, freudig umarmend.) O, wie wohl ist mir, Henriette, dass ich wieder bei Dir bin!

H e n r . Habe ich diese Freude Deiner Liebe zu mir, oder der Langenweile, die Du empfandest, zu verdanken?

E l i s a . Beidem, liebes Mädchen! doch ich gestehe es Dir, in diesem Augenblicke mehr noch der letzteren. (Sie gähnt.) O, es ist unerträglich langweilig, mit Leuten umzugehen, welche aufgehört haben, die Sprache der natur zu sprechen; die alle vor Verlangen brennen, ein wenig Witz und einige seichte Kenntnisse zu zeigen, und aus allzu grosser Gelehrsamkeit oft Ungereimteiten sagen.

H e n r . Du sprichst so? Du, die Du in den Unterhaltungen des Geistes Dein grösstes Vergnügen findest, und mit Entzücken die Schriften grosser Männer liefest?

E l i s a . Ja, Henriette; ich verehre wahre Gelehrsamkeit, aber ich verachte eben so sehr jeden Schein derselben, den nur unwissende Pedanten annehmen, um sich verächtlicher zu machen. – Grosses Wesen! wenn es der edelste Vorzug des Menschen ist, dass er fähig ist, durch anhaltendes Forschen höhere Kenntnisse zu erlangen, wie sehr erniedriget er sich, wenn er die grossen Fähigkeiten, welche du ihm gabest, nur anwendet, durch Missbrauch derselben unverdiente Bewunderung zu erlangen! Wenn der, den das Glück begünstiget, seinen Geist zu bilden, sich nur begnügt, statt Begriffe leere Worte zu sammeln, mit welchen er vor Unwissenden, sich den Schein tiefer Gelehrsamkeit gibt, und noch stolz auf diese nichtige Wissenschaft ist!

H e n r . Liebe Elisa, bist Du nicht allzu strenge gegen diese armen Würmer der Gelehrsamkeit, welchen, sich hinaufzuschwingen, Flügel fehlen?

E l i s a . Nein, Henriette, ich verlange nur, dass man seine Ohnmacht fühle, dass man einen blick in sich selbst tue. Wüssten alle schöne Geister und philosophirende Damen, wie töricht sie durch das Bestreben werden, mit der Oberfläche von Kenntnissen zu glänzen, welche nur ihre Unwissenheit beweist, sie würden ihrer Eitelkeit bald eine andre Richtung geben, und aufhören, Kenntnissen und Gelehrsamkeit den Anstrich des Lächerlichen zu geben.

H e n r . Aber, meine liebe Moralistin, Sie schelten auf philosophirende Damen, und philosophiren doch selbst so gern.

E l i s a . Henriette! ich bin doch keine Pedantinn. Unglücklich wäre das Weib, wenn es zur Unwissenheit verdammt wäre! Nein, die natur gab uns gleiche Fähigkeiten, wir haben also gleiche Verpflichtung, sie auszubilden. Ja, unsere bürgerliche und gesellschaftliche Verfassung erfordert, dass Weiber in den höhern Ständen Welt-, Menschen- und Sachkenntnisse besitzen. Und warum sollten sie des edlen Vergnügens beraubt sein, ihren Geist immer mehr aufzuklären, ihren Verstand zu bilden? Mögen sich auch die Männer dagegen aufwerfen, so werden sie doch gern das kluge Weib zu ihrer Gefährtinn wählen. Doch nein, der vernünftige, edle Mann verachtet nicht höhere Eigenschaften in dem weib, aber er verachtet in ihr jeden Anspruch, jeden Schein von Gelehrsamkeit, welcher sie ihre Pflichten vernachlässigen macht. O, wer nur in der Veredlung seines Geistes Vergnügen findet, der wird nie, um Bewunderung zu erregen, mit lächerlicher pedantischer Miene ein wenig Gelehrsamkeit auskramen; denn dieses erniedriget uns! Nie wird das Weib von richtigen Kenntnissen und verstand und erhabenen Gesinnungen eine Pedantinn werden; nie nach einem höhern Rufe, als nach dem Rufe eines guten, ihren Pflichten getreuen Weibes streben.

H e n r . Ich höre