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, Herrmann, gewähren Sie mir. Nehmen Sie dieses Gemählde mit, ich darf es nicht länger besitzenAber Ihr Bild soll als das Bild eines teuren Freundes ewig in meinem Herzen leben!

Er nahm es, seufzte, drückte noch einen Kuss auf ihre Lippen, und flog fort! Ihre Blicke folgten ihm, und ihre Tränen flossen, als er vor ihnen verschwand. Erst einige Augenblicke war Herrmann fort, als Elisa Wallenheim kommen sah; er war an diesem Tage früh zurückgekehrt, und hatte Herrmann aus dem Garten kommen sehen, er fand Elisa'n weinend.

W a l l e n h . Wer war das, der so eben von Ihnen ging?

E l i s a . Birkenstein.

W a l l e n h . Sie scheinen es vergessen zu haben, dass Sie mir einst sagten, Sie würden sich immer erinnern, dass Sie meine gattin wären! Oder denken Sie nur daran in meiner Anwesenheit, und glauben Sie, dass Ihre Pflichten aufhören, sobald ich abwesend bin?

E l i s a . Ich scheine diesen Vorwurf zu verdienen, und doch, Wallenheim, bin ich noch eben so schuldlos, als da Sie mich verliessen.

W a l l e n h . Vielleicht hatten Sie auch da schon Ihren Geliebten bestellt.

E l i s a . Diese Vermutung ist demütigend für mich; nie glaubte ich Sie dazu berechtiget zu haben. Birkenstein kam, um Abschied von mir zu nehmen, weil er sein Vaterland verlässt, und wenn ich schuldig bin, so bin ich es nur, dass ich litt, dass er so lange hier verweilte.

W a l l e n h . Weil dieses verursachte, dass ich ihn gesehen habe, und Sie nun Ihre Zusammenkünfte werden einstellen müssen.

E l i s a . Diese Worte kränken mich nicht, Wallenheim, das Gefühl der Unschuld lässt sie mich ertragen.

W a l l e n h . Ich bin solche schöne Phrasen von Ihnen gewohnt, und um dass Sie diese erhabene Teorie desto leichter in Ausübung bringen mögen, so verbiete ich Ihnen, so lange wir noch in Wallental sind, Ihr Zimmer zu verlassen: Ihre Spatziergänge geben Anlass zu begebenheiten, welche nicht meinen Beifall haben.

E l i s a . Könnte ich doch durch die willige Aufopferung dieses Vergnügens Ihnen beweisen, wie bereit ich immer sein werde, jeden Ihrer Wünsche zu erfüllen!

W a l l e n h . (Kalt.) Heute haben Sie dazu den Anfang nicht gemacht; doch soll es mich freuen, wenn es in der Folge geschieht.

Er verliess hierauf Elisa'n, und sie ging zurück in ihr Zimmer; sie sah ihn an diesem Abend nicht mehr, und am andern Morgen reiste er weg, ohne Abschied von ihr zu nehmen, und war einige Tage abwesend. Geduldig ertrug sie diese Begegnung. Es waren noch einige schöne Herbstage, sie genoss ihrer nur an ihrem Fenster, aber sie murrte nicht; sie schrieb hierüber folgendes an ihre Henriette:

"Noch einmal habe ich Herrmann gesehen, noch einmal mich von ihm getrennt! O, Henriette! ich konnte den Schmerz nicht unterdrücken, ich konnte nicht gleichgültig scheinen, aber doch dachte ich an meine Pflichten, und gewiss, Empfindungen, die wir nicht zu erregen suchen, die wir aber doch unwillkührlich hegen, können uns nicht schuldig machen! Herrmann wird mir immer der teuerste von allen Männern sein. Meine Leidenschaften werde ich bekämpfen, aber das innige Gefühl der achtung, ein lebhaftes Interesse an seinem Schicksal werden immer gleich stark in mir sein. Und doch werde ich mich als gattin nicht schuldig finden, weil ich stets über mich wachen werde, um diese Empfindungen nicht zu stark werden zu lassen. Sie sind unwillkührlich, sie gründen sich auf Tugend, auf gegenseitige achtung und Uebereinstimmung; aber die Vernunft soll sie leiten, und Festigkeit im Charakter wird mich der Liebe und der Sinnlichkeit widerstehen lassen. So kann ich ohne Gefahr Empfindungen hegen, welche zu stark sind, als dass ich sie gänzlich unterdrücken könnte; aber gewiss, hätte ich nicht den festen Vorsatz, alle meine Pflichten genau zu erfüllen, und alles zu entfernen, was mich daran hindern könnte, so würde ich fürchten, dass Liebe unter der Larve von achtung und Freundschaft, in meinem Herzen versteckt bliebe, und mich endlich, durch Sophistereien, welche die Sprache der Vernunft und Tugend entlehnen, von meinen Pflichten entfernte. So gefährlich ist es, wenn wir einem andern mann in unserm Herzen den Vorzug gewähren. – O, das Weib, welches dieses weiss und sich nicht täglich prüft, nicht eine beständige Aufmerksamkeit auf sich selbst, und auf ihre geheimsten Empfindungen hat, wird endlich, selbst mit den besten grundsätzen, mit anhänglichkeit an Tugend und an ihre Pflichten, doch von ihnen entfernt; sie wird ihre stimme nicht mehr hören, wenn sie vernachlässiget hat, die Liebe zu bekämpfen: Ich, meine Henriette, will mir diesen Vorwurf nie machen; Nachsicht gegen mich selbst werde ich mir nie erlauben, sie ist immer Schwachheit. –

Wallenheim glaubt mich schuldig, er hat Herrmann weggehen sehen, und hat mir verboten, mein Zimmer zu verlassen, so lange wir noch in Wallental wären; und ich lebe jetzt, gleich einer Gefangenen. Aber ich verzeihe Wallenheim; der Schein war wider mich, und an Tugend glaubt er nicht. Er ist jetzt abwesend, ich könnte sein Gebot überschreiten, und