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? Es war also meine Pflicht, sie ihm in demselben zu zeigen; aber nicht in einem entscheidenden, seines Rechts sich bewusst, und es behauptenden Tone; dieser erzeugt Erbitterung, und auf der andern Seite auch Behauptung des Willens; sondern Gründe der Vernunft, Sanftmut und Zweifel über die Gerechtigkeit unserer Sache, müssen wir anwenden, wenn wir überzeugen und uns rechtfertigen wollen. Wer kann ihnen widerstehen? Der Vernunft muss man oft selbst unwillkührlich nachgeben: allein dieses Nachgeben beleidiget doch oft unsere Eigenliebe, und dieses machte Wallenheim unwillig auf mich. Im ersten Augenblicke schmerzte mich dieses; allein die Betrachtung, dass, Wallenheims eigensinnigem, unbeweglichem Charakter gemäss, es ihn ärgern musste, dass er zwar nicht mir, doch meinen Gründen nachgeben musste, liess mich seine Beleidigung vergessen, oder vielmehr machte, dass ich sie nicht mehr als eine solche empfand. Ich war hinausgegangen, weil sein ungerechter Unwille mir eine Träne erpresste, und ich wollte nicht, dass er sie erblickte, weil sie ihm ein Vorwurf seines Unrechts gewesen wäre; allein sobald die vorige Betrachtung dieses entschuldigte, sann ich auf ein Mittel, ihn zu besänftigen. Ich hätte ihm sonst als ein herrschsüchtiges Weib erscheinen können, ich hätte vielleicht einen teil seiner achtung verlohren, und mir diese bei ihm zu erhalten, ist mir Pflicht. Ich wusste, dass Carl ihn von seinen Gedanken abziehen, und mir ein Mittel verschaffen würde, mich mit ihm wieder auszusöhnen, und darum kam ich mit ihm herein. Du siehst also, Henriette, dass ich nur meine Pflicht erfüllte, und dass jedes andere Betragen tadelhaft gewesen wäre.

H e n r . Möchten doch alle Weiber Alles in einem solchen Lichte betrachten, als Du, und solche richtige Folgerungen machen, wie viel seltner würden in den Ehen Zwist und Uneinigkeit sein, welche oft Hass und wirkliche Uebel erzeugen!

E l i s a . Gewiss, Henriette, wenn Gatten es sich zum gesetz machten, nur der Vernunft zu folgen, so würde fast immer Uebereinstimmung zwischen ihnen sein. Wenn entgegengesetzte Meinungen sie von einander entfernen, so muss Vernunft der Mittelpunkt sein, der sie wieder vereiniget. Von ihrer Fackel erleuchtet, müssen sie unparteiisch die Gründe für und wider untersuchen, und von denen sich leiten lassen, welche sie für die besten erklärt. O, dass wir uns doch gewöhnten, dass wir doch unsre Kinder gewöhnen möchten, von Jugend an nach Gründen zu handeln! Wenn ein Weib in jedem Augenblicke ihrem Gatten sagen könnte: warum sie so gehandelt habe, warum sie so handeln will? – Wenn sie dieses mit Sanftmut täte, und Vernunft und Wahrheit wären auf ihrer Seite, würde er wohl da noch zornig sein, noch hartnäckig seinen Willen behaupten? Allein gesetzt, er fände das Gegenteil für besser, dann ist es ihre Pflicht, seinem Willen gemäss zu handeln, wenn dieses nicht gegen die ersten Pflichten, gegen die Pflichten als Mensch streitet. – Hätte mir Wallenheim heute, nachdem ich ihm meine Gründe vorgestellt hatte, gesagt: Ich finde diese Ursachen nicht hinreichend, und ich will, dass dieses anders eingerichtet werden soll, – so hätte ich seinem Willen gefolgt, ohne ihm weiter etwas zu sagen. Aber auch dann muss das Weib nicht mürrisch sein, nicht Unwillen oder Unzufriedenheit zeigen, nicht dem Gatten Vorwürfe machen, wenn die Folgen seines genommenen Entschlusses unangenehm sind, sondern suchen, sie aufzuheben, oder sie unwirksam zu machen. – So wird sie Ruhe und Einigkeit erhalten, und das Glück ihres Gatten, ihr eigenes, und das ihrer Familie machen.

H e n r . Ich höre Dich mit Vergnügen. O, wenn man diese Grundsätze den jungen Mädchen ins Herz prägte, wenn man sie es empfinden liesse, es ihnen anschaulich machte, welchen erhabenen Platz sie in der Schöpfung einnehmen könnten, wenn ihr Gatte, ihre Kinder, die Unglücklichen, deren Wohltäterinnen sie waren, und künftige Generationen noch, sie als die Stifterinnen ihres Glücks verehrten, würden sie um diesen Preis nicht den so wenig befriedigenden, so schnell vorübergehenden Vergnügungen, den Künsten der Coquetterie, und das Wohlgefallen daran, welches sie verächtlich macht, entsagen?

E l i s a . Ja, Henriette, die wahre Bestimmung des Weibes ist edel, und wer dieses recht empfindet, wird gewiss suchen, sie zu erfüllen. Allein lehrt man sie diese kennen? – In den grossen Städten, in der grossen Welt, wird der Wert des Weibes in Annehmlichkeit und Grazie gesetzt; zu glänzen, dieses ist der Zweck ihrer Erziehung; hierauf wurden alle Fähigkeiten ihres Geistes gerichtet. Mit dem Verlangen nun Eroberungen zu machen, mit der Begierde der Vergnügungen zu geniessen, mit einer Leere des Geistes und des Herzens tritt das junge Mädchen nun in ihrem funfzehnten oder sechszehnten Jahre in die Welt. Alles schmeichelt da ihre Sinne, überall erblickt sie Beispiele der Coquetterie, der Zügellosigkeit, in dem Gewande des Witzes, der Annehmlichkeit und der Galanterie; sie wird fortgerissen, sie glaubt auf der Bahn der Vergnügungen die Blumen ihres Frühlings zu pflücken; so wird sie verheiratet, ihre Vergnügungen, ihre Leidenschaften zu befriedigen, ist ihr zum Bedürfniss geworden, weil ihr Geist keine andere Beschäftigungen kennt, als diese, und ihnen opfert sie die Pflichten der gattin und Mutter, von denen sie kaum einen Begriff hat. – Auf dem land und in den Provinzstädten ist der Begriff vom wahren Werte des Weibes eben so unrichtig; man lässt ihn in einer guten Haushälterinn