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an Henrietten, sechs Wochen, nachdem sie Mutter geworden war:

"O, meine Henriette, lass mich Dir das süsse Gefühl mitteilen, welches mich jetzt so unaussprechlich glücklich macht! Ich schreibe Dir, neben der Wiege meines Sohns, fast in jedem Augenblicke meine Blikke auf ihn richtend, mein Herz ihm entgegen klopfend. – Wie sanft er ruhet! – O, Henriette! mächtig drängt sich der Gedanke mir auf: Immer wird er so ruhen, wenn Du sein Herz zur Tugend bildest! – Ach! seit dem Augenblicke seines Daseins fühlte ich diese Verpflichtung, und zitterte, dass ich zu ohnmächtig sein würde, sie ganz erfüllen zu können! Wie kann man noch leichtsinnig sein, nachdem man Mutter ist? Wie kann es noch Weiber geben, welche bei dem Gedanken nicht erschüttert werden: Dieses geschöpf ist deiner Sorgfalt anvertrauet, du kannst vielleicht durch die guten, oder die schlechten Eindrücke, die es durch dich empfängt, das Glück oder das Unglück seines Lebens bestimmen? Und dieses geschöpf, dessen Schicksal vielleicht in deiner Hand stehtist dein Kind! Henriette, diese Worte schallen beständig vor meinen Ohren. Wenn ich des Nachts erwache, so ist Carl mein erster Gedanke, und stundenlang bin ich mit Entwürfen seiner Erziehung beschäftiget. Denn ungeachtet alles dessen, was man jetzt über Erziehung schreibt, ist sie doch im Ganzen noch nicht viel besser als sonst. Und so lange Mütter nicht selbst dieses Geschäft übernehmen, wird sie es auch nie sein; denn die erste Erziehung ist ganz von ihnen abhängig, und schon in den ersten Jahren der Kindheit kann man die junge Seele zum Guten gewöhnen, ihr Liebe dafür einflössen; denn die Eindrücke, welche sie dann bekömmt, bleiben unauslöschlich das ganze Leben hindurch. Und wer ist wohl geschickter, das Herz eines Kindes zu bilden, als eine kluge und tugendhafte Mutter? Wer wird mit mehrerer Wärme, mit mehrerer Sorgfalt daran arbeiten, als sie? Gewiss, auch der geschickteste Erzieher nicht. – O, ich will sie alle erfüllen die Pflichten, welche die natur mir auferlegte! Mein Carl soll beständig bei mir sein, ich will seine ersten Handlungen, seine ersten Neigungen leiten; stets will ich ihn beobachten, um die Anlagen seiner Seele zu entdecken, und ich selbst will seine ersten Fähigkeiten entwickeln. Nur meine Liebe zu ihm, fürchte ich, könnte mich vielleicht verblenden, parteiisch machen. Ach, ich kenne so viele gute Mütter, welche es nicht ahnden, dass sie die Fehler ihrer Kinder übersehen , und sich von ihrem Willen leiten lassen! O, wärest Du bei mir, meine Henriette, Du solltest mich warnen, wenn Du sähest, dass mütterliche Zärtlichkeit die Klugheit besiegte! – Ich bin allein; Wallenheim beobachtet mich zu wenig, und ist zu wenig bei mir, als dass er bei der Erziehung meines Kindes mein Freund und Ratgeber werden könnte; ich muss mich also auf mich selbst verlassen, und mit doppelter Anstrengung will ich über mich wachen, damit meine Liebe nicht Schwachheit werde. – Du weisst, dass ich selbst mein Kind stille, Wallenheim erlaubte es mir, und stets hielt ich es ja für die erste Pflicht der Mutter, wenn ihre Gesundheit es erlaubet; und jede unverdorbene Seele, jedes Weib, welches nicht Gefühl für die natur und ihre Freuden verlohren hat, wird gewiss in dieser mütterlichen Pflicht eine ihrer seligsten Vergnügungen finden. O, wenn mein Carl an meinem Busen liegt, wenn das Lächeln seines Wohlbehagens mir der Ausdruck seines Danks und seiner Liebe zu sein scheint, und ich mir dann sage: Mit der ersten Nahrung, welche die natur ihm bereitete, saugt er keine wilden Leidenschaften, keine Keime des Lasters ein, sondern die ruhigen, wohlwollenden Empfindungen seiner Mutter; wenn seine Bildung, sein künftiges Glück mich dann beschäftigen – O, Henriette, dann kenne ich nur zwei Empfindungen: Liebe und Freude! die reinste Liebe und die seligsten Freuden! Mütterliche Empfindungen sind noch über die Empfindungen der Liebe, und nie war ich so glücklich an Herrmanns Seite, als ich es bin, meinen Sohn in meinen Armen haltend. Selbst Wallenheim ist mir, seitdem ich Mutter bin, teurer geworden. Er ist der Vater meines Kindes. – Ach, ich fühle es, wie viel Liebe dieser Name heischt! Und auch ich bin ihm nicht mehr so gleichgültig, seitdem ich Mutter bin. Er wünschte sehr einen Sohn, und Du kannst nicht glauben, wie sehr ich mich freuete, dass sein Wunsch erfüllt wurde. Als er zum Erstenmahle das Kind an meinem Busen sah, blieb er lange, mich betrachtend, stehen; seine Blicke drückten Vergnügen und Rührung aus. Endlich umarmte er mich und das Kind, und sprach: O, möchtest du doch mit der Milch deiner Mutter alle ihre Tugenden einsaugen! Dieser Ausruf rührte mich sehr; o! ich nahm es mir vor, mit Geduld seine Fehler zu ertragen! Ich sehe, dass sein Herz der Empfindung fähig ist, und wären wir immer in Wallental, es würde mir gelingen, es für jedes gute Gefühl zu erweichen; allein in B... erstickt Liebe zur Pracht und zum Spiel jede andere Empfindung, welche Vaterliebe und achtung zu mir in ihm erregt. Auch ist er jetzt wieder viel abwesend, und wenig bei mir; allein die ersten Wochen nach meiner Niederkunft verliess er mich fast gar nicht.

Ich werde diesen Winter wenig ausgehen. Wie froh bin ich, dass ich