Mann, sagte sie mir oft, wir werden immer so viel verdienen, dass wir leben können, und was brauchen wir mehr? Unsern Kindern wird Gott weiter helfen! Ihr Mut, ihre Standhaftigkeit half mir unsere Dürftigkeit ertragen, ein Leben voll Kummer hätte die meinige niedergeschlagen. Nach einem Jahr gebar meine Frau eine Tochter; sie war acht Tage in Wochen, da bekamen unsere Söhne die Blattern, und starben Beide. – Ach jetzt war keins von uns fähig, den Andern zu trösten! Als unser zweiter Sohn die Augen schloss, da reichte ich meiner Frau die Hand, und sprach: Weib, wir verbanden uns, alles Ungemach zu tragen! Sie sank auf seinen Leichnam und ich auf meine Knie, und lange lagen wir so und schluchzten laut, bis endlich die kleine Lotte schrie; da richtete ich mich auf: "Weib, sprach ich, wir haben noch ein Kind, Dein allzuheftiger Schmerz wird es umbringen! Ach bereite uns nicht noch mehr Leiden!" Ich nahm das Mädchen aus der Wiege, und gab sie der Mutter. Sie drückte sie mit innigster Wehmut an ihr Herz, benetzte sie mit ihren Tränen, und legte sie endlich an ihre Brust. "Ach! mein Fritz, mein Ludwig, rief sie aus, auch euch ernährte ich einst an meinem Busen, und nun –" Verzweiflungsvoll rang sie wieder die hände. Ich fürchtete, sie würde sich und das Kind tödten, ich nahm ihr es wieder, und legte es in die Wiege. Ich umarmte sie: Meine Lotte, sprach ich, vergiss nicht deines dritten Kindes! Sie hing sich nun an meinen Hals, und unsere Tränen flossen zusammen. Wir durchweinten die Nacht. Am Morgen bat ich Lotten, sich ins Bette zu legen, sie schlummerte eine Stunde; aber unsere folgenden Tage waren nun alle trübe. Ach! der Anblick unserer Kinder hatte uns so oft erfreuet und gestärkt, hatte uns jede Arbeit erleichtert, wenn wir das mit Mühe erworbene Brod mit ihnen teilten! – Indess wuchs unsere Lotte heran, und in ihr vereinigte sich nun unsere ganze Liebe und Sorgfalt; sie wurde ein gutes Mädchen. Als sie erwachsen war, teilte sie jede Arbeit und Beschwerde mit uns. So verlebten wir nun unsere Jahre, zwar unter Mühseligkeiten, doch in Ruhe; allein unsere Kräfte nahmen ab, folglich auch die Mittel zu unserer Unterhaltung. Vor zwei Jahren starb mein Weib. – Der Schmerz über diesen Verlust machte mich so schwach, dass ich nicht mehr zu arbeiten vermochte. Meine Tochter war nun meine einzige Unterstützung, ihrer hände Arbeit unser einziger Unterhalt; auch arbeitete das gute Mädchen unaufhörlich. Ach, oft benetzte ich mit meinen Tränen das Brod, welches sie so sauer erworben hatte, und wusste nicht einmal, dass meine Tochter hungerte, um es mir zu geben! Und mitten unter diesen Mühseligkeiten tröstete sie mich, wenn ich kummervoll auf sie blickte. Ach, sie war das letzte, das einzige Gut, welches mir übrig blieb; ihre Liebe, ihre Sorgfalt machte mich jede Not, oft selbst die Bekümmerniss um sie vergessen, und nun – o, meine Tochter! nun sollst du sterben! –
E l i s a . (Ihn bei der Hand fassend.) Guter Greis, seine Tochter kann ja noch gerettet werden. Mangel an Hülfsmitteln und gehöriger Pflege haben vielleicht ihre Krankheit so schlimm gemacht, und diese Ursachen sollen nun aufhören.
Nun erblickte sie in der Ferne das Haus, welches der Greis bewohnte; er wurde unruhiger, je mehr er sich demselben näherte. Ach, meine Tochter, werde ich dich noch sehen? rief er, als der Wagen stille hielt. Angst und Liebe gaben ihm Kräfte; er ging schnell in das Haus, Elisa und Henriette folgten ihm. Ein Tisch, zwei Betten und zwei Stühle war alles, was in der stube stand, und alles, was der Greis besass. Er warf sich auf das Bette seiner Tochter, sie lebte noch; sie schlief, aber sie schien eine brennende Hitze zu haben. Sie erwachte bald; allein sie bekam einen heftigen Paroxysmus, aus welchem Elisa und Henriette schlossen, dass sie das hitzige Fieber hätte. Elisa schickte nach Dunkelwalde, und liess dort den Amtmann um Citronen bitten, und bereitete Citronenwasser, welches sie ihr trinken liess, nachdem der Paroxismus vorüber war. Sie liess sie nun in den Wagen bringen, und sie fuhren zurück nach Wallental; sie wurde gleich in die stube gebracht, welche für sie und ihren Vater bestimmt war; auch war der Arzt schon vor ihnen da, und versicherte den Greis, dass sie noch nicht ohne Hoffnung wäre. Elisa und Henriette wachten diese Nacht wechselsweise bei dem Mädchen, und nach einigen Tagen befand sie sich in der Besserung. Den Tag vor ihrer Abreise ging Elisa mit ihrer Henriette noch einmal in die Wohnungen, welche sie für das Glück und die Ruhe so vieler Menschen errichtet hatte; sie hatten dem Prediger von Wallental die Aufsicht über diese Anstalten ihrer Wohltätigkeit gegeben. Sie nahm nun Abschied von den Kindern, versicherte sie ihrer beständigen Sorgfalt für sie, ermahnte sie zum Fleisse, zur Gelehrigkeit, und ihre Aufseher zur Ordnung und Treue. Die fröhliche Miene der Kinder, ihre kindischen Versicherungen, dass sie immer alles gern tun würden, was die gnädige Frau haben wollte, freueten sie sehr; sie erteilte noch einem jeden ein kleines Geschenk und verliess sie.
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