, oder das Schloss, wie es die Einwohner nennen, ist in einiger Entfernung vom dorf; hohe Linden und Kastanienbäume beschatten den grünen Hofplatz, und verdunkeln die grossen, gewölbten Zimmer des Hauses, an welches auf der entgegengesetzten Seite der Garten stösst. Dunkle Cypressengänge laden hier die Seele zu melancholischen Betrachtungen ein, aus welchen sie durch nichts erweckt wird; denn ein schwarzer Tannenwald, der gleich hinter dem Garten anhebt, begränzt die Aussicht. Die natur scheint hier in ewiger Trauer verhüllt; in den hohlen Tannen haben die Unken ihre wohnung aufgeschlagen, und singen ihr Trauerlied. In der Ferne hört man einen Wasserfall, der sich mit dem Eulengeschrei, und mit dem Brausen des Windes vermischt. – Und hier, Henriette, bringe ich meine Tage allein zu; denn die Jagd ist Wallenheims liebste Beschäftigung, ihr weihet er jede Stunde des Tages. Früh so wie der Tag anbricht, entfernt er sich; zwar kehrt er zum Mittagsessen zurück, allein nach geendigter Mahlzeit eilt er schon wieder fort; und ich bleibe dann allein mit meinen Gedanken. – O, Henriette, sie sind oft quälend! Herrmanns Bild drängt sich dann mit Gewalt in mein Herz, lebhaft wird die Vorstellung seiner Liebe, und wider meinen Willen vergleiche ich Wallenheim mit ihm. – Ach, ich fühle dann auch, dass ich schuldig bin! Heisse Tränen der Reue vergiesse ich, und doch möchte ich sie vor Wallenh im verbergen. Ich erzwinge Heiterkeit auf meinem gesicht, und in seiner Gegenwart öffnet sich mein Mund dem Lächeln der Freude. Ich weiss es zu gut, dass meine Schwermut ihn noch mehr von mir entfernen würde, und mein ganzes Bestreben ist jetzt, ihn Vergnügen in meiner Gesellschaft finden zu lassen. – Aber ich habe auch angefangen, die dunkeln Bilder meiner Phantasie, und die nur zu wirklichen Empfindungen meiner Seele zu zerstreuen. O, es gibt nur eine Art Zerstreuung für mich, und diese suche ich. Ich muss die Leere in meinem Herzen ausfüllen, ich muss Empfindungen darin unterdrücken, und wie werde ich es besser können, als wenn ich andere an ihre Stelle setze? – Ich habe meinen Spaziergängen einen Zweck gegeben, der mich stets heiter zurückkehren lässt; ich besuche die Einwohner des Dorfs, ich unterhalte mich mit ihnen, ich suche ihre Liebe, ihr Vertrauen zu erlangen, und will mich beschäftigen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, ihre Begriffe aufzuklären, jede Last ihnen zu erleichtern, und jedes ihnen nützliche Vergnügen zu verschaffen. Durch ein gutes Beispiel, durch Wohltaten, Herablassung und jene Popularität, vermöge welcher man durch gespräche die Begriffe des gemeinen Mannes aufklären, und ihm ein richtiges Urteil über Recht und Unrecht geben kann, geschieht es, dass man zur Vervollkommnung einer Menschenklasse beitragen kann, welche noch der Aufmerksamkeit selbst der besten Menschen entgeht. Wie mancher würdige Gutsbesitzer könnte, wenn er auf diesen Gegenstand seine Aufmerksamkeit richtete, in dem kleinen Bezirke, in welchem sein Wille Befehl ist, Generationen beglücken, und das durch höchst einfache Mittel! Der falsche Wert, den man den meisten Dingen beigelegt hat, ist schuld, dass so wenig Menschen das wirklich Nützliche erkennen, und es befördern. Fast jede Staatsverwaltung ist ein glänzendes Rad, woran ein Jeder sich hänget, unbekümmert, ob die Säulen, welche es stützen, auch Festigkeit genug haben. Der gemeine Mann, der in allen Staaten den grössten teil der Einwohner ausmachet, ist der, auf dessen moralische Bildung und physische Verbesserung seiner Lage am wenigsten Sorgfalt verwendet wird. Glänzende politische Anschläge beschäftigen die Köpfe der Minister, aber dem Wohl des volkes weihen sie nicht eine Stunde. Henriette, man sollte glauben, die Menschen wären der Convenienz und des politischen Gleichgewichtes wegen da, so sehr beschäftigen sich unsere grössten Köpfe mit allem dem glänzenden Nichts, und so wenig mit Menschenglück. – Doch wo gerate ich hin? Ich wollte Dir sagen, dass ich mich bestreben will, in der Sphäre, in der ich mich befinde, so viel als möglich, nützlich zu werden; dass dieses mich stark machen wird, jede Widerwärtigkeit zu ertragen, und dass dieses Wirken zum Wohl meiner Mitmenschen mich von dem gegenstand abziehen wird, der so tief in meinem Herzen eingegraben ist. Untätigkeit nährt jede leidenschaft, keinen Augenblick erlaube ich sie mir; und mit jeder Stunde erkenne ich es, wie gross der Nutzen ist, wenn die Erziehung unsern Geist ausgebildet, und uns Talente gegeben hat. Wie manches junge Weib wird zur Coquette, weil mit einem gefühlvollen Herzen und einem lebhaften verstand, sie nicht gelernt hat, sich zu beschäftigen; das Lesen einiger Romane, und unsere Handarbeiten, können ihr nicht hinlängliche Unterhaltung gewähren; sie wird immer eine Leere in ihrem Herzen empfinden, durch nichts kann sie sie ausfüllen, als durch eine leidenschaft, welcher man oft mit den festesten grundsätzen kaum zu widerstehen vermag. – älteren, wenn Ihr eure Töchter zu Opfern bestimmtet, o so lehret sie die Mittel, ihren Geist zu unterhalten, wenn diese unglücklichen Geschöpfe nicht die Schande ihrer Familie, und die Zerstörerinnen dessen Glücks werden sollen! – Diese Betrachtungen lehrt mich mein eigenes Schicksal, und könnte ich sie doch allen älteren lebhaft vorstellen, könnte ich ihnen die Empfindungen schildern, welche das Herz eines jungen Weibes zerreissen, welche sich auf Lebenslang mit dem Mann verbunden sieht, gegen den sie Widerwillen heget, und der sie mit Gleichgültigkeit behandelt! – O, sie würden vielleicht aufhören, die Tyrannen ihrer Kinder zu sein!