mit Abscheu und Mitleiden auf die Elenden, welche auf unsern Landstrassen und in unsern Dörfern wimmeln, und welche niederträchtig genug sind, lieber vom Allmosen, als von ihrer hände Arbeit zu leben. Zum letzten Grade der Sittenverderbniss ist diese Menschenklasse gesunken; sie vereinigen mit der Roheit des ungesitteten Menschen alle Laster und Ausschweifungen gebildeter Nationen. Bei ihrem Anblicke trauert man, dass die Menschheit so tief sinken kann. Aber noch stärker wird dieses Gefühl, wenn man auf ihre Kinder blickt; sie von der natur mit allen Anlagen zum Guten begabt, und durch ihre Geburt zum Laster und Elende verdammt sieht! O, ihr Menschenfreunde! Generationen dem Laster und dem Elende entziehen, dieses müssten eure Bemühungen sein! Hierauf, Regenten, Minister, müsste eure Sorgfalt gerichtet sein! Es sind Menschen, diese unglücklichen Kleinen, welchen die natur gleiche Rechte mit Euch gab; Menschen, welche zu jedem Grossen und edlen fähig sind, deren Kräfte zum Nutzen ihrer Mitbürger gebraucht werden können; aber eure Nachlässigkeit erstickt jede Anlage zum Guten in ihnen, und macht sie, unter der Leitung ihrer älteren, gleich ihnen, zum Abschaum der Menschheit!
Einen teil dieser Kinder will ich dem Verderben entziehen, und sie zu nützlichen Mitbürgern machen. Noch in diesem Jahre lasse ich ein Gebäude für sie aufführen, und werde dann zehn Kinder, fünf Knaben und fünf Mädchen, erziehen lassen. Ich werde sie alle in einem Alter von zehn Jahren annehmen, und bis in ihr sechszehntes sollen sie in diesem Erziehungshause bleiben; die Knaben sollen Handwerke oder Feldarbeiten, und die Mädchen alle arbeiten lernen, welche sie in den Stand setzen, sich ihren Unterhalt zu verschaffen. Sie sollen in den Kenntnissen unterrichtet werden, welche für ihren Stand erforderlich sind, und unter der Aufsicht eines vernünftigen Mannes und eines vernünftigen Weibes stehen. Ausser den Kosten, welche die ersten Einrichtungen erfordern, wird diese Anstalt nicht sehr kostbar werden; das Gehalt des Mannes und des Weibes wird nicht sehr gross sein, da sie freie wohnung und freien Unterhalt bekommen; und ein Garten, der neben dem Gebäude sein wird, und den sie selbst bestellen sollen, wird sie fast hinlänglich mit Lebensmitteln versorgen; die Mädchen und auch die Knaben, welche keine Handwerke lernen, werden für uns arbeiten. So werde ich alle sechs Jahre mit wenigen Kosten, welche vielleicht nur das Opfer einiger neuer Kleider und einiger neuer Moden erfordern, zehn Menschen dem Elende entziehen, und sie vielleicht auf ihr ganzes Leben beglücken! O, Henriette! welche beseligende Aussicht! welch ein frohes Gefühl wartet meiner mein ganzes Leben hindurch! Könnte ich es doch allen Menschen begreiflich machen! Sie würden gewiss alle die Kleinigkeiten, die sie beschäftigen, mit dem Wonnegefühl vertauschen, welches sich in uns regt, wenn wir uns sagen können: ich habe Menschen beglückt!
Aber auch das sinkende Alter will ich unterstüzzen; Ruhe will ich auf die letzten Tage des Greises verbreiten. Er soll noch einmal lächeln, der Unglückliche, welcher sein Leben durchweint hat! – Ich lasse in Wallental noch ein Haus bauen, welches zehn Stuben entalten soll; alte dürftige Männer und Weiber nehme ich hier auf; zu jeder stube soll ein kleiner Garten sein, und alle Woche werde ich ihnen alles, was zu ihrem Unterhalt erforderlich ist, austeilen lassen, und jedesmal, wenn durch den Tod eines von ihnen eine Stelle ledig wird, soll ein anderer Unglücklicher sie ersetzen. Ich selbst werde die Aufsicht über dieses alles haben; ich selbst werde das Lager des Greises, und die wohnung der Kinder besuchen.
Und dieses alles auszuführen, hat mir Wallenheim erlaubt; im künftigen Frühjahre werden die Gebäude fertig sein, dann eile ich nach Wallental, und im Schoosse der gütigen natur will ich, indem sie Segen auf alle Sterblichen schüttet, am Glücke Einiger meiner Mitmenschen arbeiten.
Lebhaft und innig war mein Dank gegen Wallenheim; seitdem ich Hohnauschloss verliess, brachte ich noch nie einen so glücklichen Abend zu. Wallenheims Güte machte mich beherzt; ich hatte bemerkt, dass er sich wenig um seine Angelegenheiten bekümmerte, er hatte die Verwaltung seines Vermögens und seines Landguts einem Menschen übertragen, welcher mir nicht dieses Vertrauens würdig schien, ich hatte Nachlässigkeiten und Betrügereien entdeckt. Ich sagte ihm dieses und bat ihn, mir diese Verwaltung zu überlassen. Ich versicherte ihm, dass alle Geschäfte, durch welche ich ihm Vorteil verschaffen könnte, mir angenehm sein würden. Nun, sagte er lächelnd, so setze ich Sie als meinen Sachwalter ein, schalten Sie mit meinem Vermögen wie Sie wollen; ich will keine Rechenschaft fordern. – Ich habe auch heute schon angefangen, mir von dem Verwalter, dem Wallenheim den Abschied geben wird, alle Rechnungen und einen Bericht von Wallenheims Angelegenheiten geben zu lassen.
Zwar besitze ich zu solchen Geschäften weder Erfahrung, noch die erforderlichen Kenntnisse; allein Ordnung, Achtsamkeit und Fleiss sollen sie, bis ich sie erlangt habe, ersetzen. Die Aufsicht auf die häuslichen Angelegenheiten ist eine der ersten Pflichten des Weibes. Wenn ich in der Reihe der Geschöpfe keins erblicke, dessen Dasein ohne Nutzen ist, und ich sehe dann so viel Weiber, welche nichts zu dem grossen Zwecke der Schöpfung, Nutzen zu verbreiten, beitragen, welche unbekümmert ihrer selbst, ihrer Familie und ihrer Mitmenschen dahin leben, und der Bildsäule gleichen, welche nur zum Beschauen, nicht zum Wirken, dasteht, o dann seufze ich über unser Geschlecht! Solch ein Weib erniedriget sich unter die Ameise, welche für ihre