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: Ich glaube an keine Unsterblichkeit der Seele, sie sagt nur: Die Zukunft sei wie sie wolle, ich sterbe ruhig, weil ich mit dem Bewusstsein sterbe, meine Pflichten erfüllt zu haben. Ich finde dieses Gefühl in dem tugendhaften Sterbenden so natürlich, dass ich Elisa nie anders sterben lassen könnte; und wohl dem Menschen, der mit diesem Gefühl in den Tod gehen kann! – – Doch sollte Elisa zum Drittenmale verändert erscheinen, so würde ich sie nun gar nicht mehr sterben lassen. Der Rezensent sagt zwar selbst, dass die Wendung verbraucht ist, ihr ihren ersten Geliebten zum zweiten Gatten zu geben; wünschen Sie aber noch eine dritte Auflage von Elisa zu machen, so will ich sehen, wie mir diese Wendung gelingen wird, ob ich mir gleich nicht viel davon verspreche, da ich wenig Neues hinzufügen könnte, indem meine Gedanken über weibliche Pflichten in der Elisa, wie sie gegenwärtig ist, entalten sind. Doch ich würde alsdann meinen Versuch Ihrer Prüfung überlassen, und es würde Ihnen immer frei stehen, ob Sie diesen Anhang der Elisa beifügen wollen oder nicht. Ich bitte Sie, mir hierüber bald zu antworten, und mir Ihre Gedanken mitzuteilen. – Nur kann ich Ihnen nicht versprechen, das Geschäft bald zu beschleunigen, denn ich erwarte in einigen Monaten, Mutter zu werden, welches mir bei dieser Arbeit einige Hindernisse verursachen könnte. Was Ihr zweites Verlangen betrifft, so kann ich Ihnen die Erfüllung desselben nicht gewähren. Ich sage Ihnen meinen Dank für Ihre Verschwiegenheit, und bitte Sie, sie in Absicht meiner beizubehalten. Ich bin so wenigen Menschen bekannt, dass durch Nennung meines Namens ich doch den meisten, welche mein Buch lesen, nicht bekannter werde, und in dem Zirkel, in welchem ich lebe, würde die Nennung meines Namens als eine Anmassung gelten, die mir einen teil der achtung und des Zutrauens rauben könnte, deren ich jetzt geniesse" u.s.w.

Alle diese hier von der Verfasserinn selbst aufgestellten Gründedie notwendigkeit der baldigen Erscheinung dieser dritten Auflage, da ich kein einziges Exemplar mehr hatte, und die Nachricht, dass in Mannheim ein elender Nachdruck existire, bestimmten mich, auf alle Umänderung Verzicht zu tun. Mitin tritt Elisa bloss verschönerter, und völlig von allen kleinen Fehlern frei, zum Drittenmale auf, und in dieser Gestalt ist sie auch zum Behuf für Lernende der französischen Sprache, in dieser Sprache übersetzt worden. – Heil und Segen der würdigen Verfasserinn; denn ihre Lehren und ihre aufgestellten Beispiele der Tugend müssen hundertfältige Früchte bringen. "Fast ein halbes Jahrhundert habe ich durchlebt, viele Menschen habe ich gesehen, aber selten wahres Glück angetroffen; ich habe Unwürdigen Ehrenstellen erteilen, und sie vom Rechtschaffnen, aber minder Beglückten, beneiden sehen; aber nicht den gefunden, der bei harten Schlägen des Schicksals sich sagte: und dennoch bin ich glücklich! Nicht den, dessen Wünsche nicht seine Kräfte überschritten hätten, der zufrieden mit dem platz, den das Schicksal ihm angewiesen, sich nicht immer aus demselben versetzt, und allentalben Glück, nur da wo er sein musste, Unglück sah. Und eben weil die Menschen nie ihrer Lage gemäss denken und handeln, entsteht so mannichfaches Uebel. Nein, die Welt ist weder ein Himmel noch eine Hölle, und die Menschen weder Engel noch Teufel! Manche frohe Stunde wirst Du haben, meine Tochter, aber auch manche Leiden warten Deiner. Erwarte stets beides. Denke im Taumel des Glücks, dass ein fernes Uebel Dir droht, und in Widerwärtigkeiten vergiss nicht, dass auch dann noch Freude Dir lächelt. Sei in beiden Dir gleich, sei immer tugendhaft. Handle, wie Du handeln musst. Sei stets da, wo das Schicksal Dich berief, dann wird Stärke des Geistes Dich nie verlassen, und der Schimmer des Glücks Dich nie verführen. Liebe die Menschen, ertrage sie, verzeihe ihnen Beleidigungen, wirke stets Gutes, so viel Du kannst, und Du wirst nie das Unglück kennen."

So sprach auf seinem Sterbebette der Baron von H o h n a u zu E l i s a , seiner dreizehnjährigen Tochter, und starb bald darauf. Seine Worte prägten sich tief in ihr Herz; sie fiel nieder bei der Leiche ihres Vaters, küsste seine erstarrte Hand, und sprach: Vater, ich will stets Deine Tochter sein! Lange blieb sie sprachlos bei dem entseelten Leichnam liegen; ihre junge Seele fasste ganz den Schmerz der Trennung. Elisa trauerte lange um den Verlust ihres Vaters, aber im Frühlinge des Lebens ist der Schmerz nicht dauernd, er sollte es am Abende auch nicht sein. – Elisa hörte auf zu weinen, aber sie vergass nicht die Lehren ihres Vaters; sein Bild umschwebte sie, und seinen Schatten zu verehren, bildete sie ihre Seele zu jedem Guten. In einer der grössten Städte Deutschlands hatte der Baron von Hohnau mit seiner Familie gelebt. Sie bestand aus seiner Frau und zwei Töchtern, von welchen Elisa die älteste war; ihre Mutter verliess die Stadt nach dem tod ihres Mannes, und begab sich auf das Land.

Die Baroninn von H o h n a u verband mit einem guten Herzen und einem richtigen verstand viele Fehler: stolz, strenge, von einem kalten, gleichgültigen Charakter, war sie immer bereit, zu verdammen; die unschuldigsten Handlungen hörten es auf in ihrem Auge zu sein, sobald sie der Schicklichkeit zuwider waren, und Ahnenstolz nannte sie Schicklichkeit. Ganz das Gegenteil der sanften,