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. Die Vorstellung von meinem Vater, welcher vergebens auf hülfe wartete, seine Verzweiflung über die betrogene Hoffnung, die Armut meiner Familie, ihr Trauern um mich, die Klagen, das Leiden meiner unglücklichen Gefärten, dieses alles zerriss zehnfach mein Herz, und machte, verbunden mit meinem eignen Leiden, mein Leben zur Empfindung eines immerwährenden Schmerzes. Meine Gefühle wurden endlich abgestumpft, ich wurde empfindungslos gegen alles. So verlebte ich zehn Jahre; nach Verlauf derselben traf auch mich die Reihe, von den Algierischen Fesseln, durch das Lösegeld, befreiet zu werden, welches in Europa von mildtätigen Menschenfreunden zur Befreiung der Christen-Sklaven in Algier gesammelt wird. Welch ein Augenblick war das, als man mir die Fesseln abnahm! – Nein, nie werden Worte die unnennbaren Gefühle ausdrücken, welche mich durchströmten! Ich stand da, war kaum meines Daseins gewiss, zweifelte an der Wirklichkeit meiner Befreiung, und freuete mich ihrer doch, und hielt Alles doch nur für Träume, welche meine Einbildungskraft umschwebten. Plötzlich drang die Vorstellung von meinem Vater, von meiner Mutter tief in meine Seele; ich fiel nieder zur Erde, weinte und rief aus: Ich werde sie wieder sehen! Nun wurde das Verlangen, meine älteren und mein Vaterland wieder zu sehen, das herrschende Gefühl in mir, und das Vermögen, dass ich es konnte, erfüllte mich mit unaussprechlicher Freude; allein ein blick auf meine unglücklichen gefährten, welche zurückblieben, schlug auf einige Zeit sie wieder nieder. Diese jammerten laut, als sie uns weggehen sahen. Ach ich empfand das Schreckliche ihres Gefühls bei unserer Befreiung, und ich hatte zu lange gelitten, als dass fremde Leiden mich nicht tiëf durchdrungen hätten! Ich weinte mit ihnen, ich liess sie von der Zukunft Befreiung ihres Unglücks hoffen, und teilte mit ihnen das wenige Geld, welches ich erhalten hatte, damit, zum wenigsten einen Tag, sie sich Erleichterung verschaffen könnten. Mit mir waren noch neun Gefangene befreiet worden; wir wurden alle auf ein französisches Schiff gebracht, und hatten die Ueberfahrt bis Frankreich frei. Diese Reise ist der glücklichste Zeitpunkt meines Lebens. Die wieder genossene Freiheit nach zehn Jahren unnennbaren Elendes, die Erwartung, die Personen wieder zu sehen, welche mir so teuer waren, dieses alles wiegte mich in die sanftesten Empfindungen der Freude, der frohen Hoffnungen und des Genusses gegenwärtigen Glücks. Wir kamen in Marseille an, und ich beschloss, nach Languedoe zu gehen, wo mein Grossvater gelebt hatte, und wo ich einige von meinen Verwandten zu finden hoffte. Kaum reichte das wenige Geld, das ich hatte, zu dieser Reise; selten kehrte ich in ein Wirtshaus ein, mein Lager war der Rasen unter dem Schatten eines Baums, und ein Stück trocken Brod oft meine ganze Nahrung. Ich kam endlich in Languedoe an, und nach vielen Erkundigungen fand ich den Bruder meines Vaters. Mein Grossvater war seit einigen Jahren tot, und hatte eine geringe Erbschaft hinterlassen, welcher sich mein Oheim ganz bemächtiget, weil er in einigen Jahren nichts von meinem Vater gehört hatte. Ich gab mich ihm zu erkennen, stellte ihm die Armut meines Vaters, und die Billigkeit der Teilung vor. Er sagte mir aber, dass er keine überzeugung davon habe, dass ich sein Neffe sei, und dass, wenn dieses auch sei, er doch keinen teil seines Vermögens missen könnte, weil er sonst selbst mit seiner Familie würde betteln müssen. Freilich war er selbst nur in mittelmässigen Umständen, und ich, fremd und arm, konnte nichts gegen ihn ausrichten. Er erlaubte mir, einige Tage in seinem haus zu bleiben, um mich von meiner Reise zu erholen, gab mir dann einige Hemden, einen alten Rock, denn meine Kleidung war so zerrissen, dass ich mich kaum noch sehen lassen konnte, und einiges Reisegeld, und riet mir nun, in mein Vaterland zurückzukehren. Ich trat also meine Reise mit dem kummervollen Gedanken an, dass ich zu meinen älteren ohne die geringste Erleichterung ihrer Armut zurückkehrte. Das Geld, welches ich von meinem Oheim bekommen hatte, reichte, bei aller meiner Sparsamkeit, denn oft lebte ich Tage lang, ohne etwas zu geniessen, als das wasser, welches ich aus einer frischen Quelle schöpfte, doch nicht weiter, als bis ich in Strassburg angekommen war. Um Almosen konnte ich nicht flehen; bis B... mich von den erbettelten Gaben meiner Mitmenschen zu erhalten, welche sie oft mit Verachtung und Beschimpfung mir zuwerfen würden: dieser Gedanke war mir unerträglich. Ach es ist so demütigend, Anderer Mitleiden anzuflehen! Ich hatte zwar erniedrigende Begegnungen genug erfahren, allein ich hatte sie mir doch nicht selbst zugezogen; ich hatte Grausamkeiten erlitten, aber doch nicht Verachtung ertragen müssen. Ich beschloss also, mein Handwerk wieder so lange zu treiben, bis dass ich mir das Geld zur Reise erworben haben würde. Ich bot einem Tischlermeister meine Dienste an, und wurde angenommen. Ich blieb drei Monate in Strasburg, allein ich musste noch einigemahl auf meiner Reise in einigen andern Städten arbeiten, weil ich immer nicht viel mehr als meinen Unterhalt erwarb. Endlich langte ich, nachdem ich ein Jahr auf dieser Reise zugebracht hatte, in dem Städtchen R..., wohin ich heute zu gehen gedachte, an. Ich hatte nun noch zehn Meilen bis B..., und je mehr ich mich meiner Vaterstadt näherte, desto unentschlossener war ich, mich in diesen armseligen Umständen meinen älteren zu zeigen. Ich