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von dem Zwange und der lästigen Gesellschaften befreiet sein werde! Zu haus, mit meinem kind beschäftiget, werde ich der stillen häuslichen Freuden geniessen, und die Gesellschaft meines kleinen Carls wird mir unterhaltender sein, als alle die glänzenden Zirkel, in welchen ich im vergangenen Jahre so viele Stunden langweilig zubrachte. Hätte ich meine Henriette nun noch, o, dann würde Freundschaft und mütterliche Liebe, jede Stunde mir den reinsten Genuss des Lebens gewähren! – Carl erwacht. – Lebe wohl, meine Henriette! Mein Sohn entzieht mich Dir!" –

Ja, Elisa erfüllte sie treu, die Pflichten der Mutter; sie wurde ihres Sohnes erste Erzieherinn, und schon mit dem ersten Augenblick seines Daseins weihete sie ihm ihre ganze Sorgfalt. Sie hatte es von Wallenheim erlangt, dass, auch nachdem sie aufgehört hatte, ihn zu stillen, sie doch nicht mehr so viel in Gesellschaft zu gehen brauchte, und nachdem Carl ein Jahr alt war, nahm sie ein Frauenzimmer von mittlerm Alter und guter Erziehung zu sich, welcher sie den Plan ihrer Erziehung mitteilte, ihr Verhalten gegen ihn bestimmte, unter deren Aufsicht er blieb, wenn sie abwesend war.

Im Sommer ging Wallenheim mit seiner gattin wieder auf einige Wochen nach Wallental, und Henriette, welche sie nun über ein Jahr nicht gesehen hatte, erhielt von der Baroninn von Hohnau und Carolinen die erlaubnis, ihre Freundinn dort zu besuchen. Sie fand Elisa'n vergnügt und glücklich; ihre Miene war ganz wieder der Ausdruck der Ruhe und Unschuld: aber Wallenheim schien ihr noch eben so rauh, eben so mürrisch zu sein, als er es in Hohnauschloss war. Wie ehrwürdig fand sie ihre Freundinn, wenn er voller übler Laune ihr sein Missvergnügen über einige Anordnungen, die sie in ihren häuslichen Angelegenheiten gemacht hatte, und welche nicht seinen Beifall hatten, in ziemlich harten Ausdrücken zu verstehen gab, und sie dann mit dem sanftesten Tone ihm ihre Ursachen, warum sie so gehandelt habe, sagte, und ihm bewies, dass es auch so am besten wäre; allein immer noch hinzusetzte: Doch, lieber Wallenheim, wenn Sie da noch einige Fehler entdekken, so sagen Sie es mir, wir wollen es abändern. Wir Beide vereint, werden gewiss die Sache richtiger einsehen, als wenn ich sie nur allein betrachte. – Wenn er sein Unrecht erkannte, so schwieg er, oder sagte: Ich hatte diese Ursachen nicht erwogen. Dann blickte sie ihn liebevoll an, ergriff seine Hand, und sagte: Sie sind doch nicht böse? Aber gewiss, ich hätte nicht geglaubt, dass Sie diese Anordnung missbilligen würden. Einst antwortete er ihr unwillig: "Ich habe Ihnen ja schon gesagt, dass es gut ist," und wandte sich weg. Henriette sah eine Träne in Elisa's Auge, aber in eben dem Augenblicke ging sie hinaus, und kam mit Carln auf dem arme zurück; ihre Miene war freundlich und heiter; sie spielte einige Zeit mit dem kind, und Wallenheim betrachtete mit Vergnügen die Lebhaftigkeit und freundliche Miene desselben. Als sie dieses bemerkte, näherte sie sich ihm, und der Kleine streckte seine arme gegen ihn aus. Beider Blicke fielen auf ihn, und begegneten sich; Güte und Liebe drückten Elisa's Blicke aus. Wallenheim gerührt umarmt sie.

E l i s a . (Nach einer Pause, indem Wallenheim noch seinen Arm um sie geschlungen hat, und seinen Sohn liebkoset.)

Wie glücklich unser Carl ist, wenn er zwischen uns Beiden ist!

W a l l e n h . (Nimmt das Kind auf seinen Arm.) O, Carl, sei Du immer mein Fürsprecher bei Deiner Mutter!

E l i s a . Und der Meinige bei Deinem Vater!

W a l l e n h . (Nimmt ihre Hand und küsst sie.) Nein, meine Elisa, Ihre Tugenden sind das! –

Nun drückte er sein Weib und seinen Sohn noch einmal an seine Brust, und ging hinaus.

H e n r . (Nachdem er hinaus ist.) Vortrefliches Weib! Wie rührend, wie erhaben war Deine Sanftmut, Deine Zärtlichkeit, Deine Güte!

E l i s a . Sage auch Wallenheims Vaterliebe, das schweigende Bekenntniss seines Unrechts.

H e n r . Jeder Deiner Blicke musste es ihn ja fühlen lassen. O, er hätte aufhören müssen, ein Mensch zu sein, wenn Deine Sanftmut, Deine Zweifel, indem Du wusstest, dass Du Recht hattest, die scheinende Vergessenheit seiner Beleidigung, als Du mit dem kind zurückkamest, und Deine, nur Liebe sprechenden Blicke nicht diese wirkung auf ihn gemacht hätten!

E l i s a . Zu sehr, meine Henriette, erhebt Deine Freundschaft mein Verdienst. Eine Frau sollte, ohne die Zustimmung ihres Mannes, keine Anordnung in ihren häuslichen Angelegenheiten machen; nur weil Wallenheim sich so wenig um die Seinigen bekümmert, und mir oft, wenn ich ihn um Rat frage, antwortet: "Tun Sie, wie Sie wollen!" bin ich genötiget, fast immer nach meinem eignen Gutdünken zu handeln. Doch selten tue ich es, ohne es ihm zuvor gesagt zu haben; allein als ich diese Anordnung traf, über die er unzufrieden war, war er abwesend, und sie schien mir so notwendig zu sein, dass ich weiter kein Bedenken darüber hatte. Allein, aus welchem Rechte konnte ich verlangen, dass Wallenheim sie aus eben dem Gesichtspunkte betrachten sollte, als ich