Geringschätzung jetzt die Stelle ihrer vorigen scheinbaren Anbetung einnimmt, und ihr die Ehrfurcht versagt wird, welche das tugendhafte Weib jedem mann einflösst. So dachte Elisa, und ihre Anbeter verehrten sie, indem sie sie entfernte; denn es war nicht die stolze Spröde, sondern das ihrer Würde sich bewusste Weib, welches durch Sanftmut sie abwies. Auch sah sie nicht mehr einen Hof Verehrer um sich, allein ihr Name erweckte Ehrfurcht, und man näherte sich ihr mit der achtung, welche man selbst unwillkührlich der Tugend zollt. Und selbst die Weiber sagten von ihr: sie ist eine liebenswürdige Frau! Elisa, unbekümmert dessen, was man von ihr sprach, entfernt von der Begierde zu glänzen oder Bewunderung zu erwecken, erfüllte treu ihre Pflichten, und wurde dadurch nur noch verehrungswürdiger. Folgendes schrieb sie an Henrietten, nachdem sie einige Wochen in B... gewesen war:
"Meine Henriette, schon bin ich vier Wochen in B...., und noch habe ich Dir keine Nachricht von mir gegeben. Glaube aber ja nicht, dass die rauschende Lebensart, welche ich hier führe, mich Dich vergessen lässt O, nein, meine Henriette! Eben in den glänzenden Zirkeln empfinde ich recht lebhaft, dass ich einer Freundinn beraubt bin. Ich sehe hier so viele Gesichter, bin von so vielen Wesen umringt; aber alle lassen eine Leere in meinem Herzen zurück. Es dünkt mich immer, wenn ich unsre grossen Gesellschaften besuche, ich komme unter eine Anzahl sich bewegender Bildsäulen, welche alle durch eine einzige Maschine aufgezogen sind, die ihre Bewegungen leitet, so viel Gleichförmigkeit haben hier die Menschen in ihrem Wesen; denn indem sie sich von der natur entfernen, entfernen sie sich auch von der Eigentümlichkeit des Charakters, welche in grossen Gesellschaften allein Annehmlichkeit verbreiten könnte, und sie durch ihre Verschiedenheit für den Beobachter anziehend machen würde. Allein so wie man bei einem jeden in seiner Kleidung die herrschende Mode findet, so haben auch der Ton, das Wesen, die Manieren dieselbe Gestalt, hier und da mit einigen kleinen Abänderungen; und dieses gibt den Menschen das Leblose, macht die Gesellschaften langweilig, verbannt aus ihnen alle geistige Unterhaltungen, um schalen Witz und schönen Unsinn an ihre Stelle zu setzen. Zwar bin ich überzeugt, dass manches vernünftige Weib, mancher kluge Mann sich in diesen Zirkeln befindet; allein nur eine nähere Bekanntschaft kann jene bessere Eigenschaften uns entwickeln: denn wenn man auch in grossen Gesellschaften sich nicht vom Strom hinreissen lässt, nicht spricht wie der gemeine Haufen, so spricht man doch nichts anders; man schweigt, oder spricht von gleichgültigen Dingen, um sich nicht zu unterscheiden, und nur ein Zufall kann uns mit den wenigen Personen, welche in der grossen Welt durch Kopf und Herz sich unterscheiden, bekannt machen. Ich suche diese Gelegenheiten nicht. Zwar bin ich nicht unempfindlich gegen das Vergnügen, welches der Umgang und die Unterhaltung kluger Personen gewährt; allein ich besitze jetzt nicht die gehörige Heiterkeit und Unbefangenheit, um an solchen Gesprächen teil zu nehmen. Die natürliche Unterhaltung mit einer Freundinn würde jetzt meinem Herzen wohltun. Wenn ich ganze Tage dem Zwange, der Langenweile, und allen den leeren Beschäftigungen, welche die Gesellschaft von uns fordert, aufgeopfert habe, o, wie glücklich würde ich dann sein, einige Augenblicke in den Armen der Freundschaft zu ruhen, ihr meine Empfindungen mitzuteilen, und der immer erneuerten Wonne zu geniessen, welche Freundschaft und Liebe zwei Seelen, die sie verbunden haben, empfinden lassen! Wie glücklich ist das Weib, welches dieses in dem Gatten findet! Welches, bei den Unannehmlichkeiten des Lebens, durch das Vertrauen, durch die Liebe ihres Freundes gestärkt wird, sie mit frohem Mute zu ertragen, und in seinen Blicken Vergessenheit mancher trüben Stunden findet. O, Ihr, die ihr in freundschaftlicher Uebereinstimmung zusammen die Bahn des Lebens durchwandertet, sprecht, war euch eure Liebe, eure gegenseitige Teilnehmung an dem gemeinschaftlichen Schicksal, kein Trost in den Widerwärtigkeiten, die euch trafen? Und wenn er es war? – O, so gönnt ihn auch euern Kindern! Gebt ihnen den gefährten, an dessen Seite die Freude höher ihre Wangen färbt, ihr Herz entzückender klopfen und das Leiden seine Gewalt sie minder fühlen lässt! –
Weniger als je herrscht diese Freundschaft, diese Vertraulichkeit zwischen Wallenheim und mir; wir sind einander hier wieder so fremd, er sieht mich so wenig, und diese Entfernung von einander erzeugt in ihm wieder die Kälte gegen mich, welche in Wallental sich zu verlieren schien. Männer, welche es sich zum Geschäft machen, gleich einer Biene um jede Blume zu sumsen, haben mich trösten wollen; selbst einige, welche Verdienste besitzen, und nicht, gleich den Gecken, jedem Frauenzimmer den Hof machen, aber doch der denkart der grossen Welt beitreten, welche die Liebeshändel einer Frau mit dem Namen Galanterien belegt, und diese ganz untadelhaft findet, haben auch die Zahl meiner Anbeter vermehrt. Aber, Henriette! Herrmanns Bild, mit so starken, so liebenswürdigen Zügen in meinem Herzen eingegraben, lässt mich nicht fürchten, dass ich meine Pflichten vergessen werde! Zwar hoffe ich, dass, wenn ich auch nicht so liebte, dass keine andere Liebe sich mehr in mein Herz einschleichen kann, weil mein Herz, ohne es zu wollen, Vergleichungen anstellt, und mir dann zuflüstert: Herrmann bleibt von allen diesen Männern der edelste, der liebenswürdigste – dass ich, diesem ungeachtet, doch den Namen gattin nicht