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Mutter sein, durch mich soll das heiligste Band der natur nicht zerrissen, und Mutter und Sohn nicht getrennt werden.

Nun wandte Felsing auch bei Henrietten vergebens seine Beredtsamkeit an, ihren Entschluss zu ändern; sie beharrte auf ihrem Vorsatz. Elisa versprach Felsingen, am folgenden Tage mit Wallenheim nach Felsingburg zu kommen, und Alles anzuwenden, seiner Mutter Einwilligung zu erhalten. Sie erfüllte ihr Versprechen; allein ihre Bemühungen waren umsonst. Frau von Felsing erklärte; Hätte Henriette nur einiges, nur weniges Vermögen, so wollte sie in die Verbindung willigen, um ihrem Sohne zu willfahren; allein ein ganz armes Mädchen könnte nicht ihre Schwiegertochter werden, sie würde sonst die letzte Pflicht gegen ihren verstorbenen Gatten verletzen. Wallenheim und seine gattin verliessen also Felsingburg, ohne den geringsten Vorteil für ihre Freunde erlangt zu haben. Als sie zurückfuhren, bat Elisa ihren Gatten, ihr zu erlauben, Henrietten sechstausend Taler von ihrem Vermögen zu schenken. Sie versprach ihm, den Aufwand für ihre person, der zwar geringe war, noch mehr einzuschränken. Glauben Sie mir, Carl, sagte sie, es wird mich stolz machen, in meinem einfachen Gewande neben den prächtig gekleideten Weibern zu stehen! Ich werde es mit Entzücken fühlen, dass ich besser mit den wahren Freuden des Lebens bekannt bin! Wenn Andere in der Sphäre ihres Putzes leben, werde ich des Glücks meiner Freundinn geniessen, und mir sagen: auch ich trug bei, es zu befördern!

W a l l e n h . Ich werde Sie nie verhindern, die uneingeschränkte Sachwalterinn Ihres Vermögens zu sein, es ist das Ihrige; ich bin reich; was Sie verschenken, ist Ihr Verlust!

Lebhaft dankte ihm Elisa; sie konnte kaum ihre Freude verbergen, als sie Henrietten die abschlägige Antwort der Frau von Felsing mitteilte. Am andern Morgen gingen die beiden Freundinnen, wie gewöhnlich, spatzieren; Elisa hatte diesesmahl Carln mitgenommen; sie trug ihn selbst. Sie setzten sich auf eine Rasenbank im Tannenwalde. – Es war hier, wo Felsing Henrietten seiner Liebe versichert, und das geständnis ihrer Gegenliebe erhalten hatte, darum wählte Elisa diesen Platz.

Henriette war sehr niedergeschlagen, ihre Blicke weilten auf Elisa'n, welche mit dem vollen Ausdrucke mütterlicher Zärtlichkeit und mütterlicher Freude ihren Sohn anlächelte, der an ihrem Busen lag. Henriette dachte an Felsing, an den Abend, da er ihr hier seine Liebe gestand, und mit dieser Erinnerung verbanden sich dunkle Vorempfindungen von Freuden, die sie gehofft hatte, und welche Elisa's Anblick in ihr erregte. Ihr selber unbewusst, rollten Tränen von ihren Wangen; die aufmerksame Elisa erblickte sie, sie reichte ihrer Freundinn die Hand. Henriette, sprach sie, Dir verdank' ich grösstenteils das Glück meines Lebens! Als der Tod mir meinen Vater entriss, und meine Mutter und Caroline nur Gleichgültigkeit gegen die Tochter und die Schwester empfanden, da warest Du mir Alles! Du warest das einzige geschöpf, welches mich liebte, das einzige, in dessen arme ich mit Zuversicht mich werfen konnte! Aber Du befestigtest mein Glück, als Du meine Einbildungskraft ordnetest. Auf wirkliche Gegenstände geleitet, lernte ich durch Dich die wahren Verhältnisse kennen, und die Pflichten, die sie heischen; ich lernte, dass nicht eine warme Einbildungskraft, nicht aufwallende Empfindungen, sondern kalte Vernunft unsere Führerinn sein muss; und dieser Richtung meines Geistes verdank' ich meine Ruhe, meine Heiterkeit; sie gab mir Kraft, mein Glück meinen Pflichten aufzuopfern, und belohnte mich dafür. O, in den trüben Stunden meines Kampfes warest Du wieder meine Trösterinn, meine Ratgeberinn! An Deinem Busen konnte ich weinen, als man mir Mitleid versagte; warmes Mitgefühl schlug in Deinem Herzen, als ich auf jedem gesicht Kälte las! – Und, Henriette, für alle diese Erteilungen des Trostes, der Freude, erlaubest Du der Freundschaft, Dir eine zu erwiedern?

H e n r . Ich verstehe Dich nicht, Elisa.

E l i s a . Darf ich Dir nicht einen von den unzähligen Vorteilen zurück geben, welche ich durch Deine Freundschaft erhielt?

H e n r . Liebe Elisa, gewährte mir denn die Deinige nicht eben so viel, als Dir die Meinige?

E l i s a . O, wenn das ist, meine Henriette, wenn Du fühlst wie ich; dann wirst Du mir meine Bitte nicht abschlagen!

H e n r . Und du könntest zweifeln, dass ich etwas Dir versagen würde, was Dir Vergnügen machet?

E l i s a . Verzeihe mir, meine Henriette! Aber Du kannst mich so glücklich machen.

H e n r . Du spannst meine Erwartung auf das Höchste, so sprich doch!

E l i s a . (Umarmt sie) Sei gross genug, meinen Dank nicht auszuschlagen! Erröte nicht, ein Geschenk von der Freundschaft anzunehmen!

H e n r . (Verwundernd.) Was willst Du tun?

E l i s a . Dir Deinen Felsing geben! (Sie gibt ihr ein Blatt Papier, welches die Verschreibung der sechstausend Taler ist.) Hier sind sechstausend Taler, sie gehörten mir, jetzt Dir!

H e n r . Nein, Elisa, Deine Grossmut verschweigt Dir die Grösse dieses Geschenks!

E l i s a . So siegt falsche Delicatesse über mich, über die Freundschaft? So glaubt Henriette, dass sie grösser handelt, wenn sie mich kränkt, als wenn sie mich ihres Glücks geniessen liesse? O