teil des Sommers hier zuzubringen.
E l i s a . Vor der Jagdzeit wird er nicht herkommen, und dann fängt die natur schon an zu trauern. Und das Andenken an den vorigen Sommer wird in B... gewiss mir trauriger sein, als es mir hier sein würde.
H e n r . Fast sollte ich glauben, dass die Einsamkeit und die Spatziergänge es lebhafter in Dir erwecken, und Dich folglich trauriger machen würden.
E l i s a . Nein, Henriette; hier beschäftigen so viele andere Gegenstände meinen Kopf und mein Herz. Selbst wenn ich auf unsern Spatziergängen an Herrmann, an die Liebe und an ihre Freuden dachte, so zerstreute mich das Vergnügen, welches ich immer im Genuss der natur empfinde. Wenn man ihre Schönheit, ihre Mannichfaltigkeit betrachtet, so drängen sich so viele Gefühle, so viele Betrachtungen auf, dass man von den Hauptvorstellungen der Seele abgezogen wird. Allein, eingeschlossen in B..., ist nichts, was zu meinem Herzen so nahe spricht, um mich jenen Erinnerungen zu entziehen.
H e n r . Es sind aber auch keine Gegenstände da, welche Dich auf diese Erinnerungen leiten.
E l i s a . (Lächelnd.) Dann werde ich nichts mehr von meiner Liebe für Herrmann fürchten, wenn ich an ihn erst muss erinnert werden. (Sie seufzt.) Und jetzt – wo jeder Tag mir die Vergangenheit zurückruft! – Doch lass uns hievon abbrechen, Henriette; ich habe schon das Gesetz, welches ich mir machte, überschritten. –
Sie gingen nun schweigend nach haus. Dieser Abend war für Beide traurig, denn Beide empfanden aufs Neue den Schmerz der Trennung. Indess freuete sich doch Elisa, ihren Gatten wieder zu sehen; ihre Abneigung gegen ihn hatte sie überwunden, und nach ihren grundsätzen konnte der Mann, der ihr Gatte war, der Vater ihres Kindes sein würde, ihr nicht gleichgültig sein. Sie hatte ihm geschrieben, und ihm den Tag bestimmt, an welchem sie zurückkommen würden; allein sie fand ihn nicht zu haus. Erst um Mitternacht kam er zurück; sie eilte ihm entgegen und umarmte ihn.
W a l l e n h . (Verwundert.) Sie noch auf, Elisa? Ich glaubte, Sie würden zu sehr von der Reise ermüdet sein?
E l i s a . In der Tat bin ich etwas müde; allein ich wünschte doch, Sie heute noch zu sehen!
W a l l e n h . (Küsst ihre Hand.) Elisa, Sie sind zu gütig!
Ein Lächeln, und der sanfteste Händedruck war ihre Antwort. Wallenheim war gerührt über ihre Aufmerksamkeit, ihre Nachsicht gegen ihn, in dem Augenblick, da er ihr den empfindlichsten Beweis seiner Kälte gegeben hatte. Den ganzen folgenden Tag war er äusserst gefällig gegen sie; allein der Eindruck verlosch wieder, und sein Betragen gegen sie blieb dasselbe. – Erst in der Mitte Augusts reiste Wallenheim mit seiner gattin nach Wallental. Wie im vergangenen Jahre war dort die Jagd seine einzige Beschäftigung, und Elisa der Einsamkeit überlassen; allein ihre Beschäftigungen machten ihr diese süss. Unaufhörlich mit dem Glücke der Einwohner Wallentals beschäftiget, vergoss sie oft Freudentränen, wenn sie auf so vielen Gesichtern Zufriedenheit und Freude las. Täglich besuchte sie die Kinder und die Greise, und der Anblick aller dieser Geschöpfe war eine unerschöpfliche Quelle des süssesten Vergnügens für sie. Auch war sie jetzt nicht bloss ruhig und heiter, sondern lustig und froh. Selbst Wallenheim teilte sie diese Heiterkeit mit; oft vergass er des Nachmittags zur Jagd zurückzukehren, indem er mit Elisa'n die Stunden verplauderte; sie ging dann mit ihm in das Dorf. Fleiss, Unschuld und Freude fand er, durch die Bemühungen seiner gattin, bei seinen Untertanen vereiniget, er wurde oft dadurch gerührt; denn wo ist der Sterbliche, auf den das Bild der Tugend und des Glücks ganz seine Macht verlohren hätte? Elisa freuete sich, wenn sie sein Herz sich den Empfindungen der Liebe und der Freude öffnen sah; er selbst war dann vergnügter, und sagte zu Elisa'n, sie sei für ihn die Schöpferinn neuer, ihm unbekannter, Freuden.
E l i s a . O, Carl! dann wäre ja mein heissester Wunsch, Sie heiter und glücklich zu machen, erfüllt!
W a l l e n h e i m . O, dass ich eine Seele hätte, wie die Ihrige; so empfänglich für jedes Gute, so wohlwollend, so frei von Fehlern, damit auch Sie in der Uebereinstimmung mit mir, so glücklich würden, als Sie es verdienen!
E l i s a . Glauben Sie mir, Wallenheim, ich bin es schon durch Ihren Beifall, Ihre Zufriedenheit, und die Liebe, welche alle diese guten Leute gegen mich hegen.
W a l l e n h e i m . (Umarmt sie.) Vortreffliches Weib! –
So nannte Wallenheim stets seine gattin, wenn er von ihren Tugenden gerührt war; allein der Eindruck davon war nicht von Dauer. Von natur zurückhaltend, kalt und in sich verschlossen, konnten Bewunderung und Liebe wohl auf einige Augenblicke sein Herz erwärmen, aber nicht in demselben haften. Sein Charakter blieb derselbe, und äusserte sich immer auf eine gleiche Art. Gegen Ende des Septembers kam Wallenheim mit seiner gattin zurück nach B..., weil Elisa ihre Niederkunft erwartete. Sie gebahr einen Sohn. Sie schrieb