hätte!
E l i s a . Er ist unglücklich, guter Mann, o, sage er mir, was Menschenhülfe tun kann, ihn zu unterstützen? und ich will suchen, die letzten Tage seines Lebens frei vom Kummer zu machen!
G r e i s . (Faltet seine hände.) Gott, ich danke dir, du sendest mir einen Retter! (Zu Elisa'n.) O, gnädige Frau! noch nie flehete ich um Allmosen, aber heute, heute muss ich. – (Er bricht in Tränen aus, welche ihn verhindern weiter zu sprechen.)
E l i s a . (Gerührt, setzt sich neben ihn.) Beruhige er sich, guter Alter! Es ist ja keine Schande, dürftig zu sein!
G r e i s . Ach, gnädige Frau! und doch blicken so viel Menschen auf den Armen mit Verachtung! – Aber meine Tochter, wenn ich nur die retten könnte!
E l i s a . Wo ist sie, mein Freund, ich will sie holen, ich will ihr hülfe erteilen.
G r e i s . Wir wohnen andertalb Meilen von hier, nahe bei Dunkelwalde; schon seit acht Tagen ist meine Tochter krank, und seit einigen Tagen so schlecht, dass ich gestern glaubte, sie würde sterben. Da wollte ich nun heute in die Stadt gehen, zu dem Doctor, und auf den Knien ihn bitten, zu meiner Tochter zu kommen; aber es ist noch eine Meile von hier, und ich habe gestern und heute nichts gegessen – ich konnte nicht mehr! –
Neue Tränen hemmten wieder seine Sprache. Elisa sprang auf. bleibe bei ihm, Henriette, ich bin gleich wieder hier. Sie eilte nun zu haus, liess einen Wagen anspannen, befahl, dass sogleich ein anderer in die Stadt fahren sollte, um den Arzt zu holen, nahm eine Bouteille Wein und Brod mit sich, und kehrte zu dem Greise und Henrietten zurück.
E l i s a . (Schenkt ein Glas Wein ein, und reicht es dem Greis.) Trink er, guter Alter! Ich habe auch etwas Brod mitgebracht, stärke er sich erst; dann wollen wir zusammen zu seiner Tochter fahren, und sie hierher holen, ich habe auch schon nach dem arzt geschickt.
G r e i s . (Nimmt das Glas.) Gnädige Frau, ich kann Ihnen nicht danken. – Aber, Gott! Du siehest mein Herz!
E l i s a . Guter Greis, wenn nur seine Tochter wieder hergestellt wird, und er noch einige Zeit zufrieden in unserm dorf lebt, das wird mir Danks genug sein!
G r e i s . (Blickt dankbar gegen Himmel.) Gütiger Vater, ich will nicht mehr klagen, da es noch solche gute Menschen auf deiner Erde gibt!
Der Greis fühlte sich gestärkt; die Hoffnung, seine Tochter ins Leben zurückzurufen, belebte ihn. Er stand auf, Elisa leitete ihn selbst zum Wagen, setzte sich mit ihm und Henrietten hinein, und befahl dem Kutscher, so geschwinde als möglich zu fahren. Der Greis sass nun da mit gefalteten Händen, mit Tränen im Auge, seine Blicke bald auf Elisa'n, bald gegen Himmel gerichtet.
E l i s a . (Nach einer Pause.) Guter Alter, ich segne heute meinen Spatziergang! O, wie will ich mich freuen, wenn wir erst bei seiner Tochter sein werden! – Aber – sage er mir, ist er schon lange mit der Dürftigkeit bekannt?
G r e i s . über die Hälfte meiner Tage waren Tage der Leiden für mich! Die geschichte meines Lebens mag dieses beweisen, wenn die gnädigen Frauen sie anhören wollen?
E l i s a und H e n r i e t t e . (Zugleich.) Gern, guter Alter.
G r e i s . Mein Vater war Kaufmann in B..., von Geburt ein Franzose, welcher aus Liebe zu meiner Mutter, durch welche er auch in den Besitz eines geringen Vermögens gekommen war, sich in B... niedergelassen hatte. Sein Handel war nicht sehr ausgebreitet, und seine Vermögens-Umstände nur mittelmässig; er machte also keine Einwendung gegen mein Verlangen, das Tischlerhandwerk zu erlernen, zu welchem ich viel Neigung hatte; denn er war nicht reich genug, mich zum Handel bestimmen zu können, da ich nicht sein einziger Sohn war, sondern noch einen Bruder und eine Schwester hatte. Ich hatte schon ausgelernt, als mein Vater banquerott machte. Wir gerieten nun in die äusserste Armut. Mein Grossvater lebte noch in Frankreich, und mein Vater beschloss, dass ich hinreisen, und von ihm einige hülfe erflehen sollte. Ich musste einige Monate arbeiten, um mir einiges Reisegeld zu verschaffen, und ich ging dann nach Hamburg, wo ich mich an Bord eines französischen Schiffes begab. Dieses Schiff sollte im Hafen von Marseille einlaufen; allein im mittelländischen Meere erreichte uns ein Algierischer Kaper, und ungeachtet unsers Widerstandes wurden wir zu Gefangenen gemacht. Wir kamen nach Algier und wurden Sklaven. Ach, gnädige Frau! keine Vorstellung kann die Wirklichkeit der Misshandlungen und des Jammers erreichen, welche die unglücklichen Sklaven dort erfahren. Man spannte uns bei Tage gleich Ochsen an den Pflug, und des Nachts wurden wir gefesselt in eine Art von Stall geworfen, wo man uns in einem Trog eine elende Nahrung vorsetzte