wenn ich es den Bedienten verböte, so würden sie mich nicht verraten, denn sie lieben mich; aber ich würde mich in ihrer achtung heruntersetzen, mich einigermassen von ihnen abhängig machen; und der Ruf, zuweilen die Ruhe eines Weibes, hängen von der Meinung ihrer Leute, und von dem, was sie von ihr sagen, ab. Die unschuldigste Handlung, wenn wir ihr den Anstrich des Geheimnisses geben, bekömmt den Anschein der Schuld, und gibt zu falschen Mutmassungen Anlass; man sollte dieses immer vermeiden. – O, wie viel Vorsicht muss man in der Ehe anwenden, wenn man sich stets in der achtung seines Gatten und seiner Untergebenen erhalten will! Und dieses ist notwendig zum Wohl der ganzen Familie. –
Ich kann Dir nicht sagen, mit welcher Empfindung ich jetzt an meinem Fenster die Luft einatme, welche ich unter dem freien Himmel nicht geniessen darf. Es ist ein gemischtes Gefühl von Ruhe und Traurigkeit; eine dunkle Empfindung von Abhängigkeit, und dann wieder das Bewusstsein: ich verdiene diese Begegnung nicht. O, dann scheint mir der Himmel heiterer zu sein! Mein Herz schlägt mir vor Freude, es erhebt sich, es blickt mit Gleichgültigkeit auf alle begebenheiten des Lebens; denn es fühlt, dass etwas in ihm ist, welches es über sie erhebt, und es mächtiger macht, als das Schicksal. – Henriette, es ist mir ein tröstender Gedanke, dass, so lange ich der Tugend anhänge, ich standhaft sein werde, alle Widerwärtigkeiten zu ertragen. – Dank der gütigen Vorsicht, dass mein Platz in der Reihe der Geschöpfe so war, dass meine Seele zum Guten gebildet werden konnte! Jeder Umstand meiner Jugend, welcher meinem geist eben diese Bildung gab, war eine Quelle immerwährender Zufriedenheit für mich, und ohne Furcht blicke ich in die Zukunft, welche mir trübe scheint." –
Mit eben der Ruhe empfing Elisa ihren Gatten, als er zurück kam; sie freuete sich in der Tat, ihn wieder zu sehen, und ihre Blicke sagten es ihm. Sie verdoppelte nun ihr Bestreben, ihm zu gefallen, und jeden Argwohn von ihm zu entfernen; aber kälter, als sonst, war jetzt Wallenheim gegen seine gattin! Nach einigen Wochen schrieb Elisa wieder an Henrietten:
"Ich habe Dich immer von meinem Schmerz unterhalten, nimm auch heute teil an meiner Freude. Henriette, es öffnen sich mir Aussichten des Glucks! Ich kann noch wieder vergnügt und heiter werden, wie ich es in meinen glücklichen Tagen in Hohnauschloss war. – Doch ich muss Dir die Veranlassung meiner Freude erzahlen. – Wallenheim war, seitdem er zurückgekommen, mürrischer noch als zuvor; oft vergingen Tage, ohne dass wir zusammen sprachen; denn er antwortete mir nicht auf meine fragen, und schien mich nicht zu hören, wenn ich mit ihm sprach. Ich verdoppelte nun meine Aufmerksamkeit und meine Gefälligkeiten gegen ihn; ich bedauerte ihn aufrichtig: denn wie viele Freuden des Lebens muss er entbehren, da er seine Seele vor allen den Empfindungen verschliesst, welche sie uns geniessen lassen! Diese Betrachtung machte mich nachsichtig gegen ihn. Ich verziehe ihm, denn ich fühlte, dass, obgleich eingeschlossen, obgleich getrennt von allen, die ich liebe, fast von aller menschlichen Gesellschaft, ich doch noch glücklicher war, als er.
Gestern Abend war er mürrischer als gewöhnlich zurückgekommen; stumm und verdrüsslich sass er in meiner stube auf dem Sofa, und schien mich kaum zu bemerken; ich ging an das Clavier, spielte und sang eine Arie, deren Melodie sanft, einnehmend un fröhlich war; sie erregte Wallenheims Aufmerksamkeit. Als ich dieses bemerkte, wiederhohlte ich sie, und er stellte sich nun hinter meinen Stuhl. Wie ich geendigt hatte, bat er mich fortzufahren. Man kann Sie nicht ohne Vergnügen hören, sprach er. Ich wählte nun lauter Stücke von gefälliger Melodie, und bestrebte mich, meinen Vortrag angenehm zu machen; er blieb neben mir stehen, wurde heiter, wir scherzten zusammen, endlich umarmte er mich, und sagte: Ich danke Ihnen, Elisa, Sie haben meine Launen weggespielt! Ich fühle, dass ich heute diese Aufmerksamkeit von Ihnen nicht verdiente! Ich erwiderte seine Umarmung: Möchte ich doch immer so glücklich sein, Wallenheim, Ihnen jeden Verdruss vergessen machen zu können! Gewiss, dieses sollte die angenehmste Beschäftigung meines Lebens werden! Er küsste meine Hand: Sie sind ein liebes gutes Weib, ich erkenne es, dass ich oft Ihrer Nachsicht bedarf!
Ich lächelnd. Und glauben Sie nicht, Wallenheim, dass ich nicht auch auf die Ihrige rechne? O, ich bin zu eigennützig, um etwas unentgeldlich zu geben!
Er lachte, küsste mich und sagte; Ich kenne Sie und mich genug, um mutmassen zu können, dass ich Ihr Schuldner bleiben werde. So scherzten wir noch einige Zeit; wir setzten uns auf den Sofa, und zum Erstenmale wurde unser Gespräch vertraulich. Ich hatte schon lange einen Plan gehabt, zu dessen Ausführung aber ich Wallenheims Einwilligung bedurfte; ich entdeckte ihn ihm, und er willigte in mein Verlangen. O, wie viele Freuden schenkte er mir mit dieser Einwilligung! Du weisst, Henriette, dass es immer mein Wunsch war, die Zahl der Unglücklichen vermindern zu können; meine Lage setzt mich in den Stand, ihn zum teil in Erfüllung zu bringen, und ernstlich dachte ich, seitdem ich in Wallental bin, auf Mittel, meinen Mitgeschöpfen nützlich zu werden. Ich sah stets