fand in einem wirtshaus in R... einen Handelsmann aus B..., ich geriet in ein Gespräch mit ihm; er wohnte in der Nachbarschaft meines Vaters, und konnte mir daher Nachricht von ihm erteilen. Meine Mutter war tot, und mein Vater und meine Geschwister lebten in der äussersten Armut. Sie arbeiteten alle für Tagelohn, um sich zu unterhalten; allein sie konnten nur das Notdürftigste erwerben, weil mein Vater schon sehr schwach wurde, und nicht mehr viel arbeiten konnte. Diese Nachricht erregte neuen Gram in meinem Herzen. Mein Vater hatte einige Unterstützung gehofft, als er mich nach Frankreich schickte, und – ach! ich sollte mit leeren Händen zu ihm zurückkehren! Ich sollte noch seine Dürftigkeit durch meinen Aufentalt bei ihm vermehren; denn wer wusste, ob ich gleich einen Meister finden, der mich annehmen würde? O, dachte ich, wenn ich doch zuvor, ehe ich zu ihm zurückkehre, mir noch etwas erwerben könnte, um ihm einige hülfe erteilen zu können. Mit diesem Gedanken beschäftigte ich mich den ganzen Tag; am folgenden war ich immer noch unentschlossen, auch befand ich mich nicht wohl; ich ging früh zu Bette, und bekam ein heftiges Fieber; ich war drei Monate so krank, dass ich das Bette nicht verlassen konnte. Mein weniges Geld, was ich gehabt hatte, ging nun darauf, ich musste meinen Rock auch noch verkaufen; kurz, ich besass nicht einen Pfennig, nachdem ich wieder hergestellt war. Nun konnte ich mich unmöglich entschliessen nach B... zu gehen; ich hätte von Dorf zu Dorf mich hinbetteln müssen, und welcher Meister in B... hätte mich in dem elenden Aufzuge, in welchem ich mich jetzt befand, genommen? Ich hätte mich keinem einmal zeigen können. Ich ging also zu dem Tischlermeister, welcher in dem Städtchen war, klagte ihm meine Not, und bat ihn, mich anzunehmen; er brauchte eben einen Gesellen, und wollte es, wie er sagte, mit mir versuchen. Der Meister hatte wenig Bestellungen, ich erwarb also nicht viel. Immer beharrte ich auf dem Vorsatze, so viel zu erwerben, um nicht mit dem Ansehen eines Bettlers zu meinem Vater zurückzukehren. Ich blieb also fünf Jahre in R... Ich hatte mir nun wieder einige Kleidungsstücke angeschafft, und hatte noch überdem zehn Taler, diese wollte ich meinem Vater bringen. Ich ging nach B. Aber – Ach, gnädige Frau, wie werde ich Ihnen meinen Schmerz beschreiben können, als ich meinen Vater nicht mehr fand! Er war seit einem halben Jahre tot, und meine Geschwister waren nicht mehr in B ... Ich stand da, als wenn meine Füsse an den Boden geheftet wären; zernichtet war jede Hoffnung für mich, ich glaubte mich allein in einer Einöde zu sehen. O wie viele Vorwürfe machte ich mir! Eine falsche Schaam hatte mich abgehalten, zu meinem Vater zu eilen, als ich ihn noch sehen konnte, und nun hatte ich ihn auf ewig verlohren! Ich ging endlich in die stube, in welcher er gewohnt hatte, da warf ich mich auf den Boden, und schluchzte laut. Ach eine düstre Schwermut verbreitete sich seit diesem Augenblicke auf mein ganzes Leben! Ich kehrte am folgenden Tage zurück nach R..., denn man konnte mir den Aufentalt meiner Geschwister nicht sagen. Mein Bruder war als Bedienter in die Dienste eines Herrn getreten, der auf Reisen war, und meine Schwester hatte geheiratet; allein man wusste nicht, wo sie hingekommen war. Ich arbeitete nun wieder bei meinem vorigen Meister, war aber unaufhörlich traurig. Er war ein guter Mann, er suchte oft mich zu trösten, und begegnete mir als seinem eigenen Sohne; ich gewöhnte mich nach und nach, mich als ein Glied dieser Familie zu betrachten. Wir teilten gegenseitig Kummer und Freude. Der Meister hatte fünf Söhne und eine Tochter; das Mädchen hatte mich liebgewonnen. Einst sagte ihr Vater zu mir: Martin, du bist zwar arm, aber arbeitsam, meine Tochter ist auch arm, ein reicher Mann heiratet sie doch nicht, das Mädchen liebt dich, kannst du sie leiden, so nimm sie; Gott wird euch seinen Segen geben! Mir hatte das Mädchen stets gefallen, mich dünkte immer, dass ich weniger traurig war, wenn ich bei ihr war. Ich dankte dem Vater, und fragte Lotten, so hiess sie, ob sie mich wohl haben möchte? Ach Martin, sprach sie, ich bin dir so herzlich gut, gern will ich Freud und Leid mit dir teilen! Sie weinte bei diesen Worten; auch ich weinte und küsste sie. Vier Wochen darauf war unsere Hochzeit. Ich fuhr fort bei meiner Frauen Vater zu arbeiten; wir lebten dürftig, aber wir erwarben uns doch unsern Unterhalt. Mein Schwiegervater lebte noch fünf Jahre, meine Frau war indess Mutter zweier Söhne geworden. Als mein Schwiegervater starb, wollte ich Meister in R. werden; allein ein andrer Tischlermeister, welcher sich schon vor einiger Zeit dort niedergelassen hatte, suchte dieses zu verhindern; es gelang ihm, denn er war reich. Ich musste aus R... ziehen, weil ich dort keinen Verdienst mehr fand. Ich mietete das Haus bei Dunkelwalde, in welchem ich noch jetzt wohne. Nun arbeitete ich als Taglöhner, auch mein gutes Weib arbeitete fast Tag und Nacht; nie klagte sie über Armut oder Mühseligkeiten. Lieber