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entweihen würde. Allein mehr auf meiner Hut würde ich sein. Die Gecken fürchte ich nicht, aber der Mann von Gefühl könnte mich empfindlich finden, ihn würde ich vermeiden. Ich glaube nicht, dass das Band der Ehe uns unempfindlich macht, besonders wenn die Liebe es nicht geknüpft hat; aber eine Neigung zu einem Andern unterhalten, ist strafbar, weil wir ihre grenzen nie bestimmen können, weil sie bald in uns zur heftigen leidenschaft wird, die Befriedigung fordert, und zu fehlerhaften Handlungen uns verleitet. Ja, ich würde bei dem Bestreben des angenehmen, des verdienstvollen Mannes, mir zu gefallen, mich fragen: Hat er auch keinen Eindruck auf Dich gemacht? Ich würde, wenn es wäre, diesem entgegen arbeiten, ich würde ihn fliehen. – Lache nicht, Henriette, die Flucht verrät vielleicht Schwachheit; allein Misstrauen in uns selbst kann uns Leidenschaften besiegen lassen, und wird uns immer verhindern, ihnen zu unterliegen. – Doch, das Andenken an Herrmann, an seine Liebe, wird nie in meinem Herzen erlöschen! Rein, schuldlos war seine Liebe. – O, es gibt noch Augenblicke, in welchen diese Erinnerung mich entzückt! Nie werde ich sie mit dem Bewusstsein einer strafbaren leidenschaft vertauschen. Unschuld erhöhete das entzückende Gefühl, welches an Herrmanns Seite mich beseligte; sie ist es, welche noch heute mir diese Ruhe einflösst, wenn ich an ihn denke, die selbst dieses Andenken nicht zum Verbrechen macht. Ja wenn ich ihn gleich immer noch liebe, so ist meine Seele doch noch eben so schuldlos; denn wäre er hier, er würde seine und meine leidenschaft bekämpfen, ich würde mich in Wallenheims arme werfen, und mir sagen: Ich bin seine gattin! – Mit diesem Gefühl wird jeder andere Mann mir gleichgültig bleiben, und jede andere Liebe verwerflich, weil ich mit ihr nicht Unschuld und Tugend vereinigen könnte."

Elisa verlebte nun den Winter auf die Art, wie sie ihn angefangen hatte; Wallenheim und sie veränderten Beide nichts in ihrem Betragen; er abwechselnd freundlich, mürrisch, kalt; sie immer aufmerksam, ihm zu gefallen, immer sich bestrebend, jedem seiner Wünsche zuvorzukommen; nie hörte er von ihr eine Klage oder einen Vorwurf, nie sah er Ihre Stirne sich runzeln; er fand immer in ihr das gelassene, heitere, gefällige Weib, und oft sagte er es sich, dass Elisa die Erste der Weiber wäre. Der Frühling kam; Elisa bat ihren Gatten, mit ihr nach Wallental zu reisen, damit sie dort die erste Einrichtung ihrer wohltätigen Anstalten treffen könnte. Er schlug es ab; doch erlaubte er ihr, allein hinzureisen. Froh, einmal wieder im Schoosse der natur der Freiheit und der Wonne zu geniessen, welche ihre mannichfaltigen Scenen im Herzen des gefühlvollen Bewunderers erwecken, und Jahre voll Zwanges vergessen machen können, reiste Elisa von B... Sie hatte ihrer Mutter und Carolinen geschrieben, und sie gebeten, Henrietten zu erlauben, zu ihr nach Wallental zu kommen, und Beide, Elisa und Henriette, langten an demselben Tage dort an. Mit welchem Wonnegefühl schlossen sie einander in die arme! Meine Henriette! Meine Elisa! stammelten Beider Lippen, und innig empfanden sie das süsse Glück des Wiedersehens, welches nur empfunden, nie beschrieben werden kann. Sie blieben vierzehn Tage in Wallental; dieses waren frohe Tage für Elisa'n. An der Seite ihrer Henriette, beschäftiget Nutzen und Glück zu verbreiten, atmete ihre Seele die reine Wonne ausübender Tugend, und genoss des ruhigen, befriedigenden Genusses der Freundschaft in seinem ganzen Umfange. Ohne Mühe hatte sie von den herumziehenden Bettlern zehn Kinder erhalten, alle in einem Alter von zehn Jahren. Sie liess sie kleiden, und in sechs Tagen waren sie alle in dem für sie bestimmten haus eingerichtet. Sie ordnete ihre Beschäftigungen und ihren Unterricht, welcher stets noch unter den Landleuten und niedrigen Einwohnern der Städte so sehr vernachlässiget wird. – Aber indem Elisa sich mit dem Glück der blühenden Jugend beschäftigte, vergass sie nicht das leidende Alter, Ruhe und Bequemlichkeit suchet der Mensch am Ende seiner Laufbahn, und zehn Greise sollten sie in Wallental finden. Schon waren in dem haus der Greise neun Stuben bewohnt, aus welchen Elisa'n Segen und Dank entgegen strömten, als sie an einem Morgen mit Henrietten in dem an der Landstrasse gelegenen Tannenwalde spatzieren ging. Ein klägliches Rufen: O, meine Tochter! meine Tochter! erregte bald ihre Aufmerksamkeit. Es ist das Geschrei eines Unglücklichen, rief Elisa, lass uns zu ihm eilen, Henriette! Sie gingen nun dahin, von wo der Schall kam, und sahen einen Greis, ein Bild des Jammers. An Kräften erschöpft, war er auf den Rasen gesunken, und helle Tränen tröpfelten in seinen eisgrauen Bart. Ach, meine Tochter, du musst sterben! rief er wieder. Er schien seine Seele mit diesen Worten auszuhauchen; er rang seine hände, und blickte langsam empor gegen Himmel. Jetzt hatten Elisa und Henriette sich ihm genähert; er erblickte sie und versuchte aufzustehen; allein seine Schwäche fesselte ihn an den Boden.

E l i s a . Bleib er sitzen, guter Alter, er scheint müde zu sein, er muss erst ausruhen.

G r e i s . (Seufzt.) Ach, gnädige Frau, ich werde wohl hier die ewige Ruhe finden! Ich habe lange genug gelitten, und doch, wenn der Himmel nur noch ein Paar Tage mein Leben gefristet