gefühlvollen, Alles liebenden Elisa, liebte sie diese nicht sehr, sondern zog ihr C a r o l i n e , ihre jüngere Schwester, vor, welche fast ganz das Ebenbild ihrer Mutter, nur böser, als jene, war.
Elisa besass eine Freundin, ihr Name war H e n r i e t t e von W a n b e r g ; sie war einige Jahre älter als Elisa, eine Waise und dürftig. Die Baroninn von Hohnau erlaubte, dass sie die Gesellschafterinn ihrer Töchter wurde, und bot ihr ihr Haus zu ihrem Aufentalte an.
An der Seite ihrer teuren Henriette verlebte Elisa die ersten Jahre ihres angehenden Frühlings. Sie ordnete ihre allzu feurige Einbildungskraft, durch welche die junge Elisa hätte irre geleitet werden können. Am grab ihres Vaters wiederhohlte ihr Henriette oft seine Lehren, und gerührt erwiderte ihr einst Elisa: Ja, unvergesslich sind mir seine letzten Worte, unvergesslich ist mir seine Tugend, seine Grösse der Seele! Ach, Henriette! ich versprach es seinem Schatten, ihm ähnlich zu werden, sage, hielt ich mein Versprechen?
H e n r . Liebe Elisa, es zu wollen, ist schon Tugend.
E l i s a . Nein, nein, weg mit jener Gemeintugend, weg mit jenen guten Vorsätzen, welche unausgeführt bleiben! Sieh, Henriette, den reinen heitern Himmel, er soll immer das Bild meiner Seele sein, ewig rein und unbefleckt!
H e n r . Wohl Dir dann, meine Freundin, wenn dieses stets so ist. – O, dass Kummer immer so entfernt von Dir sein mag, als es das Laster gewiss sein wird!
E l i s a . Warum diese Betrachtung, Henriette? Ich kann erwarten, dass ich den Kummer nicht kennen werde. Ich kenne nur ein Glück, Liebe und Tugend können es gewähren. Mit einem edlen mann verbunden zu sein, ist das einzige Gut, nach welchem ich strebe; es wird mir zu teil werden, und an seiner Seite werde ich jedes Ungemach ertragen.
H e n r . Warum nur unter dieser Bedingung, Elisa? Wer hat Dir Dein los gesagt? Keine Schwärmerei! Sie wird Dich elend machen. Den Mann nach Deinem Herzen findest Du nicht. Sanfte, gefühlvolle, erhabene Seele, Du lebtest nur in der Einsamkeit, Du weisst nicht, wie in der Welt Leidenschaften und entgegengesetztes Interesse mit einander kämpfen, wie bald die Tugend unterliegt, wie besonders jene Delikatesse, jene seine Gefühle bald erstickt werden, welche in der männlichen Seele nie in der Stärke als in der weiblichen sind. O, Elisa! eine Eigenschaft fehlt Dir noch, ohne welche die Tugend nur Schwachheit ist, und welche die letzte Rede Deines Vaters Dich lehren sollte: Stärke der Seele, und richtige Beurteilung. Erwarte Mittelmässigkeit von den Menschen, erwarte von der Hand des Schicksals Kummer und Freude. Dieses –
E l i s a . Dieses waren seine Worte; glaube nicht, dass ich sie vergessen werde. Ach, Henriette! führe, leite mich. Ich kann es mir oft nicht vorstellen, dass die Menschen nicht eben so dächten, eben so empfänden, als ich. Alles Grosse und Schöne erregt ja ein so erhabenes Gefühl in uns, gefällt, so bald wir es erkennen, und erzeugt das Verlangen, es zu erreichen.
H e n r . Wohl wahr, meine Freundinn, wenn alle Menschen so wie Du und ich Zeit hätten, auf ihre inneren Gefühle zu merken. Wenn sie nicht vom Strome der Leidenschaften und von tausend begebenheiten hingerissen würden, welche es ihnen. unmöglich machen, richtig zu urteilen; und wenn endlich, noch ehe sie denken konnten, nicht schon ihr Geschmack eine falsche Richtung bekommen hätte, wo sie nicht mehr fähig sind, weder das Schöne zu erkennen, noch Gefühl dafür zu haben.
E l i s a . (Mit einem Seufzer.) Ach, Henriette! so würde ich mich ja fast allein in der Welt finden? so fände ich nicht Seelen, die mich verstehen, so müsste ich einsam, von den Menschen entfernt, meine Tage zubringen?
H e n r . Nein, ein so trauriges Bild wollte ich nicht in Dir erregen. Fliehen sollst Du die Menschen nicht, nur keine überspannten Begriffe von ihrer Tugend haben. Jede gute Seele wird Dich verstehen (und deren gibt es noch viele), wenn Du nicht Vollkommenheit von ihnen heischest. Nein, die Tugend selbst hörte auf, es zu sein, wenn sie nicht mit Menschen leben könnte; und welche gefühlvolle Seele wünschte nicht lieber von Menschen hintergangen zu werden, als nur in sich verschlossen zu leben?
E l i s a . Ich fühle die Wahrheit Deiner Worte, auch erwarte ich nicht, mich in jedem Menschen zu finden; aber es gibt doch deren gewiss, welche eben so denken, eben so empfinden, als ich.
H e n r . Weit entfernt sei es von mir, die menschliche natur so zu erniedrigen, um das Dasein schöner Seelen zu bezweifeln. Ja, sie sind noch, die, welche das Gute nur um seiner selbst willen lieben, die uneigennützig edel handeln, die Wohlwollen und Liebe für jedes Wesen empfinden.
Aber, ob Du sie antreffen wirst, Elisa? Ob sie sich nicht in der Menge verlieren werden, und Du sie dann nicht wahrnimmst? Wer kann dir das versprechen?
E l i s a .