Sie würden nicht länger zu dem Sittenverderbnisse beitragen, welches durch die Ehen, welche Interesse knüpfet, und in welchen gegenseitige Abneigung sich verbindet, so sehr befördert wird! – Ich muss aufhören, Henriette, – diesen Gegenstand hätte ich nicht berühren sollen, mein Herz leidet zu sehr dabei. – Lebe wohl!" – Oft wurde Elisa durch ähnliche Betrachtungen in Traurigkeit versenkt, aber immer entriss sie sich ihr. Aufrichtig war ihr Bestreben, eine stets gleich heitere Laune zu erhalten; nie sah Wallenheim auf ihrem gesicht die Spur von Tränen, welche sie oft in der Einsamkeit vergoss, und doch blieb er, ungeachtet aller Bemühungen seiner gattin, mürrisch und in sich verschlossen. Elisa scherzte um ihn, und kaum lächelte er; sie suchte jene Vertraulichkeit gegen ihn anzunehmen, ohne welche selbst die Liebe bald erkaltet, aber Wallenheim erwiderte sie nicht. Er fuhr fort seine Tage auf der Jagd zuzubringen, oder Besuche in der Nachbarschaft zu machen, doch nie in Elisa's Begleitung. Die ziemlich späte Jahrszeit, denn schon näherten sie sich der Mitte des Herbstes, erlaubte Elisa'n nur selten noch spatzieren zu gehen, und sie brachte Tage zu, ohne ihr Zimmer zu verlassen. Sie waren bereits zwei Wochen in Wallental, als ein schöner Herbstmorgen den braunen Tannenwald vergoldete. Die Sonne schien noch einmal der Erde zuzulächeln, prachtvoll warf sie ihren Glanz auf die gelben Blätter, welche der Herbst gefärbt hatte. Elisa ergötzte sich an diesem Anblicke. natur, rief sie aus, selbst wenn du dahin sinkest, bist du schön! Sanfte Freude liegt noch auf dir verbreitet! O, dass ich auch einst, in meinen letzten Tagen, so zurückschauen könnte auf den Sommer meines Lebens, und mich seiner freuen! Ruhig und heiter eilte sie nun hinaus; ihr Gefühl war Freude, sie vergass auf einen Augenblick ihre Leiden, um im Angesichte der natur den Empfindungen der Bewunderung und der Verehrung gegen den Urheber alles Daseins nachzuhängen. Plötzlich sah sie ohnweit vom dorf ein Weib ohnmächtig auf dem Grase liegen; sie näherte sich ihr. Heftige Krämpfe verzogen bald alle Muskeln dieser Unglücklichen, und Elisa's Beistand vermochte nicht, sie ins Leben zurückzurufen. Elisa eilte in das Dorf, und so schnell als möglich kehrte sie mit noch mehrern Personen zur hülfe des armen Weibes zurück. Sie wurde in das Dorf gebracht, und Elisa ging selbst in das Schloss, um einige Arzneimittel zu hohlen; sie verliess die Frau nicht eher, als bis sie ganz wieder hergestellt, und kein Rückfall mehr zu befürchten war. Sie kehrte nun zurück; aber Wallenheim war schon vor ihr zu haus gekommen; sie eilte zu ihm: Verzeihen Sie, mein Bester, sprach sie, dass ich so spät zurück gekommen bin; allein eine Unglückliche, der ich begegnete, welche leblos auf dem Boden lag, heischte hülfe von mir, und dieses hat mich so lange aufgehalten.
W a l l e n h . (Kalt.) Sie täten wohl, wenn Sie lernten die Pflichten der Menschlichkeit mit den Pflichten gegen Ihren Gatten vereinigen.
Elisa schwieg; sie unterdrückte selbst einen Seufzer, der aus ihrer Brust sich drängen wollte. Wallenheim sprach während der ganzen Mahlzeit nicht, und nur beim Weggehen sagte er: Ich hoffe, Elisa, dass Sie mich am Abend nicht wieder werden warten lassen? Erteilen Sie Ihre hülfe zur rechten Zeit, damit Sie Ihre Schuldigkeit nicht versäumen.
Er ging fort, und Tränen strömten von Elisa's Wangen. Welch eine Zukunft stellte sich ihr dar, und o wie bitter waren ihre Empfindungen! Sie wollte sie unterdrücken, und ging an ihren Schreibtisch, um an Henrietten zu schreiben. In einem Kästchen verschlossen lag da Herrmanns Gemählde. Noch hatte Elisa das Kästchen nicht geöffnet, seit dem Tage, an dem sie das Gemählde hineingelegt hatte. Heute öffnet sie es unwillkührlich, und der Anblick des Gemähldes verdoppelt ihren Schmerz. Sie nimmt es heraus, sie küsst es: Ach, Herrmann, sprach sie, du hättest mir nicht so begegnet! Bewegt legt sie es weg, bald ergreift sie es aber wieder: Ich will nicht strafbar werden, ruft sie aus, ich will es Henrietten schicken, aber noch einmal will ich diese Züge betrachten, die ich nie wieder sehen werde! Zu bewegt, um schreiben zu können, ging sie in den Garten, indem sie noch das Gemählde hielt. Noch erwärmte die Sonne die Atmosphäre, und Elisa setzte sich, beleuchtet von ihrem milden Strahl. Alle Scenen der Vergangenheit stellten sich ihr jetzt lebhaft dar, und bei jeder Rückerinnerung benetzte Elisa das Gemählde mit ihren Tränen. Sie sass da, den Kopf auf ihre Hand gestützt, als der Fusstritt eines Menschen sie aus ihrem Nachdenken weckt; sie blickt auf, und – Herrmann steht vor ihr. Der Schreck machte sie sprachlos. Herrmann schloss sie in seine arme: Verzeihen Sie, Elisa, rief er aus, ich entferne mich auf ewig von Ihnen, und nur noch einmal will ich Sie sehen!
E l i s a . Herrmann, besser wäre es für uns, wir hätten uns nie gesehen!
H e r r m . Elisa, gönnen Sie mir nicht einen Augenblick Erleichterung meiner Leiden?
E l i s a . O, Herrmann! Diese Sprache darf ich nicht mehr hören! Sie wissen nur zu gut, wie sehr Ihr Kummer mich schmerzt!
Sie wischte bei diesen Worten eine Träne aus ihren Augen,