Wer verbietet Dir, den Deinigen zu lieben?
Ein blick voll Verachtung war Elisa's einzige Antwort.
B . v . H . Caroline, vielleicht kennst Du ein junges Mädchen, welches Dir Henriettens Stelle ersetzen würde? Lass sie mit Elisa'n ziehen, sie liebt Sie ohnehin mehr als Dich.
C a r o l . Aber mir gefällt Henriette. Ich verlange keine andere Gesellschafterinn, und sehe Elisa's Forderung als eine Unbilligkeit an.
B . v . H . Nun denn mag Henriette hier bleiben. (Zu Elisan.) Du wirst es selbst einsehen, Elisa, dass ich Carolinen dieses nicht wohl abschlagen kann.
E l i s a . Sie wissen, meine Mutter, dass Ihr Wille mir immer heilig ist.
Elisa verliess hierauf das Zimmer; weinend ging sie zu ihrer Henriette; sie umarmte sie, und hieng lange an ihrem Halse.
E l i s a . (Nachdem sie sich wieder aufgerichtet hat.) Auch diese Wonne ist mir versagt, meine Henriette, Du darfst nicht mit mir gehen.
H e n r . (Tränen rollten von ihren Wangen.) Elisa, ich soll Dich verlassen?
E l i s a . Es ist meiner Mutter und Carolinens Wille.
H e n r . Zum erstenmale empfinde ich mit Schmerz meine Abhängigkeit.
E l i s a . Ach, es ist hart, sich von Allem zu trennen, was einem teuer ist!
(In diesem Augenblicke tritt Wallenheim herein.)
W a l l e n h . Haben Sie schon alle Anstalten zu unserer Abreise getroffen? Ich werde morgen früh wegreisen.
E l i s a . (Trocknet ihre Augen.) Ja, mein Bester, ich werde Sie gewiss nicht auf mich warten lassen.
W a l l e n h . (Spöttisch.) Und ich besorgte fast, Sie würden mir gar nicht folgen können?
E l i s a . Warum das?
W a l l e n h . (Im vorigen Tone.) Ihre Augen lassen mich mutmassen, dass Sie die Trennung nicht ertragen werden?
E l i s a . Können Sie es mir verdenken, Wallenheim, dass ich Schmerz empfinde, indem ich meine Mutter, die Gespielinn meiner Jugend, und den Ort verlasse, wo ich bisher so glücklich war?
W a l l e n h . Sie brauchten ihn mir aber doch nicht in seiner ganzen Stärke zu zeigen?
(Wallenheim entfernte sich jetzt, Elisa seufzte und schwieg.)
Es war am sechsten Tage nach ihrer Verbindung mit ihm, als sie Hohnauschloss verliess. Sie umarmte ihre Mutter und Carolinen, und benetzte ihre Wangen mit ihren Tränen; aber als sie Henrietten in ihre arme schloss, da schlug ihr Herz heftiger, ihr Schmerz war stumm, und ihr Mund sprach das Lebewohl nicht aus. Auf dem Schlosshofe waren alle Einwohner Hohnau's versammelt. Sie wollten sie segnen, sie noch einmal sehen, sie, die so oft Freude in ihren niedrigen Hütten verbreitet hatte. Alles drängte sich um sie, und Elisa nahm von einem Jeden Abschied, und drückte denen, von welchen sie wusste, dass sie arm waren, noch einige Goldstücke in die Hand. Auch Harbergen erblickte sie; er ergriff ihren Rock, küsste ihn und weinte, und sie hörte ihn sagen: Ach, unser guter junger Herr! was wäre er glücklich gewesen! Diese Worte erschütterten sie stark; sie stieg eilends in den Wagen, wollte ihren Tränen Einhalt tun, und vermochte es nicht. Der Wagen rollte fort; noch einmal überschauete sie die Fluren, welche sie froh durchwandelt hatte, an der Hand der Liebe und der Freundschaft. Das Andenken an Herrmann und an Henrietten drängte sich an ihr Herz, und einige Augenblicke, vergessend, dass Wallenheim an ihrer Seite sass, hieng sie ganz ihrem Schmerze nach. Allein ein blick auf ihn, sagt ihr, dass sie schuldig ist; sie trocknet ihre Augen, und verschliesst tief in ihr Herz die Leiden, welche es zerreissen.
Ernst und finster waren Wallenheims Blicke; Elisa sucht ihn aufzuheitern, keine Träne entschlüpft mehr ihrem Auge, sondern nur beschäftigt ist sie, die Wolken von der Stirne des Gatten wegzutreiben. Allein es gelang ihr nicht; denn Wallenheim war stets in sich verschlossen. Nie hatte sich sein Herz der Freundschaft oder der Liebe geöffnet! er kannte Begierden, aber nicht Empfindungen; die Menschen waren ihm gleichgültig, und die Vergnügungen, welche er liebte, waren wild und rauh, wie seine Seele war.
Sie langten am zweiten Tage ihrer Reise in Wallental an; (so hiess das Landgut Wallenheims.) und nach einigen Tagen schrieb Elisa folgenden Brief an ihre Henriette: "Meine teure Henriette!
Auch entfernt von Dir ist mir Deine Freundschaft noch Trost. Ach, ich kenne jetzt nur die Sprache des Zwanges! Wie wohl ist mir, dass ich einmal wieder die der Freiheit sprechen darf! Du lasest stets in meiner Seele, und Du allein sollst auch noch ihre geheimsten Gedanken wissen. Nein, diese meine Offenherzigkeit gegen Dich kann nicht strafbar sein! Du bist verschwiegen, und was ich der Freundschaft entdecken darf, soll für jeden Andern tief in meiner Brust verschlossen bleiben. – O, Henriette, sollte ich Dir jetzt meine Empfindungen schildern, oder vielmehr würde ich es können? – Doch eine Beschreibung von Wallental wird Dir einen Begriff von meiner jetzigen Lage geben. Das Wohnhaus